Die heiße Luft ist erfüllt von Gemurmel und Rauch. Ein gleichmäßiger Rhythmus kommt von den mit Ziegenhaut bespannten Batá-Trommeln. Eine junge Frau sinkt zu Boden, sie atmet schwer, die Augen halb geschlossen windet sie sich. Ein ganz in Weiß gekleideter Mann kniet sich neben sie, reißt die Arme in die Luft und gibt gurgelnde Geräusche von sich. Die anderen wissen: Der Geist San Lorenzo ist jetzt da.

Manchmal werden Tiere geopfert, dann riecht es nach Blut und Exkrementen, dazu mischt sich süßes Parfüm und Blumenduft

Die Santería-Religion ist eine Mischung aus afrikanischen Ritualen und katholischem Glauben. Entwickelt wurde sie von Angehörigen der nigerianischen Yoruba, die vom Ende des 17. Jahrhunderts an als Sklaven auf die Karibikinsel gebracht wurden, um dort für die Kolonialmacht Spanien auf den Zuckerrohrfeldern zu arbeiten. Den katholischen Spaniern war die aus Afrika importierte Ahnenverehrung unheimlich. Statt ihre eigenen Bräuche zu pflegen, sollten die Unterdrückten zu anständigen Christen werden. Doch anstatt sich von ihren orishas genannten Geistern abzuwenden, setzten die Sklaven sie mit den Heiligen (santos) der Spanier gleich. Unter dem christlichen Deckmantel vermischten sie fortan ihren eigenen Glauben mit der Heiligenverehrung der katholischen Kirche.

In der Religion der Yoruba aus Nigeria und Benin waren die heiligen orishas einmal echte Menschen. Sie waren nicht unfehlbar, ganz im Gegenteil: Sie haben geschimpft, gefeiert, geraucht, waren eifersüchtig, eitel und voller Sehnsüchte. Nach ihrem Tod wurden sie zu Geistern, die sich immer wieder einen menschlichen Körper suchen, um dadurch zu den Lebenden zu sprechen.

Wenn das „Ich“ nicht mehr zählt 

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Vor kleinen Altaren zeigt man seinen Respekt gegenüber den Göttern
Vor kleinen Altaren zeigt man seinen Respekt gegenüber den Göttern

In der Santería wird jeder Mensch durch diese Heiligen und durch die eigenen Ahnen geleitet. Man ist kein abgetrenntes Ich, sondern besteht auch immer aus den Vorfahren und den Geistern der Santería. Wen diese Geister aufsuchen, um sich mit dem Diesseits zu verbinden, bestimmen die Menschen nicht selbst. Es ist eine angeborene Gabe. Die Auserwählten erteilen den anderen wichtige Ratschläge und warnen vor Gefahren. Den Menschen auf Kuba gefällt der Gedanke, dass sie von jahrtausendealten Erfahrungen lernen. Die Zeremonien bestehen aus ununterbrochenem Trommeln und gemeinsamem Gesang und Tanz, Zigarren werden geraucht, Rum wird getrunken und sich damit angespuckt, um die Götter gnädig zu stimmen. Manchmal werden Tiere geopfert, dann riecht es nach Blut und Exkrementen, dazu mischt sich süßes Parfüm und Blumenduft. Ist ein Mensch einmal von einem orisha besessen, muss ein Priester (santero/santera) oder Hohepriester (babalawo) die Botschaften entschlüsseln und mitteilen. Dafür werden sie in ihrer Ausbildung von einem padrino oder einer madrina, einer Art Pate, angeleitet, der sie in das gesammelte Wissen und die Geheimnisse einweiht. Denn es gibt keine Bücher, die über falsch und richtig der Santería-Deutungen entscheiden.

 

Je älter ein Mensch ist, desto höher ist er in der Santería angesehen. Die Jungen gelten als ungestüm und müssen gelenkt werden. Das Konzept der Einheit von Vater, Mutter und Kind ist auf Kuba nicht so bestimmend, viel mehr zählt die große Gemeinschaft. So kommen zu den Ritualen zuweilen Hunderte Menschen jeden Alters. Denn die Religion ist wie auch der Alltag ein Gemeinschaftsprojekt.

Eine Religion, die alles in sich vereint

In fast jedem Haus auf Kuba steht zumindest eine geweihte Opferschale am Eingang. Denn die Macht der Santería beruht auch immer ein Stück weit auf der Angst, die Geister gegen sich aufzubringen. Zuweilen haben die Priester einen so großen Einfluss auf die Ratsuchenden, dass manche keine größere Entscheidung im Alltag mehr treffen, ohne vorher die Ahnen zu befragen. Einen Tag ohne den Einfluss der Ahnen gibt es für viele auf Kuba nicht.

Um die Kirche zu beruhigen, hat man die Geister einfach zu Heiligen erklärt

Die katholische Kirche hält bis heute nicht viel von den mystischen Praktiken. Nach jahrhundertelanger Unterdrückung des Glaubens war es dann ausgerechnet der kommunistische Staatschef Fidel Castro, der die Santería befreite. Am 8. Januar 1959 hielt er eine Rede, um die gelungene Revolution zu feiern. Dabei setzte sich eine weiße Taube auf seine Schulter. Genau 30 Jahre später, am selben Ort, wiederholte sich das Ereignis. Für viele Gläubige ein Wunder. Das Tier ist eines der wichtigsten Symbole der Santería, und Castro galt unter den Gläubigen seitdem als auserwählt. Er wiederum wusste um die Macht der Santería. Der Durchbruch gelang dem Ahnenkult jedoch erst 1992 – seit diesem Jahr gilt Religionsfreiheit auf Kuba.

Santería ist nun die inoffizielle Hauptreligion, die alles in sich vereint: Sozialismus, alle Hautfarben, katholische Bräuche, medizinisches Wissen – und inzwischen auch Tourismus. So sind die Santería-Rituale neben dem obligatorischen Besuch einer Zigarrenfabrik und den Rum- und Rumba-Partys ein beliebter Programmpunkt von Kuba-Reisenden geworden. Je nach Geldbeutel variiert die Intensität einer Zeremonie – je mehr Wirbel, desto teurer. Für die oft am Existenzminimum lebenden Kubaner ist das ein gutes Geschäft geworden, auch der Verkauf von spirituellen Utensilien wie der omiero-Kräutermischung auf den Märkten in Havanna läuft gut.

So tragen die Ahnen nun auch noch ihren Teil dazu bei, dass Kubas Ökonomie nach Jahrzehnten des Sozialismus ein wenig vorankommt.

Fotos: In Pictures Ltd./Corbis via Getty Images