Als der Messias um 13.30 Uhr vom Himmel herabsteigt, hält er kurz inne. Die Menge tanzt und tobt, Rastalocken wippen im Rhythmus der Freudengesänge. „Zu dir, Allmächtiger, beten wir“, haben sie auf Banner geschrieben. Mit Bajonetten hindern Soldaten die Jubelnden daran, dem Auserwählten zu nahe zu kommen. 

An jenem 21. April 1966 wird für die Rastafaris von Jamaika ein Traum wahr. Der Mann, den sie als Inkarnation Gottes verehren, ist soeben auf dem Flughafen der Hauptstadt Kingston gelandet. Der Messias fliegt mit Ethiopian Airlines. Minuten vergehen, dann steigt er die Gangway hinab: Haile Selassie, Kaiser von Äthiopien, schwarzer Bart, markante Nase, 1,60 Meter groß. 

Der Glaube der Rastafaris ist die vielleicht bekannteste und unbekannteste Religion zugleich. Bob Marley, Dreadlocks und Hanfblätter kennt jeder, aber ihre Geschichte – und die von Haile Selassie – kaum. Um zu verstehen, warum Bewohner eines karibischen Inselstaats sich einen Menschen zum Messias küren, der 12.500 Kilometer entfernt auf dem Thron sitzt, muss man eine Zeitreise unternehmen. 

Als einziger Staat in Afrika wird es nie zu einer Kolonie

Es ist ein stolzes Reich, über das Kaiser Haile Selassie damals herrscht, gegründet – der Legende nach – vor fast drei Jahrtausenden von Menelik, den Salomon, der biblische König, mit der Königin von Saba gezeugt haben soll. Die Kaiser auf dem äthiopischen Thron sehen sich als Nachfolger der Herrscher aus Jerusalem. Tatsächlich ist Amharisch, das viele Äthio-pier sprechen, mit Hebräisch verwandt. Schon im vierten Jahrhundert breitet sich in Äthiopien das Christentum aus. 

In späteren Jahrhunderten wird das Land, damals „Abessinien“ genannt, zwar immer wieder mal erobert. Doch den Eroberern aus Europa widersetzt es sich standhaft. Als einziger Staat in Afrika wird es nie zu einer Kolonie. 

Auch Haile Selassies Vater kämpft Ende des 19. Jahrhunderts gegen Kolonialarmeen. Unter seinem Kommando werden die italie-nischen Invasionstruppen geschlagen. Äthiopien bleibt frei. In diese Zeit hinein wird 1892 Haile Selassie, der spätere Kaiser, unter dem Namen Tafari Makonnen geboren, ein Sohn äthiopischen Adels. Von Beginn an scheint er ein Auserwählter zu sein: Keines seiner zehn Geschwister wird älter als ein Jahr. Der Junge ist schmächtig, aber schlau und charismatisch.

Get up stand up

Rastafari-Band
Joint Venture: Schon im 4. Jahrhundert verbreitete sich das Christentum in Äthiopien. Die Herrscher sahen sich als Nachfolger vom biblischen König Salomon. Musik und Marihuana sollen dabei helfen, mit Gott ins Gespräch zu kommen. Geradezu verehrt wird natürlich auch Bob Marley, der ein überzeugter Rastafari war
 

1916 übernimmt Tafari, mittlerweile Kronprinz, die Amtsgeschäfte. Sein Ehrenname lautet „Ras“ Tafari, eine Art Fürstentitel. Er regiert ein Volk von 15 Millionen Menschen, die meisten sind Kaffeebauern, von 20 Äthiopiern kann ein einziger schreiben. Tafari träumt von Flugzeugen und Autos wie in Europa. Dorthin reist er 1924 – und wird empfangen wie ein Regierungschef. Der Respekt der Europäer ist nicht uneigennützig: Die Briten wollen in Äthiopien einen Staudamm bauen, die Italiener sich das Land am liebsten als Kolonie einverleiben.

Während Ras Tafari den Buckingham-Palast und Versailles besucht, liest ein junger schwarzer Jamaikaner namens Marcus Garvey voller Staunen die Nachrichten aus Europa. Ein schwarzes Regierungsoberhaupt wird dort von den Herrschern empfangen wie ihresgleichen! Garvey, ein schillernder, radikaler Journalist, ist verzückt. Schon als Kind in Jamaika erlebte er Rassismus wegen seiner Hautfarbe. Als Erwachsener fordert er nun die Rückbesinnung aller Schwarzen, gerade der ehemaligen Sklaven, auf ihre Herkunft: Afrika. Nicht jenes Afrika, das ausgebeutet, versklavt und geplündert in den Händen der Europäer liegt. Nein: Schwarze – Garvey nennt sie im Sinne der Zeit noch „Negroes“ – brauchen endlich eine eigene Nation, ein Land, wo sie ihre Fähigkeiten zeigen und zum menschlichen Fortschritt beitragen können. „Schaut auf Afrika!“, verkündet Garvey in den 1920ern. „Wenn in Afrika ein schwarzer König gekrönt wird, ist der Tag der Befreiung nah.“

Die Christen unter Garveys Lesern wissen den Hinweis zu verstehen. „Tag der Befreiung“ ist ein Bild aus der Bibel. Der Prophet Jeremia verkündet an dieser Stelle, Gott werde kommen und alle Stricke zerreißen, alle Ketten lösen, die Geknechteten zurückführen in ihr Land. Zurück nach Afrika.

Äthiopien halten sie nicht nur für die Wiege der Menschheit, sondern auch für das Zentrum eines göttlichen Königreiches

Im Jahr 1930 wird Ras Tafari schließlich zum neuen Kaiser gekrönt. Von nun an nennt er sich „Haile Selassie“, was übersetzt „Macht der Dreifaltigkeit“ bedeutet, außerdem
„König der Könige“ und „siegreicher Löwe von Juda“. Der 225. Nachfolger Salomons feiert die Thronbesteigung, wie es sich für einen Kaiser geziemt. Deutschland schickt 800 Flaschen Wein.

Ist Haile Selassie also der schwarze König, den Garvey ankündigte? Der Messias, von dem der Prophet Jeremia spricht? Die religiös gefärbte Sprache von Männern wie Garvey verfehlt ihre Wirkung nicht – vor allem in Jamaika sind die Menschen empfänglich. Das Land hat selbst eine Leidenszeit als Kolonie hinter sich (erst kamen die Spanier, dann die Briten), zudem wurden sehr viele Sklaven aus Afrika dorthin verschleppt. Die Völker, die bis dahin einige hundert Jahre auf Jamaika gelebt hatten, starben schließlich aus.

Schon kurz nach der Krönungsfeier in Äthiopien gründen sich im fernen Jamaika erste Gemeinden von Menschen, die sich nun „Rastafaris“ nennen. Sie glauben an Gott, Christus und Haile Selassie. Um mit Gott besser sprechen zu können, rauchen sie Cannabis. Äthiopien halten sie nicht nur für die Wiege der Menschheit, sondern auch für das Zentrum eines göttlichen Königreiches. Ein „neues Jerusalem“. Selassie, so glauben sie, wird eine schwarze Nation gründen, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat. Als ersten Schwarzen wählt das „TIME“-Magazin Selassie 1935 zum Mann des Jahres, ein Jahr nach US-Präsident Franklin D. Roosevelt. Noch Jahrzehnte später wird er einem ganzen Kontinent Hoffnung geben auf Selbstbestimmung und Würde. 

Nelson Mandela nannte Selassie einen „afrikanischen Giganten“

Kaum etwas verdeutlicht das weit verbreitete Gefühl einer schwarzen Unterlegenheit so sehr wie eine Anekdote, die Nelson Mandela in seinen Memoiren erzählt. 1962 reist Mandela nach Äthiopien, um Unterstützer für den Befreiungskampf in Südafrika zu finden. Als er an Bord der Maschine der Ethiopian Airlines steigt, sieht er, dass der Pilot schwarz ist. Mandela wird panisch: Wie soll ein Schwarzer ein Flugzeug fliegen können? Einen Moment später, schreibt er, habe er sich wieder beruhigt. Apartheid und Kolonialismus hatten selbst bei Nelson Mandela ihre Spuren hinterlassen. Er nennt Selassie einen „afrikanischen Giganten“. Ihn zu treffen sei, als würde man der Geschichte die Hand schütteln. 

Fast ein halbes Jahrhundert hält sich Haile Selassie an der Macht. Er lässt Stromleitungen und Krankenhäuser bauen, gibt dem Land eine Verfassung und eine Nationalhymne. Doch wie bei so vielen afrikanischen Herrschern wird Macht für ihn zur Droge, die seinen Verstand vernebelt. Die Landarbeiter in Äthiopien müssen immer noch Abgaben zahlen, ihre Bildung hat sich seit Jahrzehnten kaum verbessert. 1973 gehen Bilder einer Hungerkatastrophe in Nordäthiopien um die Welt. Zehntausende sterben.

So glorreich die Anfänge des jungen Ras Tafari, so profan endet sein Leben. 1974 stürzt ihn das eigene Militär. Die Putschisten lassen ihn, den entthronten „König der Könige“, zur Schmach in einem VW Käfer fortschaffen. Selassie wird zu einem Exilanten im eigenen Palast. Ein Jahr später ist er tot, von seinen Häschern erstickt mit einem Kissen. Seine Gebeine verscharrt man unter einer Toilette des Palastes. Unter der sozialistischen Diktatur, die folgt, wird Äthiopien noch bevölkerungsreicher, ärmer, hungriger. Bald steht das Land nicht mehr für die Zukunft Afrikas, sondern für die Vergangenheit.

Erst ein Vierteljahrhundert später, im November 2000, wird Haile Selassie, der Unsterbliche, anständig begraben.

Äthiopien

Äthiopien ist das einzige afrikanische Land, das nie vollständig kolonisiert wurde. Es wurde sechs Jahre lang von Italien besetzt, Hunderttausende starben – auch durch den Einsatz von Senfgas. Nach dem Sturz Selassies wurde es mit sowjetischer Hilfe zur sozialistischen Diktatur umgebaut. Seit 1991 ist es eine föderale Republik. Mittlerweile gehört es zu den aufstrebenden Volkswirtschaften Afrikas, seine Hauptstadt Addis Abeba gilt als Boomtown. Dort ist auch der Sitz der Afrikanischen Union (AU), ein Verbund, der sich unter anderem um Sicherheitsbelange kümmert.

Bilder: Luc Gnago/Reuters