Buffer ist ein hippes Internetunternehmen, das so ziemlich alle Klischees der Branche erfüllt. Die Mitarbeiter tragen Titel wie „Tech Hero“, E-Mails sind für alle Kollegen einsehbar, und zwischenzeitlich verzichtete man auf Chefs und Hierarchien. Eine Sache ist aber selbst für ein experimentierfreudiges Start-up ungewöhnlich: Die Gehälter der 65 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind auf der firmeneigenen Website für jedermann sichtbar – offen für bewundernde, neidische oder einfach neugierige Blicke.

An der Spitze: Joel, der Chef, Arbeitssitz in New York, 218.000 Dollar.
Irgendwo in der Mitte: Dave, „Happiness Hero” am Standort London, 77.913 Dollar.
Ganz unten: Alfred, „Community Champion“, Singapur, 59.112 Dollar.

Das Gehalt als letztes Tabu des modernen Daseins

Das Gehalt ist so etwas wie das letzte Tabu des modernen Daseins. Viele scheinen bereitwilliger über ihr Sexleben zu plaudern als über die Summe, die sie Monat für Monat aufs Konto bekommen. Ich wollte mal von einem guten Freund wissen, was er in seinem neuen Versicherungsjob bekommt. Er meinte nur knapp, so etwas frage man nicht.

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Metzgerei
Darfs ein bisschen mehr sein? Ein Metzger verdient im Schnitt pro Monat zwischen 1.787 und 2.689* Euro brutto

Als Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig vergangenes Jahr an dem Tabu rüttelte und (minimal) mehr Transparenz bei den Gehältern verordnen wollte, schlugen Lobbyisten Alarm, als drohte in den Büros der Bürgerkrieg: Die Stiftung der Familienunternehmen zum Beispiel warnte vor „Spannungen in der Belegschaft“.

Gehalt verschweigen, um keine Missgunst zu provozieren?

Mein Freund begründet es ganz ähnlich: Er verschweige sein Gehalt, um keine Missgunst zu provozieren. Mir scheint das ein schräges Argument zu sein: Nicht die Transparenz führt zu Unmut. Sondern allenfalls das, was sie enthüllt: die Unfairness, die Zufälligkeit, die Ungleichheit.

Der amerikanische Rechtswissenschaftler und Philosoph Jeremy Waldron hat einmal folgendes Gedankenspiel angestellt: Angenommen, wir erfahren, dass ein Gericht fünf Kriminelle einer organisierten Vereinigung zu einer gemeinsamen Haftstrafe von 200 Jahren verurteilt hat. Ist das Urteil gerecht?

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Erzieherin
Kinder, Kinder: Erzieher verdienen zwischen 2.302 und 3.121* Euro brutto pro Monat

Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Es könnte sein, dass der Haupttäter nur 20 Jahre hinter Gitter muss, seine drei Gehilfen aber jeweils 60. Solange wir nicht das Strafmaß eines jeden Einzelnen kennen, können wir die Gerichtsentscheidung kaum beurteilen.

Wir müssen die Einkommen offenlegen. Alle

Bei der Frage, ob der Wohlstand in diesem Land gerecht verteilt wird, verhält es sich Waldron zufolge ganz ähnlich: Es gibt Statistiken, aus denen wir zum Beispiel ablesen können, dass Ärzte mehr verdienen als Krankenpfleger. Wir haben Näherungswerte für die Verteilung des Reichtums. Für die Frage nach der Gerechtigkeit aber, so Waldron, sei in letzter Konsequenz das Wohlergehen des Individuums entscheidender als das einer Gruppe: Es zählt, wie es jedem einzelnen Pfleger geht, nicht nur dem Durchschnitt aller Pfleger. Wir sollten die Frage der Gerechtigkeit nicht nur über den Daumen gepeilt beurteilen können, sondern auch in ihren letzten Feinheiten. Daraus folgt für Waldron: Wir müssen die Einkommen offenlegen. Alle.


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Strassenbauer
Andere Baustelle: Straßenbauer bekommen monatlich zwischen 2.425 und 3.963* Euro brutto

Es gibt Länder, in denen das längst passiert. In Norwegen zum Beispiel legten die Behörden seit dem 19. Jahrhundert jedes Jahr im Oktober die Steuerdaten eines jeden Bürgers einige Wochen lang aus. Das Interesse daran war aber nicht sehr groß. Das änderte sich schlagartig, als das Land 2001 dazu überging, die Steuerdaten ins Internet zu stellen. Plötzlich war das Einkommen des Nachbarn, des Kollegen, des Chefs – genauso wie das aller anderen Norweger – nicht mehr einen Amtsbesuch, sondern nur noch einen Klick weit entfernt.

Nachdem in Norwegen die Einkommen öffentlich wurden, stiegen die Löhne der niedrigsten Verdienstgruppe

Die Wirtschaftswissenschaftlerinnen Mari Rege und Ingeborg Solli haben untersucht, wie dieser „Informationsschock“ das Gehaltsgefüge der Norweger verändert hat. Ihr Ergebnis: Nachdem die Einkommen öffentlich wurden, stiegen die Löhne besonders in der niedrigsten Verdienstgruppe überdurchschnittlich, um 4,8 Prozent.

Interessanterweise scheint aber gerade die Gruppe, die am meisten von der Transparenz profitiert, am unglücklichsten damit zu sein, wie der amerikanische Ökonom Ricardo Perez-Truglia 2016 in einer Studie feststellte: Die Transparenz machte die Schlechterverdiener in Norwegen merklich unzufriedener. Die Reichen dagegen konnten mit den Blicken in ihre Geldbeutel offenbar gut leben.

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Buchhändlerin
Im Buchhandel verdient man zwischen 1.797 und 2.570* Euro brutto pro Monat. Ein Versandmitarbeiter bei Amazon bekommt 1.934 Euro

Vielleicht liegt darin ein weiterer Grund für das Schweigen: Besonders in einer Zeit, in der sich viele Menschen ganz wesentlich über die Arbeit definieren, drängt sich der Gedanke auf, dass die Gehaltsabrechnung vielleicht mehr sein könnte als eine Aneinanderreihung von Ziffern: nämlich eine Art Maß für den ökonomischen Wert einer Person. Gibt man sich diesem Gedanken hin, dann wird der Verdienst zum Gegenwert jener rund 40 Stunden unserer kostbaren Lebenszeit, die wir Woche für Woche im Job verbringen. Indem wir Gehälter offenlegen, hängen wir uns quasi ein „Preisschild“ um und demaskieren uns damit selbst als ein Stück Humankapital, wie abgewogen an der Fleischtheke des Kapitalismus.

Intransparenz mag schlecht Bezahlten ermöglichen, ihre Würde zu wahren

Fehlende Gehaltstransparenz mag schlecht Bezahlten ermöglichen, ihre Würde zu wahren. Sie kann allerdings auch dazu beitragen, dass die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer bleiben, als sie es müssten.

Bei Buffer jedenfalls, dem hippen Internetunternehmen, steht neben den Löhnen auch die Formel, nach denen sie berechnet wurden. So muss man nicht darüber spekulieren, ob die Gehälter nach gerechten Kriterien zustande kommen, sondern kann offen darüber streiten.

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Fotograf
Und unser Fotograf möchte lieber für sich behalten, was er für seine Bilder bekommt
 

Vielleicht muss sich in einer Welt der entblößten Gehälter die Vorstellung von Gerechtigkeit eben daran bemessen, dass sie erklärbar ist und niemanden entwertet. Beim „Lohn-FKK“, und dafür gilt es zu kämpfen, soll sich keiner genieren müssen.

Fotos: Renke Brandt

* Diese Daten stammen von dem Gehaltsportal gehalt.de, das Arbeitnehmer und -geber befragt und die Angaben anschließend auf Plausibilität überprüft