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Houston, wir haben eine Playlist

Am 20. Juli 1969 betritt der erste Mensch den Mond. Ein kleiner Schritt für Neil Armstrong, ein großer für die Popkultur

  • 10 Monde
Foto: Cortis & Sonderegger

Die Erstlandung beflügelte auch die Fantasie der Musiker*innen: David Bowie sang über die Einsamkeit im All, im Funk von Parliament war der Weltraum ein Afro-Utopia, Electro und Breakdance feierten die kühle Mechanik der Roboter und der Moonwalk die Schwerelosigkeit. Zum 50. Jahrestag der Mondlandung stellte uns der Hamburger Popgelehrte Gereon Klug seine galaktische Playlist zusammen:

Langley Music Schools Music Project – „Space Oddity“ (1976)

Natürlich, die Weltraumkuriosität von David Bowie ist ein Muss. Er schrieb das Lied, nachdem er Stanley Kubricks „2001: Odyssee im Weltraum“ gesehen hatte, und veröffentlichte es kurz vor der Mondlandung, die zum Glück erfolgreicher war als der im All verschollene Major Tom aus dem Song. „Space Oddity“ landete soeben wieder in den irdischen Charts, und man wird ihn wohl noch hören, wenn der Mond die neue Erde ist. Da wir, wie jeder vernünftige Astronaut, aber immer an einer Erweiterung unseres Kosmos interessiert sind, hören wir statt des etwas abgenudelten Originals ein spooky Cover. Von einem kanadischen Schulchor im Jahre 1976 aufgenommen und Jahrzehnte später von den Strange-Music-Diggern in der ganzen Welt entdeckt. David Bowie selbst hielt die Version für „ein Kunstwerk“, bezeichnete das Arrangement als „verblüffend“. Der Gesang ist überirdischer Wahnsinn. Die Drums nageln den Song aber aufs Herrlichste am Erdenboden fest. 

The Space Lady – „Major Tom“ (ca. 1995)

Eine wundersam irisierende Version von Peter Schillings „völlig losgelöstem“ Major Tom (der ja eine Antwort auf Bowie war) entwarf in den Neunzigern die Straßenmusikerin Susan Dietrich Schneider. Sie spielte jahrelang in San Francisco mit einem Casio-Synthesizer unter den Händen und einem selbstgebauten blinkenden Metallhut auf dem Kopf den Passanten merkwürdige Outsidermusik vor. Nicht jeder blieb stehen. Später, die „Space Lady“ war bereits im Rentenalter, entdeckte man ihren entrückten Cosmic-Sound neu. Es gibt inzwischen drei tolle Platten mit Coverversionen, vor ein paar Jahren ging sie sogar in Europa auf Tour. Den Mond hätte sie auch längst erobert, wenn es da Luft gäbe, die ihren klaren, hellen Gesang tragen könnte.

Adriano Celentano – „Mondo in Mi 7a“ (1967)

Ach, der schlaue Bauersohn und beste Tänzer Italiens Adriano Celentano mit seiner bitteren Hymne auf die Mondfahrtträume der Sechziger! Man hatte es noch nicht geschafft, auf dem Mond zu landen, aber an seiner visionären Aussage müsste man auch 52 Jahre später nichts ändern: Auf die Zeilen „Warum ist die Welt so hässlich? Wir haben dieses Meisterwerk ruiniert, das im Himmel schwebt“ folgt ein maliziöses „Ahia Ahia Ahijaja!“ und der wahrhaftige Seitenhieb: „Aber zum Glück kommen wir auf dem Mond an, während hier Hunger herrscht!“ Heute will Elon Musk gelangweilte Millionäre – Pardon, ich meinte Milliardäre – zum Mond fliegen, anstatt noch was Sinnvolles in Sachen Klimaschutz zu erfinden. Und auch Jeff Bezos, den reichsten Mann der Welt, interessieren eher seine Spuren im All als seine schädliche Hinterlassenschaft auf der Erde.

Creedence Clearwater Revival – „Bad moon rising“ (1969)

Zwei Wochen vor der Mondlandung war dieser locker und recht fröhlich hingeshuffelte Rock auf Platz zwei der US-Charts. Der Text aber war apokalyptisch: „Der schlechte Mond wird kommen, uh, ich sehe Probleme und schlechte Zeiten, Blitze, Hurrikans und Erdbeben.“ Als erfolgreichster Song der eh schon nicht unerfolgreichen Band wurde „Bad moon rising“ später allerdings in vielen Filmen und Werbungen derart entfremdet und dadurch beliebig, dass sogar CCR-Sänger John Fogerty keine Scheu hatte, den Text live zu vereumeln: Er sang oft „There’s a bathroom on the right” anstatt „there’s a bad moon on the rise” – just for fun. Selbst wenn das Ende der Welt kommt, machen die Menschen noch Witze.

Bobby Womack – „Fly Me to the Moon (In Other Words)“ (1968)

Diese Version ist noch bewegender, noch rührender als jene des auch schon überirdischen Frank Sinatra und geht tiefer als jeder Mondkrater. Wie hier der Mond als Sehnsuchtsort für die eigene irdische (und damit überirdische) Liebe angesoult wird – „In other words: I love you!" ist genial. Selbst die NASA ließ sich rühren und spielte den Song (in der Sinatra-Version natürlich) im Mai 1969 den Astronauten des Raumschiffs „Apollo 10“ während ihres Fluges in die Mondumlaufbahn vor. Und dann nochmal beim eigentlichen Mondlandeflug, wo ihn im Rahmen der Fernsehübertragung weltweit Milliarden hören konnten. Viel weiter kann man als Song nicht kommen, obwohl: Gecovert haben ihn dann unter anderem auch Paul Anka, Doris Day, Agnetha von ABBA, Robbie Williams von Take That, Tom Jones, Helge Schneider und Kevin Spacey mit Westlife. Die beste deutsche Version stammt vom ehemaligen Die-Sterne-Tastenmann Richard von der Schulenburg: „Flieg mit mir zum Mond“ von 2002.

Rocko Schamoni – „Der Mond“ (1999)

Der King mit seinem größten Hit, der die Unabhängigkeit des Mondes (oder seiner Bewohner) preist. Von politischen und organisatorischen Querelen in seinem Hamburger Pudelclub genervt, paraphrasierte Schamoni seinen Frust ins All: „Hallo Freunde, ich bin der Beobachter. Ich stehe lautlos hier ganz oben und bin einfach da.“ Ja, am Mond ist man fein raus! Und als Mond natürlich auch: Man hatte nur sehr, sehr kurz die Krankheit „Mensch“ und kann sich deshalb ziemlich gelassen oben drehen. Selbst der Armstrong hat den Mond „nur äußerlich aufgewühlt“. Wenn er schlau ist, lässt er uns nicht mehr zu sich.

All Seeing I – „First Man in Space“ (1999)

Gesungen vom Human-League-Sänger Phil Oakley, geschrieben von Jarvis Cocker, das hätte ein Hit werden können. Vielleicht will aber niemand hören, was man gesehen hat, wie die Euphorie, der erste Mensch im All gewesen zu sein, vollkommen zerfällt bei der Rückkehr. „How come no one wants to know what I saw?“ Auch ein paar Gedanken an den zweiten Mann auf dem Mond könnte man jetzt haben. Der hieß Buzz Aldrin, etwa vergessen? Und der dritte Mann auf dem Mond, Mr. Pete Conrad, starb bei einem Motorradunfall. Müsste man auch mal einen Song drüber machen.

Marcello Giombini – „Gemini“ (1981)

Bevor wir zu depressiv werden angesichts der eigenen Unbedeutsamkeit, wenden wir uns den zahllosen Versuchen im Pop zu, das Weltall, die Sphären, den schwerelosen, von Sternen und ihren Schweifen durchzogenen Raum abzubilden. Vielleicht kommen die Lieder überhaupt von da draußen? Stellvertretend für diese Astromusik von den Knarf Rellöms, Airs, Sun Ras, Jimi Tenors, Funkadelics, Kamasi Washingtons und Pantha Du Princes hören wir den Track „Gemini“ des italienischen Filmmusikers Giombini, der – wir hören es mit ziemlich extraterrestrischem Staunen – auf vorsintflutlichen Synthies die 20 Jahre späteren Mouse On Mars (sic!) kurz mal vorwegnimmt wie ein Alien.

Arthur Russell – „This is how we walk on the Moon“ (erschienen 1993, eingespielt in den Achtzigern)

Ob sich übrigens Neil Armstrong seinen pathetisches „Kleiner Schritt für mich, ein großer für die Menschheit“ vorher überlegt hat, interessiert nur prosaische Freunde der Realität, die auch herbeten können, dass er genau „2 Stunden und 31 Minuten“ auf dem Mond herumspaziert sei. Das sind Infos für Pedanten, Musik hat andere Aufgaben: die Menschen moven und schmooven, hüpfen und lupfen, tänzeln und schwänzeln lassen. Der übertalentierte New Yorker Arthur Russell gibt uns in seinem cello-driven Song die zarte Chance dazu.

Bonustrack: Sido feat. Andreas Bourani – „Astronaut“

Hat jemals irgendeiner „Ich heb’ ab, nichts hält mich am Boden… bin zu lange nicht geflogen wie ein Astronaut“ schwerfüßiger gesungen als dieser Andreas Bourani? Jede Leichtigkeit, alles Schwebende ist bei diesem deutschen Stampfer, der auch noch die bitterbösen und kritischen Raps eines Sido aushalten muss, verschwunden. An diesem Astronauten ist der Outta Space das gewisse Nichts. Da bleibt die Luft am Boden.

Achtung: Spotify kann dich tracken

Gereon Klug ist Autor und gründete den Plattenladen Hanseplatte in Hamburg. Er ist ein Großpoet der kleinen Form: Seine lustigen Newsletter haben eine so große Fanschar, dass aus ihnen das Buch „Briefe gegen den Mainstream“ geworden ist.

„Icons“ heißt die Serie von Cortis & Sonderegger, aus der unser Titelbild stammt. Das Künstlerduo bastelt ikonische Aufnahmen nach – die brennenden Twin Towers, Robert Capas fallenden Soldaten oder eben den ersten Fußabdruck auf dem Mond. Weil die beiden die Aufnahmesituation mit abbilden ist „Icons“ auch eine ironische Betrachtung der Fotografie – die sich seit jeher die Frage gefallen lassen muss, ob sie echt ist oder montiert.

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

2 Kommentare
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Yola
  ·  
20.07.2019-12:07

Warum bietet ihr die playlist nicht auch auf deezer an?

fluter.de
  ·  
22.07.2019-02:07

Nach Deezer wurde bislang noch nicht gefragt. Das sehen wir uns mal an, danke!