Die „Slim Trouser“, eine gerade geschnittene Hose aus Wollstoff, ist eine Hose wie keine andere. Wer sie kauft, entscheidet sich nicht allein für die richtige Größe, er ist auch herzlich eingeladen, Feedback zu geben und Vorschläge zu machen, wie die „Slim Trouser“ zu einer besseren Hose werden kann. Zum Beispiel durch einen weniger kratzenden Stoff oder einen verdeckten Hakenverschluss, der auf Wunsch einiger Kunden bei der Weiterentwicklung des Modells dann integriert wurde.

Dieser partizipative Designansatz ist noch nicht alles, wodurch sich die amerikanische Bekleidungsmarke Everlane vom Mainstream im Modebusiness abhebt. Wer bei Everlane eine Hose, ein Hemd, ein T-Shirt, Schuhe, eine Tasche oder sonst etwas aus dem Sortiment zeitloser Kleidungsstücke kauft, der erfährt außerdem, wer sie wo, wie und woraus hergestellt hat. „Radikale Transparenz“ wird dieses Konzept genannt – und soll das exakte Gegenteil konventionell produzierter Kleidung sein. 

Radikale Transparenz: Wer hat diese Hose wie, wo und woraus hergestellt? 

Normalerweise finden wir Mode als anonyme Ware vor. Dass es kaum einen Hinweis auf ihre Herkunft oder gar die Produktionsbedingungen gibt, unter denen sie entstanden ist, ist nicht etwa dem Informationsmangel des Verkaufspersonals oder – online – der lückenhaften Beschreibung unter „Produktdetails“ geschuldet. Die Verkäufer haben schlicht selbst keine Informationen. Nicht einmal die Kennzeichnung „Made in“ gibt wirklich Aufschluss. Denn sie bezeichnet nicht etwa das Herkunftsland, sondern nur den Ort, an dem das Kleidungsstück hauptsächlich zusammengesetzt wurde. 

Weil die meisten Modemarken völlig intransparent sind, können sie problemlos kaschieren, wenn sie mit Baumwolle arbeiten, die von pestizidverseuchten Feldern stammt, oder Wolle nutzen von Schafen, die mit dem äußerst schmerzhaften „Mulesing“-Verfahren – also dem Entfernen der Haut rund um den Schwanz ohne Betäubung – vor dem Befall durch Fliegenmaden geschützt werden. Sie können auch problemlos verbergen, wenn sie den Stone-washed-Effekt bei Jeans noch mit der gesundheitsschädlichen Sandstrahl-Technik herbeiführen lassen. Völlig unklar bleibt für den Endverbraucher auch, wie es den Menschen geht, die für die Herstellung seiner Kleidung verantwortlich sind: Ob die Zwischenhändler, der Näher und die Weberin, die an der Produktion beteiligt sind, für ihre Arbeit ausreichend bezahlt werden und an Arbeitsplätzen arbeiten, die internationalen Sicherheitsstandards entsprechen.

Die meisten Modemarken sind völlig intransparent

Doch es gibt durchaus Unternehmen, die gewissenhafter arbeiten. Der Einsturz der Textilfabrik Rana Plaza in Bangladesch 2013, bei dem weit über 1.000 Textilarbeiter ums Leben kamen, war ein Weckruf für die Modebranche. Inzwischen legen Textilkonzerne wie Inditex – zu dem Zara und Bershka gehören – und das schwedische H&M ihre Lieferketten offen. Und kleine Unternehmen, wie auch Everlane, gehen noch weiter. Ein Unterfangen, das nicht immer einfach ist.

Zwei nackte Menschen stecken ihre Köpfe in eine schwarze und in eine weiße Jacke (Foto: Kostis Fokas)
Da kann man noch so genau die Etiketten studieren – vieles über die Produktionsbedingungen erfährt man dort nicht. Auch die Kennzeichnung „Made in“ kann irreführend sein: Sie gibt nämlich nicht das Herkunftsland eines Kleidungsstücks an, sondern den Ort, an dem es hauptsächlich zusammengesetzt wurde (Foto: Kostis Fokas)

Weil es selbst für Unternehmer schwierig ist, ihre Lieferkette komplett zu kennen, gibt es Initiativen wie die gemeinnützige Fair Wear Foundation (FWF), die von Einzelhandelsverbänden, Lieferanten, Gewerkschaften und nichtstaatlichen Organisationen aus dem Bekleidungssektor als Stiftung gegründet wurde. Hersteller, die dort Mitglied werden, verpflichten sich, Richtlinien wie freie Arbeitswahl, die Zahlung existenzsichernder Löhne und angemessene Arbeitszeiten einzuhalten. Die FWF berichtet dann öffentlich über deren Einhaltung. „Nur wenn Unternehmen wissen, wo ihre Produkte hergestellt werden, können sie dort auch Einfluss auf die Arbeitsbedingungen nehmen“, sagt Vera Köppen, die deutsche Repräsentantin der Fair Wear Foundation.

Das Schweizer Unternehmen QWSTION stellt langlebige Taschen – meist aus Biobaumwolle und vegetabil gegerbtem Leder – her mit dem Anspruch, jeden Schritt der Produktion in China zu kennen. Am Beispiel des Innenfutters einer Laptoptasche erlebten die Gründer, wie schnell die Produktion auch für sie selbst unüberschaubar wird. „Wir hatten eine diagonale Ziernaht vorgesehen“, sagt einer von ihnen, der Industriedesigner Christian Kaegi. „Als wir die Fabrik in China besuchten, um zu sehen, wie die Produktion läuft, erfuhren wir eher beiläufig, dass die Produktion des Innenfutters an eine externe Näherei vergeben wurde.“ Eine nicht zertifizierte, bei der nicht bekannt war, ob die Arbeiter so auskömmlich bezahlt wurden, ihr Arbeitsplatz so sicher und die Arbeitstage nur so lang waren, wie das Schweizer Unternehmen es sich wünschte. Auf Nachfrage erklärte die zertifizierte Fabrik, dass die Näherinnen für eine diagonale Naht schlicht zu lange brauchten. QWSTION korrigierte das Design – die Naht verläuft nun horizontal –, und der Auftrag wurde wieder intern erledigt. 

Der Anspruch: Mode als Werkzeug des Wandels

Bei Everlane wird nicht nur angegeben, in welcher Fabrik welches Kleidungsstück gefertigt wurde. Wer will, gewinnt auch einen Einblick in die dortigen Arbeitsbedingungen und die Herkunft der Rohstoffe. Beziehungspflege, so vermitteln die Texte auf der Webseite, ist dabei von entscheidender Bedeutung: Zwar hat das Label seinen Sitz in San Francisco, aber Mitarbeiter besuchen regelmäßig die Fabriken in Asien und sprechen mit den Besitzern und Nähern dort. Außerdem legt Everlane die Kosten offen, die bei der Produktion eines Kleidungsstücks entstehen, genau wie die Marge, die das Unternehmen aufschlägt, um Gewinn machen zu können.

Noch radikaler geht der belgische Designer Bruno Pieters vor. Nachdem er einige Jahre als Designer der Marke HUGO des deutschen Modekonzerns Hugo Boss gearbeitet hatte, kündigte er und gründete sein eigenes Label: Honest by. Unter diesem Namen produziert er nun Kleinstkollektionen mit befreundeten Designern. Aktuell gibt es in Zusammenarbeit mit On the Moon zum Beispiel eine Kollektion von Schlafbekleidung und Morgenmänteln aus hochwertiger Baumwolle.

Dabei legt Pieters alles offen: dass die Baumwollgarne von der Schweizer Spinnerei Hermann Bühler stammen, sie bei Hausammann + Moos, ebenfalls in der Schweiz, gefärbt wurden, Obermaterial wie Futterstoff mit dem Siegel OEKO-TEX zertifiziert sind, die Knöpfe aus Ecuador stammen, von dem Hersteller MABO, das Rohmaterial des Nähgarns aus China stammt und in dem bulgarischen Werk des Herstellers Coats zu Nähgarn verarbeitet wurde, ja selbst dass die Sicherheitsnadel, mit der das Etikett befestigt ist, nickelfrei ist und von dem deutschen Händler Rayher Hobby stammt. „Mode kann ein Werkzeug für Mainstream-Design sein und für kommerziellen Erfolg“, sagt Bruno Pieters, „und sie kann ein Werkzeug des Wandels sein. Dafür habe ich mich entschieden.“ 

Wer Kleidung kauft, entscheidet meistens nach Ästhetik und Preis, nicht nach sozialen und ökologischen Kriterien

Dass mehr Marken so offen kommunizieren wie Everlane, Honest by und QWSTION, ist nach Ansicht von Vera Köppen von der Fear Wear Foundation wichtig, auch für die Kunden. „Für Konsumenten wird so besser nachvollziehbar, wie die Lieferketten der Produkte aufgebaut sind, vor welchen Herausforderungen die Unternehmen und ihre Lieferanten stehen und worauf sie als Konsumenten achten können“, sagt sie. In Zeiten, in denen jeder, der will, nachvollziehen kann, welche Henne sein Frühstücksei gelegt hat, erscheint das Leuten wie Vera Köppen längst überfällig. Bisher sind überwiegend noch die Ästhetik und der Preis bestimmend für die meisten Kaufentscheidungen in der Mode, nicht die ökologische und soziale Verträglichkeit des Produkts.

Doch möglicherweise deutet sich am Beispiel von Everlane das Umdenken der Konsumenten an: Nach Aussagen von Marktexperten erzielte das kalifornische Unternehmen 2015 einen Umsatz von rund 50 Millionen Dollar; für 2016 rechneten die Experten bereits mit einer Verdoppelung.

Titelbild: Kostis Fokas