Der Titel klingt ja erst mal recht plump. „Ich hasse dieses Internet“? Kommt da etwa ein Kulturpessimist um die Ecke und erzählt uns, dass früher alles besser war? Das Leben echter, die Freundschaften fester und das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom weniger verbreitet? Mitnichten. 

Aus der Riesenblase Silicon Valley die Luft rauslassen

Jarett Kobeks Buch ist keine Attacke aufs Internet, sondern ein Generalangriff auf die Konzerne, die damit Geld verdienen und ihr Geschäft als Weltrettungsunternehmen tarnen. Google, Facebook, Twitter, Apple – allen spricht Kobek hehre Ziele ab. Denn wie, so fragt er zum Beispiel, können Apple-Gründer Steve Jobs und sein Nachfolger Tim Cook davon sprechen, die Welt mit ihren Produkten besser zu machen, wenn man diese Produkte gleichzeitig von Lohnsklaven in chinesischen Fabriken produzieren lässt. Und wie glaubwürdig sind bitte schön all die Käufer, die ihren Bio- und Genderutopismus in genau diese von Sklaven zusammengeschraubten Geräte tippen?

ich hasse dieses internet

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Jarett Kobek: „Ich hasse dieses Internet“. S. Fischer Verlag, Frankfurt a.M. 2016, 368 Seiten, 20 Euro

Es ist einerseits die Dreistigkeit der Konzerne, jedes Bit Daten ohne Bezahlung zu verwerten, und andererseits die Naivität der User, die Marketinglügen zu glauben, die Kobek in eine wunderbar produktive Weißglut treiben. „Das Internet war eine wunderbare Erfindung“, schreibt er. „Es war ein Computer-Netzwerk, über das Menschen andere Menschen daran erinnern konnten, dass sie nur ein Stück Scheiße waren.“ 

Wer es mit Zwinkersmileys hält, wird diesen kraftstrotzenden Sarkasmus nicht mögen, für die anderen ist das Buch trotz weitgehender Abwesenheit einer sinnvollen Handlung ein rauschhaftes Vergnügen. Es gibt zwar eine Art Plot, bei dem es unter anderem um eine junge Frau geht, die durch unbedachte Tweets über Beyoncé eine Flut vulgärer Beschimpfungen auslöst – aber diese und ähnliche Geschichten sind nur ein grobes Gerüst, auf das Kobek steigen kann, um der Riesenblase Silicon Valley die Luft rauszulassen.

Dabei beherrscht Kobek nicht nur den Holzhammer, er schafft es auch durch ganz einfache Stilmittel, Zweifel an der schönen neuen Welt zu säen. So schreibt er über gegenwärtige Phänomene und deren Erfinder grundsätzlich in der Vergangenheitsform. „Google verdiente Geld an Diskussionen darüber, ob Präsident Obama in der Hölle Schwänze lutschte.“

Ein sehr schöner Einfall ist auch, dass Kobek immer wieder auf der Dominanz weißer Männer in der IT-Branche herumreitet, indem er stets akribisch vermerkt, wer „kein Eumelanin in der Basalschicht seiner Epidermis“ hat. Dave Eggers mag mit „The Circle“ einen sehr korrekten Roman über das orwellhafte Innenleben von Google geschrieben haben. Aber Jarett Kobek hat mit diesen 360 Seiten gut gelaunten Hasses das weitaus eindrucksvollere Buch abgeliefert. Einen Verlag dafür hat er in den USA trotz monatelanger Suche nicht gefunden, so dass er es schließlich im Selbstverlag veröffentlicht hat. 

Titelbild: Brooke DiDonato