Sie wollen doch alle nur das Gleiche, sagt Imbolo Mbue in einem Interview mit der „Huffington Post“, etwas ganz Simples: glücklich sein. „Hinter all dem Geld, der Rasse, der Klasse sind sie einfach nur Menschen.“ Die Autorin spricht über die Protagonisten ihres Romans, meint aber ebenso uns alle.

Imbolo Mbue, 1982 in Kamerun geboren, kam mit 16 Jahren zum Studium in die USA, wo sie seither lebt. Sie hat selbst das Auf und Ab des Migrantendaseins und die Härten und Chancen des American way of life erfahren. Während der Finanzkrise von 2008 verlor sie ihren Job in einem Medienunternehmen, nutzte aber die Zeit der Arbeitslosigkeit auf kreative Weise: Sie schrieb ihren ersten Roman. „Das geträumte Land“ (im Original: „Behold the Dreamers“) machte die Debütantin im vergangenen Jahr zum Shootingstar am US-amerikanischen Literaturhimmel. Und dieser Hype trifft auf jeden Fall mal die Richtige.

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Das geträumte Land
Imbolo Mbue: „Das geträumte Land“. Aus dem Englischen von Maria Hummitzsch. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2017, 432 S., 22 Euro

Zwei Familien porträtiert Imbolo Mbue in ihrem Erstling; zwei völlig verschiedene Welten, die in sich zusammenfallen, als die Pleite der Bank Lehman Brothers und die folgende Finanzkrise die US-amerikanische Gesellschaft in ihren Grundfesten erschüttern. Dabei scheinen doch alle Träume wahr geworden zu sein, als Neni und Jende aus Kamerun endlich mit ihrem kleinen Sohn in der Sehnsuchtsstadt New York ankommen.

Neues Leben in New York – das große Los?

Neni, die als ledige junge Mutter in Kamerun keine Chance auf höhere Bildung hatte, wirft sich mit umso größerem Ehrgeiz in ihr Studium am Community College, denn sie träumt davon, eines Tages Apothekerin zu werden. Jende, älter als Neni und in der Ernährerrolle gefangen, kann vom Studium nicht mehr träumen, sondern nur von besseren Jobs.

Und eines Tages zieht er tatsächlich das große Los, als er Chauffeur bei dem reichen Banker Clark Edwards wird, der sich zur Entspannung gern mit seinem Fahrer unterhält. Die Familien kommen sich näher, als Neni einen Sommer als Haushälterin im Ferienhaus der Familie Edwards verbringt. Deren zehnjähriger Sohn bindet sich eng an sie, und als Neni der Dame des Hauses aus einer peinlichen Lage helfen kann, scheint das gegenseitige Vertrauen durch nichts mehr zu erschüttern zu sein. Doch dann kommt alles ganz anders …

Das Erstaunlichste an diesem Roman ist seine Figurenpsychologie. Abwechselnd aus der Perspektive Jendes oder Nenis erzählt, werden die Mitglieder der Familie Edwards nur in der Außensicht geschildert. Doch die Empathie, die die Romanfiguren füreinander empfinden, ist im Grunde dieselbe Empathie, die diesen Roman an sich ausmacht. Jede Figur, auch die Nebendarsteller, hat das Zeug zum Charakter. Jede Person, und sei sie noch so reich oder verwöhnt oder anspruchsvoll, hat das Recht auf echtes Leid, echte existenzielle Probleme.

Als alles anders kommt, ist das auch in Ordnung

Im Laufe des Romans verschiebt sich die Erzählperspektive immer mehr in Richtung der Frau – proportional umgekehrt zu ihrem sozialen Einfluss. Denn obgleich Neni als ungemein starke, zielstrebige Person gezeigt wird, ist trotzdem für beide klar, dass es der Mann ist, der die wichtigen Entscheidungen trifft – so katastrophal sie auch sein mögen.

Imbolo Mbue vollbringt sogar in der Konfrontation des Ehepaars das Kunststück, beide Perspektiven absolut nachvollziehbar zu machen. Und führt abschließend noch einen erstaunlichen Perspektivwechsel ganz anderer Art vor: Sehr lange bangt man beim Lesen mit Neni und hofft, dass doch alles gut ausgehen möge. Als es dann anders kommt, ist das aber irgendwie auch in Ordnung.

„Das geträumte Land“ ist so viele Romane in einem: über Menschen, die für ein besseres Leben kämpfen, und über die Fähigkeit, das Beste aus dem Leben zu machen, das man eben hat. Es hat etwas Zauberisches, wie die Autorin es schafft, die Sehnsüchte der Romanfiguren in die Köpfe der Leser zu implantieren. Oder wo kommt es sonst auf einmal her, dieses plötzliche Fernweh nach New York?

Titelbild: Monika Graff/UPI/laif