Pro Großstadt: Möglich ist alles

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Wer am echten Großstadtleben mal geschnuppert hat, ... (Foto: Christian Werner)
Wer am echten Großstadtleben mal geschnuppert hat, ... (Foto: Christian Werner)

„Einmal willst du leben in Rom, einmal willst du nach Berlin, einmal willst du leben auf Hawaii, sterben wirst du leider in Wien.“ So besingt die Wiener Band Wanda das urbane Nomadentum unserer Generation. Zeilen, in denen ich mich wiederfinde. Meine Jugend war nämlich vor allem von einem geprägt: Sehnsucht nach all den Möglichkeiten, die mir meine provinzielle Heimatstadt nicht bieten konnte.So brach ich nach dem Abitur nicht etwa ins neuseeländische Hinterland auf, wie es einige meiner Mitschüler taten, sondern flog für einige Wochen in die gefühlte Hauptstadt der Welt: New York. 

Während den meisten Besuchern nach einigen Tagen das Leben in diesem Schmelztiegel zu viel wird, kamen mir die Möglichkeiten dieser Stadt unendlich und unendlich spannend vor: bis spätabends im Museum verweilen, unter der Woche nachts noch mit der Subway fahren oder mit den gelben Taxis über die Brooklyn Bridge.

Ich sah Menschen in den ausgeflipptesten Outfits, und keiner nahm davon groß Notiz. Das war gelebte Toleranz, hier konnte jeder sein, wie er will. Ein einziger Tag schien mir erlebnisreicher zu sein als Monate in meiner biederen Heimatstadt Wernigerode.

Während meiner Jugend hat mich die einzige Disco der Stadt nie wirklich interessiert. Die Musik war mir zu einfältig, die Besucher zu angepasst. Clubs gab es nicht, in den umliegenden Kleinstädten gab es auch nur Großraumdiscos. Für Theater-, Konzert- oder Kinobesuche musste man die nächstgrößere Stadt aufsuchen. Deshalb freue ich mich schon darauf, bald aussuchen zu können, zu welcher Musik ich gerade tanzen will, ohne dabei eine weite Anreise einplanen zu müssen. Weder für Einkäufe noch für kulturelle Veranstaltungen muss man in der Großstadt Sprit verschwenden – vieles geht zu Fuß, für alles andere gibt es den öffentlichen Nahverkehr und das Fahrrad. Während für die Generation unserer Eltern der Führerschein das Symbol der Freiheit war, hat er für einen großen Teil unserer Generation keine Bedeutung mehr.

Auch die vermeintliche Anonymität in der Großstadt hält mich nicht von meinen Umzugsplänen ab. Denn auch in der Großstadt gibt es keine vollständige Anonymität, sobald man Teil einer bestimmten Peergroup wird. Und während es in meiner Heimatstadt etwas Alltägliches ist, dauernd Bekannte auf der Straße zu treffen, wird ein zufälliges Treffen in der Großstadt zu einem besonders freudigen Ereignis.

Großstadt – kann man doch auch als Herausforderung sehen

Ich habe ja gar nichts gegen etwas ländliches Idyll und einen Ausflug ins Grüne. Am liebsten unternehme ich den aber innerhalb der Stadt. Zum Beispiel in den New Yorker Central Park, der so angelegt ist, dass man an manchen Stellen fast vergisst, in einer Megacity zu sein. So ein Park wird von den Menschen auch rege genutzt – weshalb es für mich da spannender ist als irgendwo auf der Kuhwiese. Viele europäische Großstädte könnten im Umgang mit ihren Grünflächen noch so einiges lernen von New York. 

Eines steht allerdings fest: Mit dem Umzug in die Großstadt wird das Leben nicht auf einen Schlag leichter oder gar sorgenlos. Zuerst heißt es, sich durch den Dschungel des Wohnungsmarktes zu schlagen und ein bezahlbares Zimmer zu finden. Aber das sollte doch zu schaffen sein. Auch in Ausbildung, Praktikum oder Studium müssen wir ständig Höchstleistungen erbringen und nebenbei die alltäglichen Hürden des Erwachsenwerdens bewältigen. 

Doch auch wenn das Stadtleben auf den ersten Blick unbequemer und schwieriger erscheint als das Leben im heimatlichen Dorf oder in der Kleinstadt, so können wir von den urbanen Herausforderungen nur lernen. Meiner Meinung nach sollte jeder junge Mensch zumindest versuchen, einmal in einer größeren Stadt zu leben – egal ob New York oder Essen. Später kann man ja immer noch in die Provinz zurückziehen.

Nach New York und ihrem Wernigeröder Homeoffice zieht es Fluter-Autorin Louisa Zimmer im nächsten Jahr gleich in drei Großstädte: Köln, Leipzig und Berlin.

Contra Großstadt: Jetzt komm mal runter

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... hat auf Kompromisse vielleicht keine Lust mehr (Foto: Christian Werner)
... hat auf Kompromisse vielleicht keine Lust mehr (Foto: Christian Werner)

Nach dem Abi im vergangenen Sommer zog ein gefühltes Drittel meines Jahrgangs zum Studieren nach Leipzig. Ein Freund erzählte mir auf einer Party schwärmerisch: „Leipzig ist wie Berlin, nur in klein. Du kannst dort einfach du selbst sein, und niemand guckt dich blöd an. Deshalb wächst die Stadt zurzeit auch so an jungen Menschen. Du würdest auch super dorthin passen, überleg dir das mal!“
 Ich überlegte – und entschied mich gegen Leipzig, gegen jede andere Großstadt und stattdessen für die kleine Stadt Lüneburg in Niedersachsen. 

Dass es mit der Toleranz in Großstädten so viel weiter her sein soll als anderswo, scheint mir unschlüssig. Wie soll echte Toleranz überhaupt entstehen in einem Umfeld, in dem durch die schiere Masse von Menschen weitgehend Anonymität herrscht?

Zwar ist es keine graue, sondern eine bunte Masse in der Großstadt. Aber auch wenn dort viele Menschen aus den verschiedensten Kulturkreisen und Subkulturen zusammenkommen, niemand muss sich dort wirklich mit dem anderen und seiner Andersartigkeit auseinandersetzen – weil alle füreinander nur die bunten, jedoch anonymen anderen sind.

Kurzum: Meines Erachtens machen es sich die Städter mit ihrer vermeintlichen Toleranz zu einfach. In der Masse der Großstadt als bunter Vogel unterzutauchen ist zwar eine gut funktionierende Flucht vor verletzender Konfrontation, gibt mir aber keinesfalls das Gefühl, irgendwo offen aufgenommen worden zu sein. Ich werde ja nur in Ruhe gelassen, weil sich eigentlich keiner für mich interessiert. Indifferenz ist noch lange keine Toleranz.

Natürlich kenne auch ich das Gefühl, anders zu sein, abzuweichen von der kleinstädtischen Norm und deshalb prüfend gemustert zu werden. In meiner Internatszeit in Wernigerode habe ich das manchmal erfahren – und stetig daran gearbeitet, meine Schultern aufzurichten und den Blicken zu trotzen, meine Außenseiterposition erhobenen Hauptes zu vertreten. Und ich habe mit skeptischen Menschen über meine abweichenden Ansichten und meinen etwas anderen Geschmack gesprochen.

Großstädter kommen doch nie zur Ruhe

Denn das ist in einer kleinen Stadt leichter und passiert jeden Tag: Man kommt miteinander ins Gespräch. Klar: So spricht sich auch das Fremde und Abweichende schnell herum. Es wird nicht wenig gelästert in so einer Kleinstadt. Aber wenn man dann mit den Leuten darüber redet, entpuppt sich die vermeintliche Intoleranz oft einfach als Verwirrung oder Missverständnis. Ich erinnere mich an eine Busfahrt, während der sich ein älterer Mitfahrer über die laute Musik eines dieser „frechen Bengel“ beschwerte, ohne diesen dabei direkt anzusprechen. Ich ermutigte ihn, den jungen Mann doch einfach zu bitten, die Musik leiser zu stellen. Das tat er. Am Ende war ich überrascht, wie lebhaft sich der „grimmige alte Mann“ mit dem „frechen Bengel“ unterhalten konnte. So kann echte Toleranz entstehen. Im Dialog. Aber wie soll ich den bitte mit einer Millionenstadt führen? Das würde dann wohl in Stress ausarten. Dabei finde ich das Großstadtleben ohnehin schon ziemlich hektisch.

Da führe ich lieber ein langsames Leben in einer ruhigeren Gegend. Entgegen manchen Vorurteilen muss so eine kleine Stadt gar nicht langweiliger sein als die Großstadt. Denn je langsamer ich lebe, desto intensiver lebe ich. Aufmerksam meine Umwelt wahrzunehmen und meinen Gedanken nachzuhängen, das ist für mich die beste und schönste Art der Vorbeugung gegen geistiges Abstumpfen. In der Großstadt fühle ich mich oft überfordert. Wie soll man diesen Überfluss an Reizen verarbeiten? Da muss man ständig ausblenden, auf Durchzug stellen. Oder anders gesagt: Man muss abstumpfen. Und der Kopf kommt nie zur Ruhe. Das beängstigt mich.

Ich habe schon oft Städter beobachtet, wenn sie am Wochenende in Naherholungsgebieten versuchen, ihren „Akku“ wieder aufzuladen: In die wenigen Stunden „Erholung“ müssen zig verschiedene Tätigkeiten hineingepresst werden. Der Hund braucht seinen Auslauf, dann muss gegrillt und Frisbee gespielt werden und so weiter. Während ich als „vom Land“ Angereiste auch einfach mal zwei Stunden still daliegen und der Welt zuhören kann.

Das Studium der Kulturwissenschaften in Lüneburg hält Autorin Sinja Schilling nicht davon ab, sich so oft wie möglich ihrem Fernweh zu widmen, Dörfer und Metropolen ihrer Freunde zu bereisen und mindestens ein Semester in Frankreich zu planen.