Thema – Integration

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Es fehlen Zutaten für die Integration

Manideep Allu aus Indien studiert seit knapp zwei Jahren in Magdeburg. Deutsche Freunde hat er keine und langfristig bleiben will er nicht. Warum?

Manideep auf dem Balkon

Manideep befördert Chicken Masala mit einem Stück Naan in seinen Mund – zu Hause hat das manchmal sein Vater gemacht. Manideep Allu ist 24 Jahre alt, aber bei ihm ist es Familientradition, sich zwischendurch zu füttern. „Das ist normal bei uns“, sagt er. „Das ist Liebe.“

Während Manideep isst, erzählt er auf Englisch von dem Tag, an dem er erfahren hat, was Heimweh bedeutet: Als er sich am 14. September 2021 von seiner weinenden Mutter am Flughafen verabschiedete und kurz darauf in Frankfurt landete – mit drei Taschen und großer Aufregung. Nie zuvor hat er Indien verlassen. Manideep studiert in Magdeburg Chemical and Energy Engineering im Master. „Für eine bessere Zukunft“, sagt er. Dass er so bald wie möglich in die Heimat zurück will, war schon damals klar.

Deutsche Universitäten sind weltweit attraktiv. Laut neuester Erhebungen landet Deutschland bei Studierenden hinter den USA auf Platz zwei – ist dafür aber gleichzeitig bei Fachkräften unbeliebter geworden. Woran das liegt, kann man die internationalen Studierenden fragen: Nur jeder zweite fühlt sich willkommen. Längerfristig bleibt nur rund ein Drittel nach dem Abschluss in Deutschland. Dabei braucht Deutschland Menschen wie Manideep.

Das einzige deutsche Essen, das Manideep bisher gegessen hat, ist Döner

In Magdeburg lässt sich die Situation der Internationals besonders gut beobachten: Von rund 12.900 Studierenden der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg kommen über 30 Prozent aus dem Ausland. Die größte Community: Inder. Vor acht Jahren gab es nur 80 von ihnen, inzwischen sind es etwa 1.400. „Wir vermuten, dass sich herumgesprochen hat, dass man mit unserem Abschluss in der Welt etwas anfangen kann“, sagt Uwe Genetzke, Leiter des Akademischen Auslandsamts der Universität.

Ein paar Stunden vor dem Essen: Manideep geht einkaufen. Trotz Regen und 16 Grad trägt er kurze Jeans – das Wetter stört ihn nicht. „Zu Hause regnet es seit sieben Tagen durchgehend“, sagt Manideep und meint Indien. Frisches Hühnchen kauft er im türkischen Laden, die restlichen Zutaten liegen in seiner Küche im Plattenbau des Studierendenwerks bereit. Das einzige deutsche Essen, das er bisher gegessen hat, ist Döner.

Manideep und seine Mitbewohner in der Küche
Melting pot: Die Küche im Studierendenwerk teilt sich Manideep mit anderen Internationals

Die 15 Quadratmeter große Küche teilt sich Manideep mit einem weiteren Inder und einem Nigerianer. Sie sind drei von insgesamt rund 350.000 internationalen Studierenden bundesweit. So viele wie nie zuvor. Rund ein Drittel lebt in Wohnheimen. „Unsere Einrichtungen sind bundesweit mit 40 Prozent Internationals belegt“, sagt Isabelle Kappus vom Deutschen Studierendenwerk. „Die Unterbringung ist eine wichtige Stütze für die Integration. Die Studierendenwerke versuchen daher, Nationalitäten in den Wohnheimen zu mischen, Internationals und Deutsche.“

Regional variiere der Anteil. Manche Standorte oder Wohnheime seien zum Beispiel von internationalen Studierenden stärker nachgefragt. Vermutlich probieren es die meisten Deutschen auch erst mal mit einem klassischen WG-Zimmer. Das mit dem Mischen klappt also nicht immer. Hinzu kommt: Manideep und seine Mitbewohner studieren und haben Nebenjobs, sehen sich also ohnehin kaum.

Manideep schneidet die Hähnchenbrust in Streifen, fängt an zu würzen. Ohne Rezept. „Alles nach Gefühl“, sagt er. Seine Eltern wissen, wie er kocht, sie schicken ihm Pakete mit Gewürzen aus Indien. Wie sie jetzt für ihn sorgen, wird er es später für sie tun, wenn sie alt sind. Das ist indische Tradition: Manideep als Sohn ist zuständig für seine Eltern.

Manideep
Manideep hält engen Kontakt zu seiner Familie in Indien

Weil hier viele Traditionen mitunter so anders sind als in den Herkunftsländern der Studierenden bietet die Uni Magdeburg ein „Überlebenstraining für Internationals“ an. Es soll beiden Seiten helfen, sich besser zu verstehen und kulturelle Hürden zu überwinden. 

„Dozenten waren verzweifelt, weil ihr Lehrkonzept nicht aufging und in Projekten wichtige Zuarbeiten ausblieben, weil Probleme auftraten, die von den Studierenden nicht angesprochen wurden“, erzählt Uwe Genetzke. „Die meisten melden sich auch nicht, wenn sie ein Problem haben.“ Manideep hat viele Probleme, eines davon: Deutsch. Mitbewohner Patrick aus Nigeria kommt in die Küche, verschränkt die Arme. Sie sprechen über den Sprachkurs.

„Ich muss jetzt schnell besser Deutsch lernen“, sagt Patrick auf Englisch. „Ich habe überlegt, privat einen Intensivkurs zu nehmen.“

„Privat ist teuer. Bestimmt 600 bis 800 Euro“, sagt Manideep.

„Es gibt was online, das ist günstiger.“

„Online lernt man nicht so gut. Und man kann keine Freunde finden.“

Manideep sagt, er wäre gern mit Deutschen befreundet, auch um die Sprache besser zu lernen. Bisher funktioniert das nicht. „Ich habe so wenig Zeit“, sagt er und trägt Aluminiumgeschirr den Flur entlang. Er schließt seine Zimmertür auf. An vier Tagen wöchentlich liefert er Domino’s-Pizzen per Fahrrad aus, damit verdient er rund 900 Euro im Monat. „Da arbeiten auch Deutsche, die sind immer freundlich.“ Trotzdem hat er sie noch nie in seiner Freizeit getroffen. Er traut sich nicht zu fragen.

Vier Abende pro Woche arbeitet Manideep. Woher soll er die Zeit für Integrationsangebote nehmen?

Integrationsangebote könnten helfen, jede Uni hat zum Beispiel ein „International Office“. 40 der bundesweit 57 Studierendenwerke bieten Tutorenprogramme an: Ausflüge in die Region, Hilfe bei bürokratischen Fragen. Aber auch hier klappt es nicht immer mit der Kommunikation. „Viele sind überrascht, wenn sie erfahren, dass es uns gibt“, sagt Genetzke von der Uni Magdeburg. Manideep hat immerhin in seiner ersten Woche in Deutschland von der „Welcome“-App erfahren, einer Orientierungshilfe für Einwanderer in Deutschland. Mit der interkulturellen Studentenorganisation Magdeburg war er im Dezember Schlittschuh laufen.

Und seitdem? „Das ist oft abends, da muss ich arbeiten“, sagt er. Selbst seine indischen Freunde, alles Kommilitonen, die er in seinen Engineering-Kursen kennengelernt hat, sieht er privat nur selten, „vielleicht einmal im Monat“. Seine Kurse sind voll mit anderen Indern, alle Inhalte englischsprachig – ein Studiengang, der besonders bei Internationals beliebt ist. Im Sommer spielt Manideep Cricket in der Unimannschaft. Im Sport funktioniere die Integration, sagt Uwe Genetzke. Manideep sagt, dass in der Cricketmannschaft nur ein Deutscher ist.

Manideep und sein Kumpel

Die meisten Internationals kommen für den Master nach Deutschland. In den zwei Jahren bleibt wenig Zeit für Deutschkurse und Freunde

Eine aktuelle Studie zeigt: Studierende, die ausschließlich Lehrveranstaltungen auf Deutsch besuchen, sind gewillter, nach dem Abschluss zu bleiben. „Wir überlegen, künftig auch Bachelor-Programme auf Englisch anzubieten, die für Internationale attraktiver sind, damit die Studierenden mehr Zeit haben“, sagt Genetzke. Bisher kommen die meisten Internationals erst zum Master – und in zwei Jahren bleibe nicht viel Zeit, um Deutsch zu lernen. Deutsche Unternehmen setzen aber oft flüssige Sprachkenntnisse voraus.

Manideep drapiert Tischset und Aluminiumteller auf dem Boden und beginnt zu essen. Sein Vater ist Fahrkartenkontrolleur, seine Mutter Hausfrau, die Schwester Medizinstudentin. Wenn er einen Job in Deutschland findet, will er ihnen Geld schicken. Aktuell ist das unmöglich – er muss Krankenversicherung, Miete, Semesterbeitrag, Handyvertrag, Fitnessstudio und Lebensmittel zahlen.

Zum Ende seines Studiums bewirbt Manideep sich bei großen deutschen Energiekonzernen. „Ich hoffe, es wird einfacher, einen Job zu bekommen, jetzt, wo Energiekrise ist und sie Leute brauchen“, sagt Manideep. „Vielleicht nehmen sie mich dann, obwohl ich nicht wie ein Muttersprachler spreche.“ Er könnte schneller mehr Geld sparen – um zu seiner Familie nach Indien zu fliegen.

 

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