Wenn brave Buchhändler einen Roman mit dem Spruch bewerben, dass es „auch sprachlich ordentlich was aufs Maul gibt“, und biedere Feuilletonisten vom rauen Ton der Unterklasse schwärmen – ja, dann ist Vorsicht geboten. Vor allem, wenn das Buch auch noch wenig subtil „Hool“ heißt und sich der Schriftsteller auf dem Autorenfoto als düsterer Hoodie-Träger inszeniert, der mit Augenringen und fahler Haut in die Kamera blickt.

Das Buch handelt von Heiko, einem Hannover-96-Fan, der sich mehr noch als für Fußball für die Prügeleien mit anderen Hooligans interessiert. Akribisch wird beschrieben, wie Knochen splittern, Haut aufreißt, aus allen möglichen Wunden geblutet wird. In müffelnden Sozialwohnungen werden die Kinder vom dauerbetrunkenen Vater „angeblökt“, ständig werden „Zichten“ und „Fluppen“ angesteckt und „Kannen“ geleert – also Bierflaschen. So aufdringlich der Unterschichtsslang ist, so wenig erfährt man letztlich darüber, warum sich jemand nur spüren kann, wenn er auf andere eindrischt. Oder anders gesagt: Die Buchhändler lügen. Man bekommt nämlich gar nicht aufs Maul, sondern bleibt angesichts der schablonenhaften Charaktere seltsam unberührt. 

Seid doch mal still: Die Unterklasse spricht!

Die Literaturkritik geriet ja schon vor Jahren ganz aus dem Häuschen, als mit Clemens Meyer ein waschechter Tätowierter den Literaturbetrieb betrat, dessen mittlerweile von Andreas Dresen verfilmter Roman „Als wir träumten“ eine ähnlich verstrahlte Jungmännerhorde in Leipzig beschrieb. Auch damals speiste sich die Begeisterung aus der Sehsucht der satten Feuilletonisten nach einer Räudigkeit, die ihrem eigenen Leben zwischen Schreibtisch und Eigenheim abgeht. Dabei steckt im Anhimmeln der prolligen Prosa auch noch der Beweis der eigenen politischen Korrektheit. Seid doch mal still: Die Unterklasse spricht!

HOOL

Hool
Philipp Winkler "Hool", Aufbau Verlag, 310 Seiten, 19,95 €

So gesehen passt das Buch, das mit sechs weiteren auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises 2016 steht, prima in eine Zeit, in der hitzig über cultural appropiation diskutiert wird – also über kulturelle Aneignung. In der das Tragen von Dreadlocks unter Rassismusverdacht gerät, weil es angeblich die Leidensgeschichte afrikanischer Menschen banalisiert. Oder in der sich Schauspielschüler weigern, arme Menschen zu spielen, weil sie deren Entbehrungserfahrungen nie gemacht haben. Dieser Authentizitätszwang aber stellt die Frage nach dem Wesen vieler Künste in Frage, die ja oft eben genau aus einer Form der Aneignung bestehen. Goethe hat ja nie versucht, sich umzubringen, aber dennoch mit „Die Leiden des jungen Werther“ ein wahrhaftiges Buch geschrieben. Im übertriebenen Lob für für den Debütroman von Philipp Winkler lässt sich nun unschwer ein Echo auf diese Debatte heraushören. Selbst wenn es nicht gut ist, ist es gut, weil es authentisch ist. 

Viel Prügeleien, wenig Empathie

Der Reporter Moritz von Uslar hat für sein Buch „Deutschboden“ ein ähnliches Milieu ausgeleuchtet und sein tapferes Mittrinken an den Theken Brandenburgs nicht Roman genannt, sondern eine teilnehmende Beobachtung. Tatsächlich hat er die dortige Verrohung stilistisch gekonnt und feinfühlig beschrieben, dass man nach der Lektüre sofort in die nächste Eckkneipe aufbrechen wollte, um mit den dortigen Stammgästen das Gespräch zu suchen.

Derlei Empathie kommt bei Hool leider nicht auf. Oder nur kurz. Wenn sich nämlich der Freundeskreis von Heiko letztlich auflöst, weil sich seine Kumpel eines Besseren besonnen haben und er ganz allein mit einem Pitbull auf dem Beifahrersitz in die Abendsonne fährt. Die in Niedersachsen natürlich ein feiner Sprühregen ist.

Titelbild: Alexander Koerner/Getty Images