Es ist ein schwüler Samstagnachmittag in Washington, D.C., als Souad Mekhennet in der Wohnung ihrer Freunde zum Interview empfängt. In Deutschland läuft zu diesem Zeitpunkt noch der Wahlkampf, die Diskussionen um den Umgang mit Flüchtlingen und die Angst vor Terror polarisieren. „Democracy Dies in Darkness“ steht in weißen Lettern auf dem schwarzen T-Shirt der „Washington Post“-Reporterin. Es ist der Werbeslogan der Tageszeitung, für die sie im Ressort „Nationale Sicherheit“ arbeitet.

Damit die Motive jener, die die Gesellschaften spalten, nicht im Dunkeln bleiben, beschäftigt sich die gebürtige Frankfurterin seit mehr als einem Jahrzehnt mit Extremismus in Europa und im Nahen Osten: „Es ist wichtig, den Menschen verständlich zu machen, wie Dschihadisten denken – gerade weil das Thema vielen Leuten Angst macht und diese Angst für einfache Lösungsvorschläge benutzt wird“, sagt Souad Mekhennet.

Wie man gegen die Rekrutierer kämpfen muss

In ihrem neuen Buch „Nur wenn du allein kommst. Eine Reporterin hinter den Fronten des Dschihad“ stellt sie dar, welche Dynamiken hinter dem internationalen Terrorismus stecken. Darin geht es nicht nur um die Wut ausgegrenzter Männer und Frauen in Brüssel, die Bedeutung von al-Qaida und des sogenannten Islamischen Staates (IS) im Irak oder den wachsenden Einfluss des Iran. Es geht ebenso um Vergehen und Fehler westlicher Behörden, um den Irakkrieg, Guantánamo und die Folterpraktiken des US-amerikanischen Auslandsgeheimdienstes CIA.

Immer wieder fällt der Name Khaled al-Masri, dessen Geschichte Mekhennet gemeinsam mit einem weiteren Journalisten der „New York Times“ aufgedeckt hat. Der Deutsch-Libanese wurde 2003 vom CIA in Mazedonien verschleppt, eingekerkert, gefoltert, verhört. Ohne Grundlage, wie sich später herausstellte, aufgrund einer Verwechslung, aber mit dem Wissen deutscher Behörden. Die Staatsanwaltschaft München hat ihre Ermittlungen gegen 13 mutmaßlich beteiligte CIA-Agenten laut „Spiegel“ im April eingestellt. Grund: Verjährung. Die Journalistin ist sich sicher: „Indem wir beziehungsweise unsere Politiker nicht bereit sind, solche Themen öffentlich zu diskutieren, werden wir den Kampf gegen die Rekrutierer verlieren, weil nur ihre Erzählungen gehört werden.“

„Es ist wichtig, dass man den Islam in Europa als Religion in die Mitte reinholt und nicht als etwas behandelt, das halt da ist“

Souad Mekhennet

Nur wenn du allein kommst
Souad Mekhennet: „Nur wenn du allein kommst. Eine Reporterin hinter den Fronten des Dschihad“. C.H. Beck Verlag, München 2017, 384 Seiten, 24,95 Euro

Dieser Kampf scheint bei einigen Menschen, die Mekhennet während ihrer Recherchen begegnet, bereits verloren. Wie bei Meryam, einer 18-jährigen Deutschen, die zum Islam übergetreten ist. Mekhennet traf sie 2014 in Berlin, weil sie herausfinden wollte, warum immer mehr junge Frauen einen IS-Kämpfer heiraten wollen. Die Rollen waren für Meryam klar verteilt: Amerika, Europa und die arabischen Machthaber rissen sich das Öl und die anderen Reichtümer der islamischen Welt unter den Nagel und ließen die Armen leer ausgehen, meinte sie. Es sei ein „Krieg gegen den Islam“ im Gange. „Der IS und al-Qaida waren für sie Organisationen des Widerstands, ihre Anführer Helden“, schildert Mekhennet. „Ich habe mit ihr über die Versklavung der Jesidinnen gesprochen, darüber, wie Frauen behandelt werden, aber sie meinte, das sei alles Propaganda. Sie stand schon im Kontakt mit dem IS und wollte gar nichts anderes mehr hören.“

Auch Souad Mekhennet erlebte als Jugendliche Wut und Angst. Die Tochter eines sunnitischen Marokkaners und einer schiitischen Türkin, aufgewachsen in Frankfurt am Main, verknüpft in ihrem Buch immer wieder Weltpolitik mit persönlichen Erfahrungen. Sie erzählt, wie es sich für sie angefühlt hat, als Anfang der 1990er-Jahre in in Städten wie Hoyerswerda Flüchtlingsunterkünfte brannten und die ersten Rekrutierungsvideos von Dschihadisten vom Balkan auftauchten. Ihr half damals nicht nur die Solidarität von jüdischen Freunden und Bekannten, sondern auch, dass sie durch eine Koranschule in Marokko und ihre Großmutter viel über ihre eigene Religion weiß: „Es ist wichtig, dass man den Islam in Europa als Religion in die Mitte reinholt und nicht als etwas behandelt, das halt da ist. Die Leute müssen wissen, dass das, was ihnen die Rekrutierer als Islam verkaufen, möglicherweise so gar nicht im Koran steht oder aus dem Kontext gerissen wurde.“

 

Beste Kontakte zu Fundamentalisten und Radikalen

Wie wenig es um Religion und wie sehr es um Politik geht, zeigen die vielen Gespräche mit hochrangigen Dschihadisten. Mit ihnen diskutiert Mekhennet nicht nur über Koransuren, sondern auch über das Verhältnis zwischen den USA und dem Iran oder zwischen den Schiiten und Sunniten im Irak. Spannend sind diese Stellen im Buch auch, weil sie viel über die Recherchetechniken der Investigativjournalistin verraten.

Über die Jahre hat Mekhennet viele Kontakte zu Fundamentalisten und Radikalen in Nordafrika und Europa geknüpft. Ihre „Glücksabaya“, die sie zu heiklen Interviews anzieht, hat sie von einem Vertrauten des inzwischen toten Al-Qaida-Anhängers Abu Musab al-Zarquawi bekommen; ein Taliban-Kommandeur benannte seine Tochter nach der Journalistin. Auch Heiratsanträge wurden schon an Mekhennet herangetragen.

Im Foltergefängnis des ägyptischen Geheimdiensts

Diese Anekdoten bieten aber nur eine kurze Verschnaufpause. Die Interviews, die Mekhennet mit den Dschihadisten führt, sind jedes Mal ein Drahtseilakt. Sie oszillieren zwischen Neugierde und Drohungen: „Es ist schwer und gefährlich, an diese Menschen heranzukommen. Da schützt es mich auch nicht, dass ich eine Frau mit muslimischer Abstammung bin. Es kann immer etwas schiefgehen – und solche Situationen beschreibe ich auch in dem Buch.“ Wie beispielsweise jene 24 Stunden in einem berüchtigten Foltergefängnis des ägyptischen Geheimdienstes, in dem Souad Mekhennet mit einem Kollegen und ihrem Fahrer festsaß.

Warum riskiert sie freiwillig ihr Leben? Vielleicht lässt sich die Antwort an einem Abend vor rund 16 Jahren finden. Nach dem ersten Prozessauftakt nach 9/11 gegen einen mutmaßlichen Terroristen sitzt sie in Hamburg Maureen Fanning gegenüber. „Niemand hat uns darüber informiert, dass es Menschen gibt, die uns derart abgrundtief hassen“, sagte Fanning, die ihren Mann bei den Anschlägen in New York verloren hat. „Warum hassen sie uns so sehr?“ „Ich konnte ihr damals keine richtige Antwort geben, weil wir mit diesen Attentätern davor nicht gesprochen haben“, erinnert sich Mekhennet. „Aber seitdem habe ich mir das zur Aufgabe gemacht. Ich möchte nie mehr vor einem Opfer stehen, das sagt: Wir haben nichts gewusst.“


Titelbild: Carolyn Drake / Magnum Photos / Agentur Focus