6800 Kilometer, 400 Bahnhöfe, sechs Zeitzonen: Oda und Sven aus Berlin sind 19 Tage mit dem Zug von Moskau nach Peking unterwegs. Was sie auf der längsten Bahnstrecke der Welt und der Hauptschlagader Russlands erleben, berichten sie in dieser Serie. Sie befinden sich gerade auf der Fahrt von Kasan an der Wolga nach Tomsk im Westen Sibiriens. Aber bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Erstmal bewegen sich der Zug und seine Passagiere mit rasender Geschwindigkeit in die Reiseroutine.

cms-image-000045201.jpg

Etappenweise muss man sich diese Zugfahrt auch schöntrinken: aber bitte nur mit Tee
Etappenweise muss man sich diese Zugfahrt auch schöntrinken: aber bitte nur mit Tee

Birken, Birken, Birken – die landschaftliche Abwechslung hinter Jekaterinburg hält sich in Grenzen. Im Zug ist auch nicht viel los. Kein Wunder, das Thermometer misst in dem überheizten Waggon 35 Grad. Die Provodniza (Schaffnerin) wischt den Gang, unser Abteilgenosse löst Sudokus, seine Freundin Kreuzworträtsel. Auf ihrem T-Shirt steht: „I woke up like this“. Das gilt für alle im Zug: Jogginghose, T-Shirt, Latschen – Hauptsache bequem. So schläft man, und so hängt man ab. So schlappt man zum Samowar, um heißes Teewasser zu holen, und so tritt man auf den Bahnsteig, wenn der Zug mal länger als zwei Minuten hält. Die Gasarbeiter im Nachbarabteil schnarchen, nachdem gestern ordentlich gebechert wurde. Eines ihrer Handys vibriert unaufhörlich durch die Abteilwand. In „Krieg und Frieden“, das ich aufgeklappt auf dem Schoß liegen habe, sind Anna Pawlownas Salongäste entsetzt, als Pierre, der Draufgänger, Napoleon feiert. Drei Stunden später beim Blick aus dem Fenster: Birken, Birken, Birken ...

Im „Raucherabteil“, dem halben Meter Zuggelenk zwischen den Waggons: Der bulligste der Gasarbeiter bleibt höflich in der offenen Tür stehen und zündet seine Zigarette an. Käme er rein, wäre es echt eng. Er deutet auf die Schienen, die so schnell unter uns hinwegrasen, und sagt was dazu. Ich grinse und sage „Da“. Er versteht, dass ich nichts verstehe, wackelt ulkig mit der Hüfte und sagt noch was – vielleicht, dass Rauchen wie Tanzen ist, wenn es so wackelt. Wir lachen und schnippen die Zigaretten in die Schienen. Als wir in Tobolsk aussteigen, wünscht er eine gute Reise, reckt den Daumen und sagt im tiefsten Bass: „Respect.“ Wir fragen, bis wohin er fährt. Sein mit Knast-Tattoos übersäter Arm winkt mehrfach gen Norden: Dalsche, dalsche – weiter, weiter.

Die ganze Reise auf einen Klick:

Go East, Teil 1: Ganz Russland in einem Zug

Go East, Teil 3: Herrscherin eines ratternden Reichs

Go East, Teil 4: Onkel Tomsk Hütte

Go East, Teil 5: Große Portion Eis spendiert

Go East, Teil 6: Kalte Hauptstadt, aber heiße Scheiben

Go East, Teil 7: Kirschblüten statt Eisblumen