Statistisch gesehen liegt die Überlebenschance auf der Route über das zentrale Mittelmeer bei 46 zu 1 – wenn man als Flüchtling auf einem der oft maroden, übervollen Schmugglerboote die Überfahrt nach Europa wagt. Angesichts der Hundertausenden, die sich jährlich darauf einlassen – 2015 waren es etwa eine Million – bedeutet diese kalte Zahl massenhaftes Leid.

Einige Schiffe nichtstaatlicher Organisationen halten deshalb täglich auf dem Mittelmeer nach Flüchtlingsbooten Ausschau. Sie verteilen Rettungswesten und Wasser, nehmen Flüchtlinge an Bord oder holen Hilfe, wenn sie es selbst nicht mehr schaffen. Eines der Schiffe gehört dem deutschen Verein „Sea-Watch“. 2015 haben seine Aktivisten auf ihrem umgerüsteten Kutter über 5.000 Menschen gerettet. Im fluter-Video geben sie einen Einblick in ihre Arbeit – eine, die ihrer Meinung nach eigentlich europäische Institutionen übernehmen sollten.

Tatsächlich kreuzen auch offizielle EU-Patrouillen wie die der Operationen „Sophia“ oder „Triton“, letztere eine von der Grenzschutzagentur Frontex geführte Mission, die vor zwei Jahren das italienische Rettungsprogramm „Mare Nostrum“ ablöste, im Mittelmeer. Doch die NGOs kritisieren, dass die EU-Missionen zwar bei Rettungsaktionen involviert, ihre eigentliche Aufgabe aber die Bekämpfung von Schlepperbanden sei. Sea-Watch und andere Organisationen lehnen diese Herangehensweise ab und fordern legale Einreisewege in die EU, um Flüchtenden eine Chance zu bieten, ohne die gefährliche Überfahrt einen Asylantrag in der EU stellen zu können und dem Schleusergeschäft damit die Grundlage zu entziehen.

Weil der Verein „Sea-Watch“ gerettete Menschen nicht selbst an Land bringt, sondern an andere zivile und staatliche Organisationen abgibt, können seine Aktivisten permanent im Einsatzgebiet bleiben. Doch sie sind mit einem schwierigen Widerspruch konfrontiert: Die ständige Präsenz ihrer und anderer Schiffe sowie ein Mangel an seetauglichen Booten in Libyen veranlasst Schlepper dazu, sich mehr und mehr auf die Rettungsschiffe zu verlassen. Sie schicken Boote los, die noch überladener und seeuntauglicher sind als schon zuvor. Würden sich Organisationen jedoch zurückziehen, hieße das, die Menschen auf den Schlauchbooten dem sicheren Tod zu überlassen. Denn auch, wenn die Flüchtenden um die Gefahr wissen – ihre Verzweiflung ist groß genug, die Überfahrt trotzdem anzutreten. Obwohl im laufenden Jahr insgesamt weniger Menschen über das Mittelmeer nach Europa geflüchtet sind als 2015, markiert 2016 jetzt schon einen traurigen Rekord: Über 4.220 Menschen ertranken auf der Flucht – so viele wie nie zuvor.