fluter.de: Die Attentäter von Nizza und Berlin stammten aus Tunesien. Auch viele der ausländischen Dschihadisten im Irak und in Syrien sind Tunesier. Stimmt der Eindruck, dass Tunesien überproportional viele Dschihadisten produziert?

Isabelle Werenfels: Das ist statistisch gesehen sicherlich richtig, aber man muss natürlich fragen, warum das so ist. In Tunesien sind sehr viele Faktoren zusammengekommen, die in ihrer Häufung ungewöhnlich waren. Grundsätzlich kann man sagen: Es sind, wie auch in anderen Ländern, vorwiegend junge Männer, die sich radikalisieren. Und entgegen manchen Vorurteilen eben nicht nur die schlecht Ausgebildeten, sondern auch viele Jugendliche aus der Mittelschicht und der oberen Mittelschicht.

„Mit dem Arabischen Frühling kam die große Freiheit – auch für radikale Islamisten“

Welche Faktoren sind es, die dazu führen, dass sich in Tunesien so viele junge Männer radikalisieren?

Eine Rolle spielt sicher die Diktatur bis 2011, die bis zum Arabischen Frühling in Tunesien herrschte. In dieser Diktatur unter dem Präsidenten Ben Ali waren überhaupt keine vom Staat unabhängigen religiösen Prediger oder Organisationen erlaubt. Wer sich dennoch engagierte, sah sich Repressalien ausgesetzt. 

Jugendliche erlebten, wie ihre Väter im Gefängnis gefoltert wurden. Die dem Regime nahestehenden religiösen Autoritäten waren für sie kein Referenzpunkt. Sehr religiöse Jugendliche haben sich deshalb zum Teil im Internet an Predigern aus dem Ausland orientiert. Dabei gerieten sie auch an radikale salafistische Prediger.

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Isabelle Werenfels (Foto: privat)
Dr. Isabelle Werenfels leitet an der Stiftung Wissenschaft und Politik die Forschungsgruppe Naher/Mittlerer Osten und Afrika. Zu ihren geografischen Forschungsschwerpunkten zählt Tunesien, zu den inhaltlichen Schwerpunkten politische Transformation und politischer Islam. (Foto: privat)

Der Arabische Frühling und der Sturz von Ben Ali liegen inzwischen schon sechs Jahre zurück. Wirkt dieser Umbruch noch immer so entscheidend nach?

Ja, tatsächlich muss man weit zurückblicken, um die Radikalisierung vieler Tunesier zu verstehen. Viele der Ursachen hängen mit dem Umbruch zusammen. Zum einen kam mit dem Arabischen Frühling die große Freiheit – auch für radikale Islamisten: Es haben sich salafistische Gruppen gebildet, die sehr frei agieren und offen für den Dschihad werben konnten, selbst sehr radikale Prediger wurden aus dem Gefängnis freigelassen. Das alles ist passiert, weil die Übergangsregierung, in der auch moderate Islamisten saßen, gesagt hat: Wir wollen religiöse Gruppen nicht mehr länger unterdrücken, auch wenn sie etwas radikaler sind. Denn je mehr wir das tun, desto radikaler werden sie. Wenn wir sie einbinden, mäßigen sie sich. Dieser Ansatz ist mit Blick auf die militanten Salafisten letztendlich gescheitert.

Wie hat sich diese Zeit sonst noch ausgewirkt?

Manche Jugendliche haben damals, nach der erfolgreichen Revolution in Tunesien, aufmerksam beobachtet, dass auch in Syrien gegen einen Diktator gekämpft wird. Sie wollten sich an dieser neuen Revolution beteiligen, ein Teil von ihnen hat sich erst in Syrien radikalisiert.

Also eine Art Revolutionseuphorie nach dem Motto „Wir haben uns von einem Diktator befreit – jetzt helfen wir den Syrern dabei, dass sie das auch schaffen“?

Genau. Ein Teil dieser Personen ist sehr desillusioniert zurückgekommen aus Syrien. Überhaupt spielt Desillusionierung eine wichtige Rolle: In Tunesien waren nach der Revolution die Erwartungen groß, dass Freiheit und Demokratisierung quasi automatisch auch wirtschaftlichen Aufschwung bringen und einen höheren Lebensstandard. Tatsächlich kam aber eine wirtschaftliche Krise. Viele junge Tunesier finden bis heute keinen Job.

Ben Ali (Foto: Mehdi Chebil/Polaris/laif)
Über zwei Jahrzehnte lang regierte Zine El Abidine Ben Ali Tunesien autokratisch. Seit dem Sturz seiner Diktatur Anfang 2011 ist das Land eine Demokratie – es gibt aber noch viel zu tun (Foto: Mehdi Chebil/Polaris/laif)
 

Was bringt einen enttäuschten arbeitslosen Jugendlichen dazu, sich zu radikalisieren?

Es kommt darauf an, welche Angebote es gibt, mit dem Frust umzugehen. In Tunesien gibt es kaum Anlaufstellen oder Freizeitbeschäftigungen, die wenig oder nichts kosten. Gerade in armen Quartieren oder ländlichen Gegenden bieten einzig Moscheen einen Raum, um sich zu treffen und abzulenken – und manche von ihnen haben gleichzeitig auch aktiv für den Dschihad rekrutiert. Beim Islamischen Staat wurden zudem Gehälter gezahlt. Das ist natürlich attraktiv für arbeitslose Jugendliche.

„In Tunesien waren nach der Revolution die Erwartungen groß, dass Freiheit und Demokratisierung quasi automatisch auch wirtschaftlichen Aufschwung bringen“

Das klingt trotzdem erst mal kontraintuitiv: dass ein Land wie Tunesien, in dem der Islam von vielen modern und tolerant interpretiert und gelebt wird, besonders anfällig für den Dschihadismus und seine rückwärtsgewandte Ideologie ist.

Ja, die tunesische Gesellschaft ist im Vergleich mit anderen Ländern der Region modern. Frauen sind seit den 50er-Jahren rechtlich so gut wie gleichgestellt. Das heißt aber auch: Junge Männer sind in Tunesien nicht mehr unbedingt diejenigen, die das höchste Prestige zu Hause haben, sondern es ist möglicherweise auch die Schwester, die das Geld nach Hause bringt. Der Islamische Staat kann mit seiner Propaganda daher auch die Größenfantasien von manchem verunsicherten jungen Mann ansprechen: Bei uns kannst du dich im Kampf profilieren, du bist wieder wer!

Was unternimmt die tunesische Regierung gegen den radikalen Islamismus?

Die tunesische Regierung hat natürlich erkannt, wie dramatisch das Problem ist, und setzt alles daran, es in den Griff zu bekommen. Aber über die richtige Strategie wird viel diskutiert. Es gibt ja zwei große Fragen: Erstens, wie verhindert man Radikalisierung? Und zweitens, wie geht man mit den Rückkehrern um? Gerade hier ist man sich nicht einig. Die einen fordern, dass Rückkehrer resozialisiert werden sollen, dass man unterscheiden muss zwischen jenen, die wirklich gefährlich sind, und jenen, die man wieder eingliedern kann. Auf der anderen Seite gibt es dagegen Hardliner, die fordern: Staatsbürgerschaft entziehen und alle ins Gefängnis.

„Junge Männer sind in Tunesien nicht mehr unbedingt diejenigen, die das höchste Prestige haben ...“

Was wird in Tunesien dafür getan, damit es erst gar nicht zu einer Radikalisierung kommt?

Eine ganze Menge. Zum einen mit sozioökonomischen Maßnahmen: Junge Tunesier sollen eine Arbeit finden und nicht in die Perspektivlosigkeit rutschen. Aus den Regionen, die wirtschaftlich schwächer sind, kommen tendenziell mehr Dschihadisten. Genau diese Regionen versucht man zu stärken, indem man Investitionen dorthin leitet, indem man die Infrastruktur dort verbessert, indem man alles vorantreibt, was Jobs generieren könnte.

Was gibt es noch für Antiradikalisierungsstrategien?

Einerseits stärkt die Regierung einen toleranten und moderaten Islam und hat die Freiräume für radikale Prediger geschlossen. Andererseits setzt die Regierung natürlich auf polizeilich-geheimdienstliche Maßnahmen. Teilweise schießt sie da auch übers Ziel hinaus.

Inwiefern?

Die Härte im Umgang mit Verdächtigen ist problematisch. Laut einem Bericht von Amnesty International kommt es zu willkürlichen Verhaftungen und Folter – Dinge, die man eigentlich mit der Diktatur Ben Alis verbindet. Es gibt auch den Wunsch, Terrorismusgesetze sehr weit auszulegen, so dass Pressefreiheit und Versammlungsfreiheit eingeschränkt und dem Militär große Freiheiten in der Terrorismusbekämpfung eingeräumt werden.

„...sondern es ist möglicherweise auch die Schwester, die das Geld nach Hause bringt“

Zeigen die tunesischen Strategien gegen Radikalisierung und im Umgang mit Rückkehrern schon Wirkung?

Es scheint, dass inzwischen weit weniger Tunesier nach Syrien ausreisen wollen als noch vor zwei, drei Jahren. Aber es ist schwierig zu beurteilen, woran das liegt – daran, dass der Islamische Staat in Syrien und Irak stark unter Druck geraten ist und in Libyen kaum mehr Territorium kontrolliert, oder aber an den tunesischen Maßnahmen. Ich vermute, es wird Jahre, wenn nicht Jahrzehnte dauern, bis wir abschließend beurteilen können, ob die Gegenstrategien erfolgreich waren.

 

Titelbild: Lindsay Mackenzie/Redux/laif