6800 Kilometer, 400 Bahnhöfe, sechs Zeitzonen: Oda und Sven aus Berlin sind 19 Tage mit dem Zug von Moskau nach Peking unterwegs. Was sie auf der längsten Bahnstrecke der Welt und der Hauptschlagader Russlands erleben, berichten sie in dieser Serie. Erste Station ist Kasan an der Wolga.

Während nach Rom bekanntlich viele Wege führen, sind es von Moskau nach Sibirien mit der Eisenbahn genau drei: Die nördliche Route über Nischni Nowgorod ist die klassische, die südliche und ältere führt über Samara. Wir nehmen den Mittelweg über Kasan, etwa 800 Kilometer östlich von Moskau, Hauptstadt der autonomen Republik Tatarstan.

Bulgaren, Tataren, Iwan der Schreckliche – über Jahrhunderte war Kasan eine umkämpfte Stadt. Heute stehen Moscheen, Kirchen und Kreml, Holzhäuser, Klassizismus, Zwiebelturm und Sowjet-Bauhaus einträchtig beisammen. Das freundliche Miteinander überträgt sich auf den Verkehr: Autofahrer warten geduldig, bis sich auch der letzte Tourist auf der Straße für eine Richtung entschieden hat. Nach dem rücksichtslosen Rumgebretter auf Moskaus Magistralen eine wahre Erholung.

Die weiten Eisflächen von Wolga und Kasanka verbinden die schöne Stadt und verleihen ihr eine winterliche Ruhe. Auf dem Weiß ein paar schwarze Punkte – unbewegliche Silhouetten. Ob es sich um Eisfischer handelt? Alina aus Kasan löst auf: „Yes, they look like stones and only move to have a drink.“ Eingepackt wie Michelin-Männchen sitzen sie stundenlang da und warten, bis was anbeißt. Aus dem Taxi zum Bahnhof sehen wir einen Strom von Menschen mit eingerollten Russland-Flaggen unterm Arm. Unser Fahrer erklärt, sie seien auf dem Weg zu den Feierlichkeiten anlässlich des einjährigen Jubiläums des „Anschlusses“ der Krim. Auch ein Teil der Vielfalt Kasans. Noch 6.000 Kilometer bis Peking.