Dass die Gruppe von Mädchen im Park anders ist, weiß Evie sofort. Die Haare lang und schmutzig, die Körper behängt mit zu viel Schmuck, scheinen die Mädchen über allem zu schweben – wie „Fürstinnen im Exil“. Sie bewegen sich in einem „Grenzbereich zwischen Schönheit und Hässlichkeit“, und weil sie so anders sind, machen sie den Müttern und Pärchen im Park Angst. Sie stören die Ruhe des Tages wie Haie, „die geschmeidig und gedankenlos“ durchs Wasser gleiten.

Man kann die Szene im Park als Schlüsselszene lesen, als dunklen Vorboten für die Verbrechen, an die sich eine längst erwachsene Evie mit Schaudern erinnern wird. Die Gespenster der Vergangenheit lassen die Ich-Erzählerin nicht los, besonders eine Frage nicht: Was, wenn sie dabei gewesen wäre in dieser „schwarzen Nacht“ des kalifornischen Sommers im Jahr 1969, als die Girls vier Menschen ermordeten, darunter ein kleines Kind. Und mit dem Blut der Mutter ein Herz an die Wand schmierten. Ja, was? Sie war schließlich denkbar nah dran.

Mitesser, Makrobiotik und Kamasutra

Eigentlich symbolisieren Herzen ja nicht den Tod, sondern Liebe. Und an Liebe, nein, an Liebe, Anerkennung, Aufmerksamkeit und Selbstbewusstsein mangelt es Evie Boyd wie verrückt. Da ist Emma Cline, die Autorin, die 24 war, als sie ihren in den USA gefeierten und jetzt auf Deutsch erschienenen Debütroman schrieb, ganz nah dran an den Empfindungen, Unsicherheiten, Ängsten und Komplexen von Mädchen im Teenageralter. Die Haare kräftigen, an Mitessern rumstochern, den Ausschnitt runterziehen. Das Leben – „nur ein Wartezimmer“, bis „einen jemand bemerkt“, Jungs zum Beispiel. Daran hat sich bis heute nichts geändert, an anderen Dingen schon. Vorzüglich gelingt es Cline, ein von Makrobiotik, Kamasutra und anderen ganzheitlichen Glücksversprechen, aber auch von krassem patriarchalen Alltagssexismus geprägtes Kalifornien der späten 1960er-Jahre entstehen zu lassen.

Evies frisch geschiedene Eltern sind vor allem mit sich selbst beschäftigt, von den emotionalen Achterbahnfahrten ihrer Tochter bemerken sie nichts. Suzanne, das älteste und hübscheste der Mädchen im Park, versteht da viel mehr. Evie läuft ihr hinterher, sie ahnt, dass Suzanne nicht durch sie hindurchblicken wird, als sei sie gar nicht da. Eine Beziehung zwischen den beiden bahnt sich an in diesem Roman, der durchdrungen ist von erotischen Beziehungen, Lust und Sex, aber auch von schmerzhaften Grenzüberschreitungen, herben sexuellen Enttäuschungen und beiläufigen (Beinahe-)Vergewaltigungen. Und dessen verführerisches, dunkles Machtzentrum Russel heißt.

the girls

The Girls
Emma Cline: „The Girls“, Deutsch von Nikolaus Stingl, Hanser 2016, 352 Seiten, 22 Euro

Ein natürliches High

Suzanne ist diesem Guru im nach Fleisch stinkenden Wildlederhemd, der in einem baufälligen Haus in den Hügeln Kaliforniens eine Gruppe zumeist junger Mädchen und verwahrloster Kleinkinder in vollgeschissenen Windeln um sich geschart hat, spirituell und sexuell hörig. Sie sagt: „In seiner Nähe zu sein ist wie ein natürliches High. Wie die Sonne oder so.“

Eher lose als eng an die legendäre Figur des Hippiekommunenkopfes und verurteilten Mörders Charles Manson angelehnt, ist auch Russel ein Experte für die Liebesbedürfnisse junger Mädchen, ein Manipulator, der Harmonie und Liebe predigt. Und der auf seiner durchaus ernst gemeinten Suche nach einer weniger verlogenen Gesellschaft die eigenen Bedürfnisse doch niemals aus den Augen verliert.

Freiwillig ist Evies erster Sex mit Russel jedenfalls nicht. Aber die Magie des Ungewohnten, die Faszination dieser so ganz und gar anderen Welt lässt sie zusehends mit Russels Mikrokosmos verschmelzen. Bis das vermeintliche Paradies Risse bekommt, der Hass auf die Welt zu stark wird und schließlich in der Mordnacht endet.

Cline, die als Debütantin einen sensationellen Vorschuss von zwei Millionen Dollar bekam, verurteilt nicht. Sie schreibt schmerzlich schön, sorgfältig und präzise, gleichwohl mit ungeheurer Sogkraft. Sie versucht ernsthaft zu verstehen, was in Evie und den anderen vorgeht. Russels Kommune ist ja kein Hort des Grundbösen und die Erzählerin kein echtes Opfer. Evie wundert sich, wie schnell sie die alte Welt hinter sich lässt, wie begeistert sie in eine neue Haut schlüpft. Das hätte sie nicht von sich gedacht. Dass Gewalt eine lustvolle, mitreißende Erfahrung sein kann, ahnt sie bereits als Teenager. Als Erwachsene weiß sie es. Eben das macht ihr Angst: „Vielleicht wäre es mir leichtgefallen ...“

Titelbild: SUNNY SHOKRAE/NYT/Redux/laif