Harald Höppner steht in der Kombüse und schmiert Brötchen für die Crew. Wenn er nervös sein sollte, merkt man es ihm nicht an. Dabei ist heute ein besonderer Tag in seinem Leben. Das Schiff, das er vor ein paar Monaten in den Niederlanden gekauft und mit einer Schar  freiwilliger Helfer wieder flottgemacht hat, wird an diesem Sonntagnachmittag in See stechen, um Menschenleben zu retten. „Es ist einfach unsere menschliche Pflicht, etwas zu tun“, sagt Höppner, ein robust wirkender Mittvierziger aus dem Berliner Umland. Um ihn herum laufen die letzten Vorbereitungen für die Abreise. Mit dem Stromgenerator stimmt was nicht, aber das wird der Schiffsmechaniker schon hinbekommen, bei der Probefahrt auf der Süderelbe hat ja auch alles geklappt.

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Die  Sea-Watch wird klar gemacht zum Ablegen (Foto: Ruben Neugebauer)
Die Sea-Watch wird klar gemacht zum Ablegen (Foto: Ruben Neugebauer)

Für mehrere Monate soll die „Sea-Watch“, so haben Höppner und seine Mannschaft das Schiff getauft, als ein Art schwimmende Notrufsäule nach einem Suchmuster vor der nordafrikanischen Küste kreuzen, um Flüchtlinge in Seenot mit Trinkwasser, Rettungswesten und aufblasbaren Rettungsinseln zu versorgen. „Es geht uns darum, Erste Hilfe zu leisten und dann die Behörden zu verständigen“, sagt Höppner. Dazu muss die „Sea-Watch“ zunächst von Hamburg nach Malta überführt werden, wo die Initiatoren des Projekts ihr Basislager einrichten wollen. Eine Parzelle auf dem Campingplatz einer Pfadfinder-Organisation haben sie schon angemietet.

„N24 ist da und will einen O-Ton“, ruft einer der Helfer von oben in die Kombüse. „Gleich“, ruft Höppner zurück. „Ich muss erst mal was essen“. Die „Sea-Watch“ hat ihn zu einem sehr gefragten Mann gemacht. 

Am Morgen dieses Sonntags ist gemeldet worden, dass vor der lybischen Küste erneut ein Schlepperschiff mit 700 Flüchtlingen gekentert ist, möglicherweise weniger, möglicherweise aber auch erheblich mehr –  von denen die meisten wohl ertrunken sind. Das mediale Interesse an der „Sea-Watch“ war für das kleine Team in den letzten Wochen schon kaum zu bewältigen. Durch die jüngste Tragödie ist es noch größer geworden. Am Lotsekai in Hamburg-Harburg drängen sich im Laufe des Nachmittags etliche Fernsehteams, um die Abfahrt zu filmen. Die Kameras fangen immer wieder die gleichen Bilder ein: Harald Höppner am Ruder, Harald Höppner in der holzvertäfelten Kajüte, Harald Höppner vor einem orangefarbenen Rettungsring mit der Aufschrift „Sea-Watch“. Aus Gefälligkeit hantiert hier und da ein Besatzungsmitglied für die Kameras mit einem Seil oder einem Schlauch, um Aufbruchstimmung zu simulieren. Die Crew hat sogar ein kleines Schlauchboot organisiert, damit die Journalisten das Ablegen des Schiffs vom Wasser aus begleiten können. „Wir wissen ja, wozu wir das machen“, sagt Höppner. „Wir wollen, dass unsere Message rüberkommt.“   

Das ist ihnen ganz offensichtlich gelungen. Nicht nur die mediale Resonanz auf das Projekt hat sämtliche Erwartungen übertroffen. Über 200 Freiwillige haben ihre Unterstützung angeboten: Ärzte und Anwälte, Sanitäter und Skipper, dazu zahlreiche Privatleute und Ruheständler auf der Suche nach einer sinnvollen Beschäftigung. „Wir haben auch viele Sachspenden erhalten, die wir sehr gut gebrauchen können“, sagt Matthias Kuhnt, ein enger Freund von Harald Höppner und Mitinitiator des Projekts. „Zum Beispiel Ferngläser, Schwimmwesten und Rettungsinseln. Manche sind auch einfach vorbeigekommen und haben uns Kuchen gebracht.“

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Unter Deck geht die Planung der Hilfsaktion weiter (Foto: Ruben Neugebauer)
Unter Deck geht die Planung der Hilfsaktion weiter (Foto: Ruben Neugebauer)

Im letzten November haben Kuhnt und Höppner sich vorgenommen, etwas dagegen zu unternehmen, dass so viele Menschen auf dem Weg nach Europa sterben. Anders als andere haben sie nicht geredet, sondern gehandelt. Ursprünglich wollten sie ein großes Schiff mieten und damit so viele Flüchtlinge wie möglich nach Hamburg bringen, um zu demonstrieren, wie grausam und unsinnig ihrer Meinung nach die sogenannte Drittstaatenregelung ist, die Flüchtlinge dazu zwingt, Asyl da zu beantragen, wo sie sicheren europäischen Boden betreten. „Das war aber keine praktikable Option“, sagt Kuhnt, und so wurde die Idee der schwimmenden Notrufsäule geboren. Auch die Überlegung, das Schiff mit Aktivisten zu besetzen, die viel Idealismus, aber keine praktischen Erfahrungen mitbringen, wurde angesichts der nicht ganz ungefährlichen Mission schnell wieder verworfen. „Wir können ja jetzt noch gar nicht absehen, was da unten auf uns zukommt“, sagt Kuhnt. Alle Aufgaben an Bord werden deshalb von Profis mit den entsprechenden Qualifikationen übernommen. 

Das jüngste Crewmitglied bei der Überführung ist Johannes Bayer, ein Schiffbauingenieur, der in den vergangenen zwei Monaten viel dazu beigetragen hat, die Elektronik des knapp 100 Jahre alten ehemaligen Fischerboots auf den allerneuesten Stand zu bringen, Satellitentechnik inklusive. Der 27-Jährige ist Anfang Februar übers Internet auf das Projekt aufmerksam geworden. „Ich habe die Zeit und die Fähigkeiten, hier mitzuhelfen“, sagt er. „Deshalb gab es für mich auch kein Argument, es nicht zu tun.“

Die erste Station der „Sea-Watch“ ist Helgoland, dann geht es weiter Richtung Mittelmeer. In etwa vier Wochen soll das Schiff Malta erreichen. +++

Hintergrund

Was ist Europa die Rettung von Menschenleben wert? Nach dem erneuten Tod von Hunderten Flüchtlingen im Mittelmeer wird jetzt darüber debattiert, ob es in der Europäischen Union ein Seenotrettungsprogramm wie die von 2013 bis 2014 durchgeführte italienische Marineoperation „Mare Nostrum“ geben soll. Dies fordert neben Politikern und Parteien auch Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International.

Die Mission der italienischen Marine und Küstenwache war im Herbst 2013 gestartet worden, als vor der Insel Lampedusa 366 Flüchtlinge ertrunken waren. Bei „Mare Nostrum“ kamen Schiffe, Flugzeuge, Drohnen und Hubschrauber zum Einsatz. Neben der Rettung und dem Eskortieren von Flüchtlingsbooten ans Festland sollten auch die Mutterschiffe der Schlepper identifiziert und Schleuser im Hintergrund aufgegriffen werden. 

Nach einem Jahr wurde die italienische Mission, die monatlich rund 9 Millionen Euro kostete, jedoch aus finanziellen Gründen eingestellt. Die EU hatte abgelehnt, für die Kosten des Programms aufzukommen und die von Italien geretteten Flüchtlinge in der Union zu verteilen.

Stattdessen begann im Herbst 2014 die Operation „Triton“ unter Leitung der EU-Grenschutzagentur Frontex – mit kleinerem Budget und kleinerem Einsatzgebiet. Flüchtlingsorganisationen wie Pro Asyl kritisieren, die „Triton“-Mission diene primär der Grenzsicherung und überwache nur die Gewässer 30 Seemeilen (55,6 Kilometer) vor der italienischen Küste. Bei „Mare Nostrum“ war noch bis kurz vor der Küste Libyens patrouilliert worden.

Die Arbeit von „Mare Nostrum“ wurde von Flüchtlingsorganisationen wie Pro Asyl begrüßt. 



Es konnten laut italienischen Regierungsangaben mehr als 120.000 Flüchtlinge im zentralen Mittelmeer gerettet werden. Laut Angaben aus Rom wurden zudem mehr als 700 mutmaßliche Schlepper festgenommen.

 Doch es gab auch Kritik an der Aktion, in der EU wurde heftig gestritten. Insbesondere EU-Länder aus dem Norden, darunter auch Deutschland, kritisierten die italienische Rettungsaktion als „Anreiz“ zur Flucht nach Europa. „Mare Nostrum war als Nothilfe gedacht und hat sich als Brücke nach Europa erwiesen“, hatte Innenminister Thomas de Maiziere im Oktober 2014 auf einem Treffen der EU-Innenminister gesagt.

Zur Kritik trugen Berichte über Schlepperbanden bei, die die Operation systematisch ausgenutzt haben sollen. Sie schickten demnach überladene Boote los und setzten dann Notrufe an die italienische Marine ab, damit Flüchtlinge nach Europa gebracht würden. 





Die Kritik, dass „Mare Nostrum“ für das Anwachsen der Flüchtlingszahlen sorgte, wird jedoch bestritten, unter anderem in einem Infopapier des Mediendienstes Integration. Die Zahl der Flüchtlinge sei bereits vorher stark angestiegen.

Unterdessen ist die Mittelmeerroute zum wichtigsten Korridor für Menschen geworden, die aus Afrika und dem Mittleren Osten nach Europa gelangen wollen. 2013 zählte Frontex mehr als 40.000 Flüchtlinge, 2014 waren es bereits mehr als 170.000 Menschen, die über Italien und Malta nach Europa kamen. Dass mehr Menschen sich auf den lebensgefährlichen Weg machen, liegt unter anderem am anhaltenden Krieg in Syrien und dem Zerfall der staatlichen Strukturen im Schleuserland Libyen.