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Schwein gehabt

… denn in Taiwan erobern junge Indigene ihre traditionellen Sprachen, Namen und Rituale zurück – nach mehr als hundert Jahren staatlicher Unterdrückung

Schlachtung

Das Schwein, klein und mit pechschwarzen Borsten, liegt schlummernd in einem großen Metallkäfig im Inneren eines Cafés. Es ahnt nicht, dass es nur noch eine gute Stunde zu leben hat. Es erkennt auch nicht das klirrende Geräusch des Wetzsteins, an dem Ciang Ispalidav sein Messer schleift. Mit der Fingerkuppe prüft er, ob es scharf genug ist. Ein leicht metallischer Geruch liegt in der Luft.

Ciang Ispalidav ist einer von gut 30 jungen Menschen, die sich an diesem Sonntagmorgen im Dezember 2022 noch vor Sonnenaufgang im Café Lumaq im Herzen von Taiwans Hauptstadt Taipeh versammelt haben. Sie wollen heute das Café eröffnen. Die meisten Anwesenden zählen sich zu den indigenen Ureinwohnern Taiwans, deshalb wollen sie bei der Eröffnung traditionellen Bräuchen folgen. Deswegen ist das Schwein hier: Vor Beginn der Feier muss es geschlachtet und zubereitet werden – und zwar direkt vor Ort. Das ist eine Premiere in Taipeh. Nie zuvor haben Indigene die Zeremonie mitten in der Millionenstadt durchgeführt. Jedenfalls nicht offiziell.

„Ich habe Angst, dass unsere Kultur mit der nächsten Generation verloren sein wird, wenn wir nicht handeln“

„Ich bin sehr nervös“, sagt Savungaz Valincinian, eine der Betreiberinnen des neuen Cafés und Aktivistin der Indigenous Youth Front. Sie hat die Feier bei den Behörden angemeldet, aber die haben weder eine Genehmigung ausgestellt noch ein Verbot ausgesprochen. Damit bleibt die Unsicherheit. Wird die Polizei kommen und die Zeremonie abbrechen? „Was passiert, passiert“, sagt Valincinian.

Indigenous Youth Front

Am Anfang stand ein Generationenkonflikt: Entscheidungsträger in traditionellen indigenen Interessenverbänden Taiwans hatten sich 2013 kritisch über die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare geäußert – die 2019 schließlich erlaubt wurde. Jüngere Indigene fühlten sich nicht mehr repräsentiert und schlossen sich zu einer eigenen Gruppe zusammen: der Indigenous Youth Front. Einige Mitglieder hatten bereits gemeinsam an Protesten teilgenommen, etwa gegen den Landraub an Indigenen, Umweltzerstörung oder Atomkraft.

Rund eine halbe Million Menschen indigener Abstammung leben in Taiwan, gut zwei Prozent der Bevölkerung. Die meisten der rund 23 Millionen Einwohner sind Nachfahren chinesischer Einwanderer. Die Indigenen ihrerseits gehören zu 16 verschiedenen Völkern, Amis etwa und Bunun. Gemeinsam ist ihnen, dass sie jahrzehntelang unterdrückt wurden. Weder durften sie ihre Sprachen sprechen noch traditionelle Namen verwenden. „Ich habe Angst, dass unsere Kultur mit der nächsten Generation verloren sein wird, wenn wir jetzt nicht handeln“, sagt Ciang Ispalidav.

Dabei leben die Angehörigen der indigenen Völker schon seit ewigen Zeiten auf Taiwan, während Menschen chinesischer Abstammung vor allem in den vergangenen 400 Jahren auf die Insel gezogen sind. Mehr und mehr haben sie die Indigenen in die bergigen Regionen des Ostens verdrängt. Dort ist ihr Bevölkerungsanteil bis heute am höchsten.

Im Jahr 1895 übernahm das japanische Kaiserreich die Herrschaft in Taiwan und machte die Insel zur Kolonie. Die neuen Herren verboten den Gebrauch aller nichtjapanischen Sprachen und zwangen alle Bewohner, japanische Namen anzunehmen. „Spätestens jetzt verloren die indigenen Gruppen ihre Souveränität“, sagt Liu Shih-Lung vom National Museum of Prehistory in Taitung, einer Stadt im Osten Taiwans. Das Museum hat sich zum Ziel gesetzt, die Öffentlichkeit über die indigenen Kulturen aufzuklären.

An der Unterdrückung änderte sich auch nichts, als Taiwan mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs von Japan an die Republik China fiel. Als 1949, nach dem chinesischen Bürgerkrieg und der Errichtung der Volksrepublik China auf dem Festland, über eine Million Anhänger und Vertreter der Republik China auf die Insel flohen, errichtete Diktator Chiang Kai-Shek dort eine Einparteienherrschaft. Erst seit den 1980er-Jahren wurden die Sprachverbote nach und nach gelockert, sagt Liu Shih-Lung. Im Jahr 2016 bat Tsai Ing-Wen, die Präsidentin des mittlerweile demokratisch regierten Taiwan, bei ihren indigenen Landsleuten um Entschuldigung für das Unrecht.

Trotzdem erschwert es die lange Zeit der Unterdrückung, an alte Traditionen anzuknüpfen. „Meine Vorfahren lebten in Dörfern in den Bergen, bis sie in die Städte gezwungen wurden“, sagt Tana Panay Kumod Takisvilainan aus der Stadt Yuli im Osten Taiwans. Sie spricht über die Zeit der japanischen Besatzung ab 1895 bis 1945. Indigene Dörfer wurden aufgelöst, die Menschen gewaltvoll in Städte umgesiedelt. Wie dünn der Faden ist, an dem ihr kulturelles Erbe hängt, hat sie in der eigenen Familie erlebt. Die Sprache Bunun hat sie nicht von ihren Eltern, sondern den Großeltern gelernt. „Nur die Älteren erinnern sich noch an Riten und Praktiken“, ergänzt sie.

In der Mehrheitsgesellschaft wiederum herrschte lange völlige Unkenntnis. In der Schule stand das Thema nicht auf dem Stundenplan. „Über die Indigenen habe ich in meiner Kindheit nichts erfahren“, sagt Liu Shih-Lung. Die Folgen spürt Tana Panay Kumod Takisvilainan bis heute. „Wenn ich in Taipeh bin, werde ich manchmal gefragt, ob ich aus Indonesien komme“, sagt sie. Ihr etwas dunklerer Teint werde als fremd wahrgenommen. Das Interesse an ihrer Kultur, etwa traditionellen Tänzen, sei oft oberflächlich, kritisiert sie. „Viele Leute wollen nur schnell ein Foto machen und es bei Social Media posten.“

Staatliche Tourismuskampagnen stellten die alten Kulturen als bunte Folklore dar

Dazu beigetragen haben auch staatliche Tourismuskampagnen, meint Savungaz Valincinian. Die stellten die alten Kulturen als bunte Folklore dar. Um sich dagegen zu wehren, gründete sie gemeinsam mit Freunden die Indigenous Youth Front. Spektakulär war gleich eine ihrer ersten Aktionen. Die Aktivisten taten, als wären sie Touristen, und besuchten ein Fremdenverkehrsamt. Dort fotografierten sie die Mitarbeitenden bei der Arbeit und kommentierten laut deren scheinbar exotisches und wundersames Verhalten. Der Protest hatte Erfolg, die unbedachte Kampagne wurde wieder eingestellt.

Doch die Eröffnungszeremonie des Café Lumaq ist eine andere Nummer. In Taipeh treten Indigene nach wie vor kaum öffentlich in Erscheinung, obwohl viele Jüngere auf der Suche nach Arbeit in die Hauptstadt gezogen sind. Die Behörden seien weniger kooperativ und vielleicht auch unerfahren, sagt Savungaz Valincinian.

Eine gewisse Anspannung ist zu spüren, als Ciang Ispalidav das Schwein aus seinem Schlummer weckt. Gemeinsam mit anderen fesselt er das Tier an den Haxen und trägt es auf die Straße, wo die Männer es auf einer Unterlage aus Pappe mit aller Kraft auf den Boden drücken. Dann geht alles ganz schnell. Mit einem beherzten Schnitt durchtrennt Ciang Ispalidav die Hauptschlagader. Das Schwein schreit auf. Doch bald werden die Rufe leiser. Es grunzt noch einmal und hört auf zu atmen.

Lumaq
Der Boden ist gewischt, Zeit für ein Gruppenfoto. Mittendrin: Savungaz Valincinian, die mit beiden Händen Victory-Zeichen macht

Für Aufmerksamkeit sorgt die Szene trotz ihrer Kürze. Ein Streifenwagen fährt vor. Wie sich herausstellt, haben Nachbarn wegen des Aufruhrs die Polizei gerufen. Savungaz Valincinian schildert den Beamten die Situation, verweist auf die beantragte Genehmigung. Die Polizisten akzeptieren die Erklärungen, die Gruppe ist erleichtert.

Endlich beginnt die eigentliche Feier. Viele Teilnehmende ziehen sich zu diesem Anlass um, tragen nun festliche Kleidung – meist schwarze oder weiße Gewänder, geschmückt mit bunten geometrischen Mustern. Auf einem großen grünen Blatt werden der Kopf und die Organe des Schweins ausgestellt. Eine ältere Frau führt durch ein Ritual, spricht einen Segen und gute Wünsche. Anschließend wird das Fleisch des Tieres zubereitet und den Gästen angeboten.

„Dass so eine Zeremonie mitten in Taipeh möglich war, berührt mich sehr“, sagt Ciang Ispalidav. Auch Savungaz Valincinian ist die Freude anzumerken. Ihr lautes Lachen ist immer wieder zu hören. Das Café soll nun als Anlaufstelle für Indigene und Unterstützende dienen, wünscht sie sich: Der Kampf gegen die Unwissenheit und um Anerkennung sei noch lange nicht gewonnen.

Tobias Sauer recherchierte Ende 2022 für zwei Monate mit einem Stipendium der Internationalen Journalisten-Programme in Taiwan.

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.