6800 Kilometer, 400 Bahnhöfe, sechs Zeitzonen: Oda und Sven aus Berlin sind 19 Tage mit dem Zug von Moskau nach Peking unterwegs. Was sie auf der längsten Bahnstrecke der Welt und der Hauptschlagader Russlands erleben, berichten sie in dieser Serie. Heute rollt der Zug in Nowosibirsk ein.

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Kein Knüppel, sondern eine Fahne. Wenn die Schaffnerin winkt, fährt der Zugschef losv
Kein Knüppel, sondern eine Fahne. Wenn die Schaffnerin winkt, fährt der Zugschef los

Pünktlich wie die russische Eisenbahn – als DB-Kunde staunt man nicht schlecht, wie genau die Transsibirische Eisenbahn ihren Fahrplan über Hunderte von Kilometern einhält. Großen Anteil daran haben die Schaffnerinnen. Bei längeren Stopps vertreten sich die Fahrgäste die Beine, kaufen Proviant oder rauchen. Bis sie von der Provodniza resolut aufgefordert werden einzusteigen – „Prichoditje, prichoditje poschaluista!“ –, schließlich wolle man weiterfahren und auch irgendwann mal ankommen, sagt sie streng. In Ischim erfolgt diese Ansage mit einer Deutlichkeit, die keine Fragen offenlässt, obwohl es noch fünf Minuten bis zur Abfahrt sind. Wie Kinder auf Klassenfahrt springen Jung und Alt in die Waggons – alle lachen, einschließlich der Provodniza, ihre Rolle als Chefin des Bahnsteigs sichtlich genießend. Auf die Minute genau ruckeln wir los.

Bevor der Zug in das sibirische Wirtschafts- und Forschungszentrum Nowosibirsk einrollt, überqueren wir den Ob – einen der längsten Flüsse der Welt. Überhaupt erwartet uns in dieser Stadt selbst im innerrussischen Vergleich Imposantes: einer der größten Bahnhöfe des Landes, das größte Opernhaus, der historische Mittelpunkt Russlands, eine überdimensionale Leninstatue – zu groß für ihren ursprünglichen Bestimmungsort Berlin. Bei der Einwohnerzahl belegt Nowosibirsk Platz drei hinter Moskau und St. Petersburg.

Vielleicht liegt es daran, dass wir gerade aus der „alten Hauptstadt“ Sibiriens, dem beschaulichen Tobolsk, kommen, dass wir uns in diesem „neuen Sibirien“ erst mal nicht wirklich wohlfühlen. Die Plattenbauten stehen so monolithisch und eindimensional in der Landschaft herum wie senkrechte Straßen. Die Grenzen verschwimmen, überall Beton. Beeindruckend – aber nicht einladend. 

Ein wenig ungewöhnlich, doch ungemein praktisch, wohnen wir während unseres 17-stündigen Aufenthalts im strahlendsten Gebäude der großen grauen Stadt: in dem türkisfarbenen Bahnhof. Wie in jeder Station auf der Strecke kann man dort für wenig Geld einfache Ruheräume mieten. Mitten in der Nacht geht es dann weiter, laut Fahrplan um 0:36 Uhr – doch das ist Moskauer Zeit. Pünktlich um 3:36 Uhr Ortszeit Nowosibirsk schließen die Türen. Nächster Halt: Tomsk.

Die ganze Reise auf einen Klick:

Go East, Teil 1: Ganz Russland in einem Zug

Go East, Teil 2: Menschen, die auf Birken starren

Go East, Teil 4: Onkel Tomsk Hütte

Go East, Teil 5: Große Portion Eis spendiert

Go East, Teil 6: Kalte Hauptstadt, aber heiße Scheiben

Go East, Teil 7: Kirschblüten statt Eisblumen