Wird die Sommerzeit bald abgeschafft?

384 Abgeordnete des EU-Parlaments stimmten im Februar dafür, 154 dagegen, die Sommerzeit und ihre Auswirkungen zu prüfen. Jetzt ist die EU-Kommission an der Reihe. Kommen die von ihr beauftragten Experten zu dem Ergebnis, dass die Nachteile überwiegen, geht sie mit den Mitgliedsstaaten in Verhandlungen. Wird man sich einig – was allerdings ein bisschen dauern kann –, könnte die Sommerzeit EU-weit tatsächlich abgeschafft werden.

Was spricht gegen die Sommerzeit?

Wird eine Kuh plötzlich eine Stunde früher gemolken als sonst, gibt sie tagelang weniger Milch

Viele Experten argumentieren, dass die Zeitumstellung körperlich für Mensch und Tier schwierig ist: Sie soll zum Beispiel für einen kollektiven Jetlag sorgen, das Herzinfarktrisiko in der Bevölkerung steigern und zu Verlusten in der Landwirtschaft führen. Letzteres ist bewiesen: Wird eine Kuh plötzlich eine Stunde früher gemolken als sonst, bringt das ihren Biorhythmus derart durcheinander, dass sie tagelang weniger Milch gibt. Viele Landwirte „verteilen“ die Zeitumstellung deshalb auf mehrere Tage, melken also jeden Tag ein bisschen früher, bis die Stunde voll ist. Eine weitere Annahme, die besagt, dass es durch die Zeitumstellung zu mehr Verkehrsunfällen kommen soll, ist dagegen umstritten.

Was spricht dafür?

Längere Sommertage sind gut gegen Depressionen, argumentieren Befürworter, zumindest aber eine angenehme Abwechslung. Weil die Wachphase der meisten Menschen in die helle Phase des Tages verschoben wird, bekommen sie automatisch mehr natürliches Licht ab. Ist es nach Feierabend noch hell und lau, steigt auch die Motivation, aktiv zu sein oder Sport zu treiben.

Das Argument, durch die saisonale Zeitumstellung würde Energie gespart, hält sich hartnäckig. Sowohl das deutsche Umweltbundesamt als auch der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft kommen aber zu dem Schluss, dass es keinen nennenswerten Effekt gibt. Zwar wird durch die verminderte Beleuchtung tatsächlich etwas Strom gespart – der „Mehrverbrauch an Heizenergie durch Vorverlegung der Hauptheizzeit“ kompensiert das Ganze aber wieder, teilte die Bundesregierung mit.

Sollte die Zeitumstellung abgeschafft werden?

Wer hat’s erfunden?

Zum ersten Mal wurde die Uhrzeit am 30. April 1916 im Deutschen Reich und in Österreich-Ungarn umgestellt. Die Rüstungsindustrie verschlang große Mengen an Brennstoff, außerdem verhinderte die Seeblockade der britischen Royal Navy den Import von Petroleum (zum Befüllen von Lampen) und Paraffin (zum Ziehen von Kerzen). Auf Vorschlag Henry von Böttingers, Mitglied des Preußischen Herrenhauses, beschloss die Reichskanzlei schließlich, das Tageslicht in den Sommermonaten bestmöglich zu nutzen: Der Arbeitsalltag sollte bei natürlichem Licht beginnen und bei natürlichem Licht enden. Bald führten auch gegnerische Kriegsparteien die Sommerzeit ein. Nach Kriegsende schaffte man sie wieder ab – und führte sie im Zweiten Weltkrieg wieder ein. Die USA stellten während des Zweiten Weltkrieges die Uhren sogar ganzjährig vor und nannten die Praxis „War Time“. In Deutschland galt in der Nachkriegszeit, genauer im Jahr 1947, gar eine „Hochsommerzeit“: Für mehrere Wochen wurden die Uhren eine weitere Stunde vorgestellt.

Seit wann gilt in Deutschland die Sommerzeit, wie wir sie kennen?

1950 wurde die Sommerzeit in Deutschland abgeschafft und erst 30 Jahre später, als Reaktion auf die Ölkrise der 70er-Jahre, wieder eingeführt. Seit 1996 ist die Sommerzeit in allen Ländern der Europäischen Union einheitlich geregelt, um den Binnenmarkt zu harmonisieren. Davon abgesehen, dass eine EU-Richtlinie es untersagt: Die Sommerzeit im Alleingang wieder abzuschaffen würde handels- und reisetechnisch im Chaos enden.

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By TimeZonesBoy - Own work, CC BY-SA 3.0, Link

Die blau und orange markierten Länder stellen die Uhr zweimal im Jahr um. Die hellgrauen Länder haben die Sommerzeit abgeschafft, die dunkelgrauen sie gar nicht erst eingeführt. 

Wie gehen andere Länder mit der Sommerzeit um?

Weltweit ist die saisonale Zeitumstellung auf dem Rückzug

Die saisonale Zeitumstellung ist vor allem in Europa und Nordamerika verbreitet, weltweit ist sie aber auf dem Rückzug. Russland etwa kehrte 2014 zur ganzjährigen Normalzeit zurück. Zuvor hatte Wladimir Putins Vorgänger Dmitri Medwedew drei Jahre lang die ganzjährige Sommerzeit ausprobiert; das Experiment fand wenig Anklang, weil es dadurch im Winter morgens länger dunkel blieb.

Die Türkei wiederum erklärte 2016 die Sommerzeit zu ihrer Standardzeit. Und in Israel läuft es noch mal anders: Nach dem Zweiten Weltkrieg führten die Briten, unter deren Mandat Palästina damals stand, in der Region die Sommerzeit ein. Seit der israelischen Staatsgründung 1948 protestieren religiöse Vertreter dagegen – unter anderem, weil sich jüdische und muslimische Gebets- und Fastenzeiten nach dem Sonnenstand richten. 2005 einigten sich schließlich die säkularen und religiösen Parteien in der Knesset, die Sommerzeit immer vor dem Feiertag Jom Kippur zu beenden, damit das Warten auf das abendliche Fastenbrechen nicht zu lange dauert. Die Palästinensische Autonomiebehörde wiederum unterbrach 2011 die Sommerzeit kurzerhand für die Zeit des Ramadan. Und in der Geburtskirche in Bethlehem und in der Grabeskirche in Jerusalem gilt die Sommerzeit überhaupt nicht – auf den Parkplätzen davor dann aber schon.

Titelbild: Art Phaneuf / Alamy Stock Photo