Olga Avdeenko steht in den Trümmern ihrer Kindheit. „Die Wände waren viel höher, und ich habe die Räume viel größer in Erinnerung“, sagt die 42-Jährige, die nach 31 Jahren das erste Mal zu ihrem Elternhaus ins weißrussische Savitchi zurückkehrt. „Jetzt ist alles kaputt und zerbrochen“, flüstert sie.

Am 26. April 1986 explodierte der Reaktor im Block 4 des Kernkraftwerkes Tschernobyl in der Sowjetunion, auf dem Gebiet der heutigen Ukraine. Der Unfall ereignete sich während eines Sicherheitstests – einem simulierten Stromausfall – mit dem nachgewiesen werden sollte, dass das Kraftwerk auch ohne Strom von außen selbst genügend Energie produzieren würde, um die Notkühlung des Reaktors sicherzustellen. Innerhalb der ersten zehn Tage nach dem Unfall wurden mehreren Trillionen Becquerel radioaktiver Substanzen freigesetzt. Einige Stoffe darunter haben eine Halbwertszeit von 30 Jahren und länger, sie strahlen also bis heute. Wetterbedingt landeten etwa 70 Prozent des radioaktiven Niederschlags im heutigen Weißrussland und damit auch in Savitchi, Olgas Heimatdorf, das nur eine Autostunde von Tschernobyl entfernt liegt.

„Ich weiß noch, dass ich mich auf dem Heimweg von der Schule über die Sonne gewundert hatte. Sie schien so unglaublich hell“

„Ich weiß noch, dass ich mich auf dem Heimweg von der Schule über die Sonne gewundert hatte. Sie schien so unglaublich hell.“ Als sie zu Hause ankam, musste sie sofort ihre Sachen packen. Warum? Das wurde weder ihr noch ihren Eltern erklärt. Wenn Olga heute darüber redet, ist der Schmerz in ihrer Stimme noch immer hörbar.

Erst als Erwachsene konnte sie nachvollziehen, was tatsächlich passiert war. Kinder wurden damals umgehend evakuiert, Erwachsene nach und nach umgesiedelt. Einige Menschen fingen an, leer stehende Häuser direkt an der Grenze zum Sperrgebiet zu besiedeln. Olga sah ihre Eltern mehrere Monate lang nicht. Sie wusste nicht, wo sie waren. Sie wusste nicht, ob es ihnen gut ging oder ob sie noch lebten. Die Kinder harrten in Camps aus, die wie Ferienlager organisiert waren. Spiele, Sport und Essen – die Regierung wollte offensichtlich, dass es den Kindern an nichts fehlte und sie über den Spaß alles andere vergaßen.

Aber Olga hatte keinen Spaß: „Damals wollte ich einfach nach Hause. Ich wollte zurück zu meiner Mutter. Alles andere interessierte mich nicht.“ Wütend sei sie nicht über das, was ihr damals angetan wurde. Es sei eher ein Gefühl von Hilflosigkeit.

Für Olga macht es bis heute den Eindruck, als wolle die Regierung die Bevölkerung ruhigstellen

Bis heute verteilt der weißrussische Staat Sanatoriumsaufenthalte für Kinder aus verstrahlten Gebieten und Stipendien für Studenten aus der Region – aber Aufklärung oder gar Eingeständnisse von Fehlern gibt es kaum. Für Olga macht es bis heute den Eindruck, als wolle die Regierung die Bevölkerung ruhigstellen – woran die 42-Jährige aber gar nicht groß Anstoß nimmt.

Denn als Kind wollte Olga nichts anderes hören, außer dass alles wieder gut werden würde. Sie und viele andere ließen sich gerne beruhigen, weil sie sich nichts sehnlicher wünschten, als dass dieser Albtraum ein Ende hat. Und diesen Wunsch hat sie bis heute. Deswegen spielte Olga auch nie mit dem Gedanken, das Gebiet zu verlassen. Heute lebt sie mit ihrer Familie nur 25 Kilometer von ihrem Heimatdorf entfernt. „Vielleicht klingt das lächerlich, aber ich liebe meine Heimat. Ich wäre sogar direkt in Savitchi geblieben, aber es war verboten, dort mit kleinen Kindern zu wohnen“, sagt sie.

Eigentlich macht Olga nicht den Eindruck eines Menschen, der die Augen vor der Wahrheit und schweren Schicksalen verschließt. Sie ist Mutter von vier eigenen und acht Pflegekindern und sieht ihre Lebensaufgabe darin, Kindern eben jenes Zuhause zu geben, das ihr selbst als Kind genommen wurde. „Mutter sein, das kann ich einfach am besten, weil ich weiß, wie sehr Kinder eine Mutter brauchen.“

Olgas Pflegekinder sind ständig krank, leiden unter einem sehr schwachen Immunsystem. Sie macht dafür auch den Atomunfall verantwortlich

Sichtlich schwer fällt es ihr, darüber zu reden, was ihre Pflegekinder durchstehen mussten, bevor sie in ihre Obhut kamen. Alle sind in extrem armen Verhältnissen aufgewachsen. Ihre Eltern sind unfähig, sich um sie zu kümmern, viele der Mütter und Väter sind dem Alkoholismus oder anderen Süchten verfallen. So war es auch bei Juri. Als der noch bei seiner leiblichen Mutter lebte, steckte er sich immer die Zigarettenstummel, die überall auf dem Boden verstreut lagen, in den Mund und kaute darauf herum, weil es nichts zu essen gab. Als er zwei Jahre und vier Monate alt war, holte ihn Olga zu sich.

Im Grunde hatte sie nur Platz für ein Kind. Aber die Vorstellung, den Jungen von seinem Bruder und seiner Schwester zu trennen, war ähnlich schmerzhaft wie die Erinnerung daran, dass Olga nach der Reaktorkatastrophe selbst ihre Brüder zurücklassen musste. Es dauerte, bis die Kinder Olga vertrauten und wirklich glaubten, dass sie bei ihr bleiben durften. Besonders tief aber saß ihre Angst, zu verhungern. Einem der Kinder müsse sie heute noch jeden Tag versichern, dass sie genug Brot zu Hause haben, und geht fast stündlich mit dem Mädchen zum Brotkorb in der Küche. Ihnen Essen zu geben bedeutet viel mehr, als sie nur mit Nahrung zu versorgen.

Durch das Schicksal von Juri und seinen Geschwistern wurde Olga bewusst, wie viele Kinder kein Zuhause haben, in dem sie beschützt und wohlbehütet aufwachsen können. Und aus eigener Erfahrung wusste sie, wie groß in einer Kinderseele die Sehnsucht nach einer Familie sein kann. Also entschloss sich die Familienmutter dazu, ihren Helferwillen zum Beruf zu machen.

Sie zog mit ihrer Familie in ein größeres Haus, nahm weitere fünf Kinder auf. Sie galten damit offiziell als Pflegefamilie, was ihnen Zugang zu staatlicher Unterstützung verschaffte. Doch das Leben in einer 15-köpfigen Familie ist alles andere als leicht. Das Geld ist immer knapp, die Möglichkeiten sind begrenzt, und ohne Hilfe von gemeinnützigen Organisationen und Geschenkaktionen wären zum Beispiel kleine Weihnachtsgeschenke undenkbar. Und auch sonst reicht es nicht für das Lebensnotwendige – etwa für jene Medikamente, welche die Menschen in dieser Region noch immer gegen die Nachwirkungen des Atomunfalls einnehmen müssen.

Olga selbst ist von der jahrzehntelangen Strahlenbelastung sichtlich gezeichnet

Olgas Kinder sind ständig krank, leiden unter einem sehr schwachen Immunsystem. Die Pflegemutter macht dafür auch den Atomunfall verantwortlich. Olga selbst ist von der jahrzehntelangen Strahlenbelastung sichtlich gezeichnet. Viele Narben zeugen noch von der Schuppenflechte und den Kratzwunden, die sich nach der Evakuierung an ihrem Kinderkörper entwickelt hatten. Laut den Ärzten auch ein Zeichen des psychischen Stresses, dem Olga damals ausgesetzt war.

Wie schwerwiegend die nicht sichtbaren gesundheitlichen Nachwirkungen der Radioaktivität sind, wisse sie nicht – aber das wolle sie auch gar nicht so genau wissen, sagt Olga. „Ungeachtet dessen, dass ich als Kind das Unglück von Tschernobyl erlebt habe, danke ich Gott, dass ich mich selbst wiedergefunden habe und dass meine Kinder trotz der Strahlung weiterleben dürfen“, sagt sie und drückt Juri an sich.

Mehr Informationen zur Reaktorkatastrophe von Tschernobyl findest du im Dossier auf bpb.

Titelbild: David Vogt