Berlin kann sehr kalt sein. Diese bittere Erfahrung muss Marla – hübsch, blond, abgebrochenes Philosophiestudium – machen, als wieder einmal Weihnachten näher rückt und niemand zum Kuscheln da ist. Ihr alter Kumpel Ben, der nur einen Steinwurf entfernt wohnt, steht zwar bereit für etwas Sex, will aber danach seine Ruhe haben. Ihre Mitbewohnerin ist ins heimatliche Finnland geflogen, und ihre Eltern schicken eine Weihnachtsmail aus Sri Lanka. Also meldet Marla sich für ein Abendessen für „Misfits and Orphans“ an, ein blind date mit ein paar ebenso weihnachtsverlorenen Fremden, das in einem hippen Lokal mit Spreeblick stattfindet.

1675 Facebook-Kontakte, aber keine wahren Freunde

Es ist nur eines der vielen hippen Lokale, nein, der locations, in denen „Realitätsgewitter“ spielt. Denn Marla ist schlicht unfähig, mit sich allein zu sein. Auch wenn sie eine Wohnung in tollster Wohngegend mit Aussicht auf den Landwehrkanal bewohnt, macht sie der Anblick der Möwen über dem grauen Wasser nur traurig. Also muss Marla hinaus. Und zum Glück gibt es dafür Facebook. Es ist schlicht nicht vorstellbar, was Marla ohne ihr Smartphone anfinge.

Der kleine Wunderkasten spuckt in regelmäßigen Abständen neue Partyeinladungen aus, die Marla stets in letzter Minute davor bewahren, einen Abend allein in der Wohnung verbringen zu müssen. Wenn gerade keine Party ist, trifft sie sich mit Typen, die sie auf einer Party kennengelernt hat, in irgendwelchen angesagten Lokalen. (Hier ein praktischer Hinweis: Wer eine Berlinreise plant und keinen aktuellen Reiseführer besitzt, kann diesen Roman auch als Restaurantführer benutzen. Die genannten Locations gibt es wirklich; und sie sind wirklich komplett mit Marla-ähnlichen Hipstern überfüllt.) Echte Freunde aber scheint sie nicht zu haben (Freundinnen schon gar nicht). Und obwohl Marla so blond und so hübsch ist, ständig angesprochen wird und sich immer ziemlich schnell ein bisschen verliebt, passiert dann doch kaum mehr als eben das.

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Julia Zange: Realitätsgewitter
Julia Zange: „Realitätsgewitter“. Aufbau Verlag, Berlin 2016, 157 S., 17,95 Euro

Die Eltern der Autorin wollen sich im Roman wiedererkannt haben  

Leider passiert das ganze Buch hindurch nicht mehr. Der einzige etwas dramatischere Höhepunkt ist erreicht, als Marla eine Reise in die alte westdeutsche Heimat unternimmt, weil ihre Großmutter Geburtstag hat, und dabei in eine unerfreuliche, handgreifliche Auseinandersetzung mit ihrer Mutter gerät. Offenbar wirkt diese Passage so realitätsnah, dass die echten Eltern von Autorin Julia Zange sich um eine einstweilige Verfügung gegen das Buch bemühten. Und danach ist dann auch die Luft raus. Marla verkriecht sich für ein paar Tage auf Sylt, absolviert ein letztes Tinder-Date mit einem Typen, mit dem es schon wieder nicht funkt, und beschließt, zurück in Berlin, dass sie jetzt vielleicht doch etwas erwachsener sein möchte. Oder so ähnlich.

Das Gute an Zanges Roman ist, dass man ihn sehr schnell lesen kann. Sozusagen in einfacher Sprache geschrieben, wiegen auch die paar Gedanken, die er enthält, so leicht, dass sie entflogen sind, kaum dass man das Buch zugeklappt hat. Andererseits gelingt es Julia Zange – die nicht 1987, wie fast überall im Netz kolportiert, sondern 1983 geboren ist und damit auf die Mitte der Dreißiger zugeht – ziemlich gut, die Orientierungslosigkeit im Leben einer verpeilten Mittzwanzigerin atmosphärisch wiederzugeben.

Wer also selbst gerade etwas ratlos im Leben steht und tatsächlich auf der Suche nach einem Roman ist, in dem sich die eigene Orientierungslosigkeit in angemessen auswegloser Art gespiegelt findet, ist mit „Realitätsgewitter“ gut bedient. Und, klar, wer ein paar Ausgehtipps braucht, natürlich sowieso.

Titelbild: Julia Luka Lila Nitzschke