Kleine goldene Sterne baumeln von einer Kordel, die mit Gaffa-Tape an den Seiten der Bühne festgeklebt ist. Stimmbildnerin Katrin Le Provost ist aufgeregter als die zwölf Kinder, die gleich auf Finnisch, Italienisch oder Deutsch Lieder vorsingen. Es ist das Weihnachtskonzert der Vokalhelden-Minis, einem Mitmachchor der Berliner Philharmoniker. Der gehört zu den Education-Projekten, die jungen Menschen klassische Musik nicht belehrend, sondern durch gemeinsames Erleben näherbringen sollen. 

Kindern und Jugendlichen zu zeigen, dass klassische Musik toll ist, scheint bitter nötig. Opernbesuche zeigen: Der Silbersee wächst. Gemeint ist damit die Masse an grauen und weißen Haarschöpfen des Klassik-Publikums. Sie sind hochinteressiert, haben viel Zeit und auch das Geld für Opernabende und Sinfoniekonzerte. 

Da liegt der Gedanke nahe, dass es schlecht aussieht mit dem klassikinteressierten Nachwuchs. Mit erhobenen Armen will man in den immer gleichen Trauergesang vom Aussterben der Klassikhörer einstimmen. Doch interessieren sich junge Menschen denn wirklich nicht mehr für klassische Musik? 

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Katrin Le Provost
Stimmbildnerin Katrin und eine Vokalheldin

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Chorkind
Ein konzentriertes Chorkind beim Vorsingen

An Neugier mangelt es meistens nicht. Was aber oft fehlt, ist der Zugang. Viele Stücke sind keine leichten Hörerlebnisse und verlangen selbst manchem Klassikexperten viel Geduld ab. Klassik ist nicht einfach konsumierbar. Und um die Kunstmusik verstehen zu können, braucht es ein Mindestmaß an Vorwissen. Wem das fehlt, der verliert schnell die Neugier und Lust an langen Konzerten.

Dieses Problem haben mittlerweile viele in der Branche verstanden: Um die Zukunft der Musik, der Konzerthäuser, Komponisten und Musiker zu sichern, müssen sie jungen Leuten die Klassik wieder näherbringen. 

„Ist nun endlich Schluss mit dem Gejammer über das Aussterben der Klassik?”

Opernhäuser, Philharmonien und Musikschulen bemühen sich nun schon seit einigen Jahren, einem größeren Publikum den Zugang zur Klassik zu eröffnen. Sie bauen die Hemmschwellen zum Einstieg ab. Ein Blick auf das Programm führender Häuser zeigt, dass es so zahlreiche Angebote für junges Publikum gibt wie nie zuvor. „Unsere Besucher sind mittlerweile im Schnitt 49 Jahre alt“, berichtet Anne-Kathrin Ostrop, Musiktheaterpädagogin und Leiterin der Abteilung „Komische Oper Jung“. „Würden wir die Kinder mit einrechnen, lägen wir vermutlich bei 36 Jahren.“ Für Opernpublikum ist das ein sehr junger Durchschnitt, sind die Besucher doch sonst häufig über 60. 

Ist damit endlich Schluss mit dem Gejammer über das Aussterben der Klassik? 
Es steht laut den Zahlen des Statistischen Bundesamts im Spartenbericht Musik tatsächlich gar nicht schlecht um die Nachfrage: In der Spielzeit 2013/2014 gab es insgesamt mehr als 5,2 Millionen Konzertbesuche und sogar 18,2 Millionen Besuche im gesamten Klassik-Segment. Dazu zählen allerdings auch viele nicht explizit klassische Formen wie Musicals. 
Eine Untersuchung des Musikkonsums von jungen Menschen ergab 2016, dass etwa jeder sechste der 20- bis 29-Jährigen klassische Musik mag und hört. 

 „Zu zeigen, wie großartig die Klassik ist, ist trotzdem weiterhin bitter nötig. Aber in den Trauergesang auf das Alter des Publikums einzustimmen wird spätestens in ein paar Jahren überflüssig sein“, hofft Anne-Kathrin Ostrop. „Ein wirklich akutes Problem unserer Zeit liegt in der einseitigen Ausbildung der Spitzenmusiker“, kritisiert die Musiktheaterpädagogin. Die würden nicht lernen, die Hierarchie gegenüber dem Publikum abzubauen und sich dafür einzusetzen, auch junge Hörer anzusprechen. 

„Man setzt darauf, dass die Kinder, die einmal mitgemacht haben, sich langfristig für klassische Musik begeistern können”

Wie viel Freude es bereiten kann, die Über-Ehrfurcht vor der Klassik aufzulösen, zeigt zum Beispiel folgendes Ereignis: Der Dirigent Nikolaus Harnoncourt baute eine Überraschung in die Aufführung von Joseph Haydns „Sinfonie Nr. 94“ – besser bekannt als „die mit dem Paukenschlag“ – ein. Der laute Paukenschlag war zu Lebzeiten des Komponisten etwas gänzlich Unerwartetes für das Publikum. Dirigent Harnoncourt ließ an besagter Stelle zwei Kanonen mit Konfetti abfeuern, um den Effekt fürs Publikum in die heutige Zeit zu holen. 

Ohne Konfetti und dafür mit selbst gebastelten Sternen geht es aber auch. Das Education-Projekt der Berliner Philharmoniker setzt darauf, dass die Kinder, die einmal als Vokalhelden mitgemacht haben, sich langfristig für klassische Musik begeistern können. 

Der erste Schritt ist schon getan: Die Vokalhelden-Kinder sind zufrieden mit ihrem Auftritt und werden mit Keksen und Küssen von den Eltern belohnt. Warum sie so gerne im Chor sind? „Hier muss ich nicht iiiiiiimmer leise sein“, sagt einer von ihnen. Also: Mit guter Kommunikation, Konfetti und Kindern ist die Klassik vielleicht doch zu retten. 

Fotos: Hahn&Hartung