„Sudelbücher“, so nannte der deutsche Physiker und Universalgelehrte Georg Christoph Lichtenberg seine Schreibhefte, in denen er merksatzhaft seine Gedanken notierte. In eines davon schrieb er vor über 200 Jahren diesen Aphorismus: „Es ist ja doch nun einmal nicht anders: die meisten Menschen leben mehr nach der Mode als nach der Vernunft.“ Wirft man einen Blick auf die global vernetzte Modebranche des 21. Jahrhunderts, scheint sich an dieser Feststellung nicht viel geändert zu haben: Ausbeutung der Arbeiter in Billiglohnländern, der Einsatz von gefährlichen Chemikalien, das Produktions- und Stildiktat der Global Players, die Massenwaren der Textilketten, das manische Hinterherhecheln nach dem allerneuesten Trend. Aber sind Mode und Vernunft tatsächlich ein nicht aufzulösender Widerspruch? Nein, sagen immer mehr Unternehmer, Designer und Konsumenten, die sich in den letzten Jahren ganz bewusst gegen die Produktionsweisen der globalen Textilindustrie entschieden haben.

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Sozialer Schuh: Produktion der Karma Chakhs in Pakistan (Foto: Kathrin Harms/laif)
Sozialer Schuh: Produktion der Karma Chakhs in Pakistan (Foto: Kathrin Harms/laif)

Intelligent kopieren – Karma Chakhs

Van Bo Le-Mentzel ist schwer einzuordnen: Er ist Architekt, Designer, Uni-Gastprofessor und sozialer Unternehmer. Selbsterklärtes Ziel seiner Umtriebigkeit ist es, die Welt ein Stück besser zu machen. Im Jahr 2010 entwarf er Designermöbel, die jeder günstig nachbauen konnte. Er nannte sie Hartz-IV-Möbel und veröffentlichte die Bauanleitung im Internet. 2012 folgte das Projekt Karma Chakhs. Vor einigen Jahren hat der Konzern Nike, der schon oft wegen seiner unfairen Bezahlung, des Einsatzes von giftigen Chemikalien und der miserablen Arbeitsbedingungen in sogenannten Billiglohnländern in die Kritik geraten ist, Converse aufgekauft. Le-Mentzel hatte, wie er sagt, „keine Lust darauf, mir von Nike diktieren zu lassen, wie die Chucks produziert werden“. Er kopierte den Chuck Taylor All Star von Converse, sammelte via Crowdfunding Geld und ließ den Schuh in Indien, Pakistan und Sri Lanka produzieren. Ohne den bekannten Stern als Logo, dafür aber, so Le-Mentzel, fair und mit gutem Karma, also laut seinen Angaben unter besseren Arbeitsbedingungen und mit höheren Löhnen hergestellt, bekam jeder, der jeweils 69 Euro eingezahlt hatte, ein paar Karma Chakhs nach Hause geliefert.

Secondhand im Netz – Kleiderkreisel

Kleiderkreisel ist die größte deutschsprachige Online-Tauschbörse für Kleidung. Auf dieser Internetplattform kann man gebrauchte Kleidung verkaufen, tauschen oder verschenken. Das Konzept wurde von Justas Janauskas in Litauen erfunden, sein Startup heißt Vinted. 2008 landeten Susanne Richter und Sophie Utikal per Couchsurfing zufällig in Justas Wohnung in Vilnius, lernten seine Idee kennen und gründeten bereits wenig später den deutschen Ableger Kleiderkreisel.de. Das Motto des Unternehmens: „Mach mit und kämpfe stilvoll gegen Verschwendung.“ Martin Huber, einer der Mitbegründer, der heute allerdings ebenso wie Richter und Utikal nicht mehr im Unternehmen ist, drückte es in einem Interview mal so aus: „Alles, was wir brauchen, ist schon da. Wir sind nicht gegen Konsum, aber wir wünschen uns, dass für das Gefühl, etwas Neues zu haben, nicht extra etwas Neues produziert werden muss.“ Anstatt zu besitzen und zu horten, so Huber, gehe der Trend hin zum Benutzen und Teilen. Hehre Worte. Kein Wunder, dass sich die Plattform einen regelrechten Shitstorm einfing, als 2014 Gebühren für das Kleiderkreisel-Bezahlsystem eingeführt wurden.

Kreative Wiederverwertung – Upcycling

Viel besser als wegwerfen: Beim Upcycling veredeln Designer ausrangierte Kleidung und Stoffe zu neuer Mode. Laut Statistischem Bundesamt entstehen durch deutsche Haushalte jährlich etwa 100.000 Tonnen Bekleidungsabfall. Hinzu kommen Unmengen an Stoffresten und Verschnitten, die bei der Produktion neuer Kollektionen in der Textilindustrie anfallen. An diesem Punkt setzt zum Beispiel das Upcycling-Label Aluc ein: Für seine Hemden, Blusenkleider und Tops verwendet das Designer-Team Abfallreste aus der Textilindustrie. Auf ihrer Webseite schreiben sie: „Industrielle Überproduktion ist ein großes Problem für die Umwelt. Ist es wirklich sinnvoll, neue Stoffe herzustellen, solange riesige Mengen an Abfall aus der Textilindustrie jeden Tag auf der Müllkippe landen oder verbrannt werden?“ Noch etwas radikaler sind die Designer der Trashion-Bewegung: Bei ihnen entsteht Mode aus weggeworfenen Fahrradschläuchen, Regenschirmen, Duschvorhängen oder Plastikflaschen. Die „Schrott-Prêt-à-porter“ oder „Müllmode“ möchte, wie die Betreiber der Trashion Fashion Show auf ihrer Webseite sowie bei Instagram erklären, „den Abfall neu erfinden“.

Philosophie der Nachhaltigkeit – Slow Fashion

Der Begriff „Slow Fashion“ stammt aus Großbritannien, ausgerechnet aus dem Mutterland der Industrialisierung, dessen Textilfabriken einst eine globale Vormachtstellung innehatten. Geprägt wurde der Begriff 2007 von der Forscherin, Autorin und Design-Aktivistin Kate Fletcher. „Die ,Fast Fashion‘“, kritisiert sie, „wird von der Gier nach schnellem Profit bestimmt.“ Die „Slow Fashion“ setze dagegen auf Entschleunigung, Qualität, Nachhaltigkeit und Fairness. Unter diesem Begriff sind heute verschiedenste alternative Modebewegungen unterwegs. Sie fordern eine neue Modekultur, einen bewussteren Umgang mit Kleidung. Dazu zählen beispielsweise Kleidung, die aus Biostoffen oder recycelten Materialien hergestellt wird, gebrauchte Sachen, Produkte von kleineren Labels, kurze lokale Vertriebswege, ethische Arbeitsbedingungen, faire Löhne und ein schonender Umgang mit der Natur. Kate Fletcher schreibt hierzu: „Slow Fashion ist ein Blick in eine andere, nachhaltigere Zukunft der Textilindustrie.“ Und diese Zukunft sei, durch den fortschreitenden Bewusstseinswandel der Menschen, „nur noch ein Kleidungsstück weit entfernt“. Für diese optimistische Prognose gibt es allerdings keine wissenschaftlichen Belege, denn bisher wurde der Marktanteil von nachhaltiger Mode nicht erhoben, weder für Deutschland, noch für Europa, noch weltweit. Kirsten Brodde, die einen Blog über nachhaltige Mode betreibt, vermutet, dass der Anteil der grünen Mode, ebenso wie bei anderen grünen Segmenten, unter fünf Prozent liegt. Auch in einem Gutachten im Auftrag der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen wird eine Studie zitiert, wonach sich der Anteil von Öko-Textilien am Gesamtmarkt auf 3,5 Prozent beläuft. Angesichts dieser doch eher ernüchternden Zahlen stellt sich die Frage, ob alleine ein Bewusstseinswandel ausreicht, um die Modebranche nachhaltig zu verändern. Müsste hier nicht die Politik mit strengeren ökologischen und sozial ausgehandelten globalen Rahmenbedingungen für eine andere, also für eine sozial gerechte und ökologisch nachhaltige Entwicklung in der Textilindustrie sorgen?

Alem Grabovac lebt als freier Autor und Journalist in Berlin. Als vorpubertierender Jüngling im Alter von elf oder zwölf Jahren sah er zu viele Cowboyfilme. Sein Kleidung bestand in jenen Tagen aus bunt karierten Cowboyhemden, Gürteln mit riesigen Longhorn-Schnallen und braunen Cowboylederstiefeln. Er erinnert sich nur äußerst ungern an jene grausige und unheilvolle Modephase in seinem Leben.