Eigentlich sieht er kein bisschen aus wie Walter White aus „Breaking Bad“. In seinem neuen Roman „Touristenfrühstück“ erzählt Zaza Burchuladze, dass sein Lektor ihn auf diese Ähnlichkeit angesprochen habe, nachdem er sich den Kopf rasiert hatte. Doch der glatzköpfige Mann mit Bart, der zum Interview in Berlin erscheint, sieht zum einen deutlich jünger aus als auf seinem Autorenfoto im Buch und wirkt in seiner hochgewachsenen Schlaksigkeit auch eher jungenhaft als machomäßig finster. Mit seinen 43 Jahren ginge Zaza Burchuladze vielleicht so gerade noch als Enfant terrible durch, wenn das nicht die Situation verharmlosen würde, die dazu führte, dass er seinem Heimatland Georgien den Rücken gekehrt hat. Für immer, wie er sagt.

Seit vier Jahren lebt Burchuladze in Deutschland, drei davon in Berlin. In Georgien ein bekannter Autor, der nicht nur Belletristik, sondern auch Drehbücher und Artikel schrieb und auch bei Fernsehauftritten nie um ein klares Wort verlegen war, hatte er sich mit gesellschafts- und religionskritischen Äußerungen so unbeliebt gemacht, dass er vom damaligen Staatspräsidenten Saakaschwili in einer Nachrichtensendung angefeindet und schließlich sogar in der Öffentlichkeit von Unbekannten krankenhausreif geschlagen wurde. 

Partys während des Kaukasuskriegs

Touristenfrühstück

Touristenfrühstück
Zaza Burchuladze: Touristenfrühstück. Aus dem Georgischen von Natia Mikeladse-Bachsoliani. Blumenbar Verlag, Berlin 2016. 176 S., 18 Euro

„Für mich ist es ein Zeichen von Dummheit, an einen Gott zu glauben“, erklärt er jetzt, nachdem er seinen Cappuccino in einem ziemlich passablen Deutsch bestellt hat. In Georgien aber habe der Patriarch der orthodoxen Kirche einen Einfluss, der ans „Göttliche” grenzt. Und sogar die junge Generation glaube mehrheitlich daran, dass man nach dem Tod entweder ins Paradies oder in die Hölle kommt. „Es gibt eine georgische Redewendung, die übersetzt werden kann mit ‚Gott ist hier‘. Ich habe ein Wortspiel daraus gemacht. Man muss nämlich nur einen einzigen Laut verändern, dann lautet der Satz ‚Gott stinkt‘.“ Danach spricht er beide Sätze gaanz langsam auf Georgisch vor. Sie hören sich genau gleich an.

Zaza Burchuladzes letztes in Georgien entstandenes Buch war der drastische Roman „Adibas“ (auf Deutsch 2015 im Blumenbar Verlag erschienen), der das Partyleben der Tbilisser Jugend während des Kaukasus-Kriegs mit Russland umkreist. Nun ist kürzlich „Touristenfrühstück“ erschienen, sein erstes im Exil geschriebenes Buch. Wobei man dazu fragen kann: Würde er es „Exil“ nennen? „Emigration“? Oder welchen Status hat man als einer, dem in der Heimat großer Ärger droht, aber nicht unbedingt staatliche Verfolgung? „Es ist weder Exil noch Emigration“, erklärt er entschieden. „Eher ist es eine neue Art zu leben, wie sie heute eben möglich ist. Ein Leben, in dem es die Grenzen von früher nicht mehr gibt, in dem es nicht mehr so wichtig ist, aus welchem Land man kommt.“

Auch wenn er gerade hart an seiner dauerhaften Aufenthaltsgenehmigung in Deutschland arbeitet, Georgien aber bleibt sein zentrales Thema. „Touristenfrühstück“ ist ein Erzählen aus der Lücke zwischen hier und dort, mit der Biografie des Autors als Basismaterial. Versatzstücke seines Berliner Lebens verzahnt er mit Erinnerungen an Georgien, das eine gleitet in das andere über, häufig vermittelt durch Bilder auf dem Smartphone des Ich-Erzählers (der auch Zaza Burchuladze heißt) – unter anderem Bilder seiner letzten Hochzeit, die noch in Tbilissi stattfand. 

Das mysteriöse Vogelsterben

Nun aber ist der Erzähler in Berlin und geht mit seiner Tochter im Berliner Humboldthain spazieren, wo ein seltsames Vogelsterben im Gange ist. Überall finden die beiden Kadaver, sogar auf dem Spielplatz gräbt das kleine Mädchen einen toten Vogel aus dem Sand. Der alte Flakturm, der die Gegend überragt, dient als kuriose wie morbide Kulisse. 

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Toter Vogel im Sandkasten
Metapher und Wirklichkeit. Das mysteriöse Vogelsterben im Berliner Humboldthain gibt es nicht nur in „Touristenfrühstück“, wie Zazas Handyfoto beweist

„O doch, doch, die toten Vögel entsprechen der Realität“, versichert der Autor sehr ernsthaft: „Ich habe Bilder.“ Bilder spielen eine immens wichtige Rolle in „Touristenfrühstück“: außer den Handyfotos immer wieder auch bewegte Bilder, vor allem in Gestalt jener oft schwer verdaulichen Arthouse-Filme, die der Erzähler gemeinsam mit seiner cineastischen Ehefrau gucken muss. Mit einer Art filmischer Montagetechnik arbeitet auch der Roman: Gegen die Berliner Szenen werden Bilder aus Tbilissi geschnitten, als assoziatives Mosaik aus Kindheitserinnerungen und Erlebnissen in der Kulturszene. 

Einmal begegnet er dem französischen Regisseur Leos Carax auf dem Tbilisser Filmfestival, was eine Kettenreaktion surrealer kleiner Szenen in Gang setzt. Weil nämlich der Franzose gern kiffen möchte, in Tbilissi „was zum Rauchen“ aber nicht so einfach zu besorgen ist wie dort, wo er herkommt, müssen der Erzähler und sein ausländischer Gast eine Odyssee durch die Stadt unternehmen und stranden dabei unter anderem bei einer traditionellen georgischen Totenwache.

„I love Berlin“, erklärt Zaza Burchuladze. Nach drei Jahren habe er das Gefühl, hier so etwas wie eine neue Heimat gefunden zu haben. Er gehe gern durch die Straßen in Prenzlauer Berg spazieren und fühle sich in seiner Umgebung sehr wohl. „Aber andererseits bin ich auch noch nicht ganz wirklich hier. Es ist ein Zwischenzustand.“ Offenbar einer, aus dem sich produktive Funken schlagen lassen.

Zaza Burchuladze: „Touristenfrühstück“. Aus dem Georgischen von Natia Mikeladse-Bachsoliani. Blumenbar Verlag, Berlin 2016, 176 S., 18 Euro

Titelbild: David Meskhi