Andile Moyo ist 29 Jahre alt. Vier Jahre ist es nun her, dass sie ihren Abschluss in Sozialwissenschaften gemacht hat – und genauso lange sucht sie schon einen Job. Halt gibt Andile in dieser Situation vor allem ihr Glaube: Sie ist Mitglied der Prophetic Healing and Deliverance Ministries (kurz: PHD), einer Pfingstgemeinde. Bevor sie sich der Kirche des selbst ernannten Propheten Walter Magaya anschloss, war Andile in der römisch-katholischen Gemeinde in Simbabwes Hauptstadt Harare aktiv. Doch dort fühlte sie sich mit ihren Problemen nicht mehr aufgehoben. Der Frust über ihre vergebliche Jobsuche nahm zu, und sie begann, sich nach Alternativen umzuschauen. Aus ihrem Bekanntenkreis und in der Werbung hörte sie immer wieder von Pfingstkirchen und wurde neugierig. So stieß sie auf die Gemeinde von Walter Magaya, und nach ihrem ersten Besuch eines der Gottesdienste stand für Andile fest: Hier fühlt sie sich zu Hause, hier ist ein Pastor, der ihre Sorgen versteht. 

Krankheit und finanzielles Unglück werden oft als Ergebnis böser Geister betrachtet

In Afrika sind der World Christian Database zufolge rund 107 Millionen Menschen Mitglieder von Pfingstkirchen, das sind knapp zehn Prozent der Bevölkerung. In Simbabwe gehören zwar noch etwa 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung traditionellen christlichen Kirchen an, doch auch hier werden Pfingstkirchen immer beliebter. 

Pfingstkirchen in Afrika

Die moderne Pfingstbewegung entstand im frühen 20. Jahrhundert in Nordamerika, wo Pfingstkirchen besonders unter der ärmeren Bevölkerung großen Zulauf fanden. Etwa zeitgleich traten auch die ersten Pfingstkirchen in Afrika auf. In den 1970er- und 80er-Jahren gab es dort einen regelrechten Boom. Der Erfolg lässt sich unter anderem durch die Mischung von christlicher Lehre mit länderspezifischen Traditionen erklären, die in die Gottesdienste eingebaut werden. Mit ihrem sogenannten Wohlstandsevangelium, dem „Gospel of Prosperity“, fokussieren sich die Pastoren auf die Erlösung – meist von Armut oder Krankheit – im Diesseits. Pastoren nennen sich oft Propheten und stilisieren sich zu Wunderheilern mit teils radikalen Botschaften, die andere Religionen abwerten, traditionelle Geschlechterrollen befürworten und Homosexualität als Sünde ablehnen. Die Pfingstbewegung, die in vielen afrikanischen Ländern regen Zulauf hat, hat sich zu einem lukrativen Wirtschaftszweig entwickelt – mit eigenen Radio- und Fernsehstationen und Merchandising-Produkten. Auch einige Staatsführer suchen immer wieder die Nähe zu Pfingstkirchen, so beispielsweise der ehemalige Präsident Sambias, Frederick Chiluba, oder der ehemalige Präsident Ghanas, Jerry Rawlings, zu deren engsten Beratern ihre Pastoren gehörten.

Woher rührt dieser Erfolg? Spielt die wirtschaftliche und politische Situation Simbabwes eine Rolle? 1987, das Jahr, in dem Andile geboren wurde, trat Robert Mugabe das Amt des Präsidenten an. Seitdem ging es nach der Meinung vieler ziemlich bergab. Zwar zählte Simbabwes Wirtschaft vor allem aufgrund einer Währungsreform 2009 bis 2012 zu den am schnellsten wachsenden der Welt. Doch insgesamt haben junge Simbabwer wie Andile kaum etwas anderes erlebt als wirtschaftlichen Niedergang und politischen Stillstand. Die Führungsriege rund um den heute 92-jährigen Präsidenten sitzt trotz politischer Proteste noch immer ziemlich fest im Sattel und sperrt sich gegen Reformen und Innovation. Rund 80 Prozent der Bevölkerung sind im informellen Sektor beschäftigt oder arbeitslos und zahlen keine Steuern.

Pfingstkirchen punkten vor allem mit ihrem Versprechen von Stabilität und Hoffnung. Gleichzeitig gehen sie weitaus flexibler mit nichtchristlichen Bräuchen und Ritualen um als die traditionellen westlichen Kirchen. Der Glaube an das Übernatürliche ist in weiten Teilen der Bevölkerung fest verankert und gehört bei den Pfingstkirchen zum Selbstverständnis dazu. Krankheit und finanzielles Unglück werden oft als Ergebnis böser Geister betrachtet, die den Gläubigen gegen seinen Willen befallen haben.

Außerdem zelebrieren viele Pfingstkirchen – im Gegensatz zu katholischen Gemeinden – ihre Gottesdienste als regelrechte Events. Livemusik – meist lebendiger Gospel –, Austreibungen von bösen Geistern und Zeugnisse von Geheilten gehören zum Standardprogramm. Es wird gelacht, geweint und gesungen. Die Predigten sind lebendig. „Ich mag es nicht, wenn eine Kirche zu strenge Regeln und konservative Kleiderordnungen hat“, sagt Andile. „Eine Messe soll bewegen und berühren. Für viele von uns geschieht das eben über Musik.“ 

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Pastor predigt in einer Pfingstkirche in Simbabwe  (Foto: Gideon Mendel/Corbis via Getty Images)
Und nach der Predigt das pralle Leben: Livemusik, Gospel, Austreibungen böser Geister und Zeugnisse von Geheilten gehören zum Standardprogramm in den Gottesdiensten der Pfingstkirchen in Afrika. Es wird gelacht, geweint und gesungen. So auch hier in Chirundu, Simbabwe (Foto: Gideon Mendel/Corbis via Getty Images)

Nicht jeder lässt sich von davon beeindrucken. „Die meisten der Probleme, die diese Pastoren prophezeien, sind weit verbreitet und betreffen fast jeden“, sagt Andiles Freundin Abel Chitima. In einem Land mit solch hoher Arbeitslosigkeit wie Simbabwe wisse sie auch ohne Propheten, dass sie einen Job brauche. Chitima findet, dass die Kirchen Kapital aus dem Elend der Menschen schlagen.

Tatsächlich profitieren von der wachsenden Fanbase der Pfingstbewegung bisher vor allem die Kirchenoberhäupter. Walter Magaya, der Gründer von Andiles PHD-Gemeinde, verdiente in kürzester Zeit ein Vermögen, auch andere selbst ernannte Propheten wurden mit ihrem Glaubensbusiness reich: Denn bei Großveranstaltungen wie den „Miracle Nights“ (Nächte der Wunder), die mitunter Tausende Menschen an einem Abend anziehen, wird nicht nur gebetet, sondern vor allem Umsatz gemacht. Für einen Preis von umgerechnet bis zu 20 US-Dollar verkaufen die Pfingstkirchen dort Merchandising-Produkte wie Armbänder, T-Shirts und Hüte. Audio- und Filmaufzeichnungen der Gottesdienste werden in der ganzen Welt vertrieben. Besonders die Bücher und Pamphlete der Pastoren werden gerne gekauft. Ebenfalls sehr beliebt sind mit Bibelversen versehene Sticker.

Ein Glaubensbusiness, das die Kirche reich macht

Auch im digitalen Zeitalter sind die Pfingstkirchen längst angekommen, denn all das kann auch im kircheneigenen Onlineshop erworben werden. Hinzu kommt Live-Streaming im Netz. Es gibt sogar speziell für Kirchen entwickelte Apps, über die Spenden getätigt und die Zehnten gezahlt werden können. All das ist Teil des Geschäftsmodells.

Die Reichweite und der Einfluss von Pfingstkirchen ist auch deshalb so groß, weil Kirchenoberhäupter sogar üblicherweise im Besitz von TV- und Radiostationen sind. Magaya zum Beispiel betreibt die Fernsehstation Yadah TV. In Nigeria spielen Pfingstkirchen im angesagten Nollywood-Kino eine Rolle, denn sie besitzen ganze Filmproduktionsfirmen. Liberty Films etwa gehört der Gründerin der Liberty Foundation Gospel Ministries, Helen Ukpabio, die Produktionsfirma Redemption Television Ministry gehört der Redeemed Christian Church of God, Nigerias größter Pfingstkirche.

So erreichen die Pfingstkirchen mediale Onmipräsenz, so verbreiten sie ihre Botschaften effektiv in großen Teilen der Bevölkerung. Allerdings ecken sie manchmal auch an. Besonders Ukpabio geriet ins Kreuzfeuer, als sie Armut, Krankheit und Unglück in ihrem wohl bekanntesten Film „End of the Wicked“ auf angeblich vom Teufel besessene Kinder zurückführte. Der massive Anstieg an verstoßenen, als Hexen stigmatisierten Kindern in der Region Akwa Ibom in Nigeria wird oft auf diesen Film zurückgeführt.

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Chor singt in einer Pfingstkirche in Simbabwe (Foto: Gideon Mendel/Corbis via Getty Images)
Kann auch laut werden: der Chor der „Pentecostal Assemblies of God Church“ (Foto: Gideon Mendel/Corbis via Getty Images)

Für Robert, Theologe und Religionswissenschaftler am Christ College of Zimbabwe, ist es paradox, wie sich die Oberhäupter der Pfingstkirchen bereichern: Die simbabwische Bevölkerung verharre in einer ökonomisch miserablen Lage, während der Reichtum der Pastoren exponentiell wachse. „Ihre angebliche Fähigkeit, zu heilen und Reichtum zu bringen, hat die Menschen in Scharen angezogen. Sie versprechen göttliche Lösungen für ökonomische Probleme. Vielleicht müsste man statt von Christentum besser von ‚Gospelneurship‘ – also christlichem Unternehmertum – sprechen“, so Matiki.

Coca-Cola, Procter & Gamble oder Nestlé wollen vom Boom der Pfingstkirchen profitieren

Dass es nicht nur um Glaube und Spiritualität geht, sondern um handfeste geschäftliche Interessen, zeigen auch die jüngsten Aktivitäten von internationalen Unternehmen. Coca-Cola, Procter & Gamble oder Nestlé wollen vom Boom der Pfingstkirchen profitieren und beteiligen sich mit Sponsorendeals am Geschäft. Sie spenden riesige Summen im Austausch für Produktplatzierungen und exklusive Verkaufsrechte bei Gottesdiensten und anderen Großveranstaltungen. Als reiner Geistlicher definiert sich ein selbst ernannter Prophet wie Walter Magaya aber ohnehin nicht: Der PHD-Gründer ist auch im großen Stil als Bauunternehmer aktiv und plant derzeit den Bau von 46.000 Wohnhäusern. 

Andile Moyo, die junge Frau aus Harare, lässt all das nicht an ihrer Pfingstgemeinde zweifeln. Der Wohlstand des „Propheten“ ist für sie kein Hinweis auf Korruption und Machtmissbrauch, sondern eine Bestätigung der Kraft Gottes. „Der Erfolg des Pastors ist für uns alle eine Inspiration und Motivation, Gott zu folgen“, so Andile. Und so tröstet sie sich mit der Vorstellung, dass auch sie irgendwann ein besseres Leben wird führen können. Sie müsse nur weiter auf dem rechten Weg bleiben.

Titelbild: Gideon Mendel/Corbis via Getty Images