1. In Deutschland werden etwa 48 Millionen männliche Küken pro Jahr getötet. Warum?

Da geht es – wie so oft – ums Geld. Der Appetit der Deutschen auf Eier und Hühnerfleisch ist gewaltig und wächst seit Jahren. Zwischen 1970 und 2014 hat sich der Verzehr von Geflügelfleisch fast verdoppelt auf rund zwölf Kilo pro Jahr. Etwa 660 Millionen Hühner werden jährlich in Deutschland geschlachtet. 235 Eier verbraucht ein Deutscher pro Jahr im Durchschnitt. Gut zehn Prozent mehr als noch vor zehn Jahren. Diesen Bedarf deckt eine hoch spezialisierte Geflügelindustrie. Statt wie früher viele Rassen von Haushühnern gibt es jetzt nur noch wenige, die durch gezielte Züchtungen für ihre jeweilige Nutzung optimiert sind. Es gibt einerseits die Legehennen. 300 bis 320 Eier kann so eine Legehenne pro Jahr produzieren. Und es gibt andererseits Masthühner, die sehr schnell Muskelmasse ansetzen und zu Fleisch verarbeitet werden. Da die männlichen Küken der Legehennen längst nicht so viel und so schnell an Gewicht zulegen wie Masthühner, obgleich sie genauso viel fressen, sind sie als Masttiere wirtschaftlich nicht rentabel. Und Eierlegen können sie ja auch nicht. Mit ihnen kann man also kaum Geld verdienen. Sie werden also gleich am ersten Tag ihres Lebens getötet.

2. Wie werden die Küken getötet? 

Das Geschlecht der Küken kann schon kurz nach dem Schlüpfen durch äußerliche Merkmale bestimmt werden, etwa anhand von Farbe, Federlänge oder des „Kloake“ genannten Körperausgangs. Männliche Küken, sogenannte Bruderhähne, werden dann aussortiert und vernichtet. Entweder werden sie mit Kohlendioxid vergast. Da werden sie nach einigen Sekunden bewusstlos und ersticken nach ein paar Minuten aufgrund von Sauerstoffarmut im Blut. Oder sie werden geschreddert. Das macht der sogenannte Homogenisator. Die Küken fallen über ein Fließband in einen Trichter und werden von darunter angebrachten rotierenden Messern getötet.

3. Was passiert dann weiter mit den toten Küken? 

Oft werden sie zu Tierfutter verarbeitet. 2011 gab es einen Skandal, als ein großer Züchter die Küken im Hausmüll entsorgte.

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Küken (Foto: JEREMY M LANGE/NYT/Redux/laif)
(Foto: JEREMY M LANGE/NYT/Redux/laif)

4. Moment – ist das nicht Tierquälerei?

Laut Artikel 1 des Tierschutzgesetzes darf niemand einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen. 2015 untersagte das Land Nordrhein-Westfalen das massenhafte Töten der Küken. Ein wichtiger Erlass, denn in Nordrhein-Westfalen sind viele Brütereien ansässig. Nur in Niedersachsen sind es mehr. Doch elf von ihnen wehrten sich dagegen und klagten vor dem Verwaltungsgericht Minden – mit Erfolg. Die seit Jahrzehnten gängige Praxis wird also bis heute fortgesetzt.

5. Bei Eiern aus Bio-Haltung ist das doch sicher anders, oder? 

Nicht unbedingt. Es gibt zwar Ausnahmen (siehe Frage 7). Aber auch bei Bio-Züchtern ist diese Praxis gängig.

6. Wie steht die Politik zum Kükentöten?

Auf Bundesebene reichten die Grünen 2015 im Bundestag einen Antrag für einen Gesetzentwurf ein, der feststellen sollte, dass das Töten der Bruderhähne aus wirtschaftlichen Gründen kein vernünftiger Grund im Sinne des Tierschutzgesetzes sei. Der Antrag erhielt jedoch keine Mehrheit. Auf Landesebene ändert sich vermutlich dieses Jahr etwas. Niedersachsen will das Kükentöten verbieten. Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) macht sich indes für ein anderes Verfahren stark: die In-ovo-Geschlechtsbestimmung. Hierbei wird das Geschlecht der Küken schon im befruchteten und angebrüteten Ei ermittelt. Die mit den männlichen Embryos können dann vor dem Schlüpfen vernichtet werden. Seit 2008 fördert das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft die Forschung für dieses Verfahren.

7. Welche Alternativen gibt es? 

Für die In-ovo-Geschlechtsbestimmung gibt es bislang noch kein praxistaugliches Verfahren in Deutschland. Für dieses Frühjahr sind die ersten Einsätze von Prototypen in Brütereien geplant. Züchter befürchten, dass eine entsprechende Maschine sehr teuer wäre. Kleine Betriebe könnten sich die Anschaffung womöglich kaum leisten. Tierschützer befürworten deshalb eine andere Lösung: die Rückkehr zum sogenannten Zweinutzungshuhn. Züchter der Initiative Ei Care verwenden eine Rasse auf ihren Höfen, die Les Bleues, die sowohl ausreichend Eier legen (ca. 180 im Jahr) als auch solide an Gewicht zulegen (die Hähne wiegen nach 100 Tagen Mast etwa 1,5 Kilo, auf so viel Gewicht kommt ein konventionelles Masthuhn nach einem Monat). Die Initiative Hänsel und Gretel, die ebenfalls Zweinutzungshühner züchtet, bietet Solidargutscheine an, mit denen man beim Eierkauf die Aufzucht der Hähne unterstützen kann, die man später als Brathahn erhält. Die Kunden müssen also bereit sein, mehr Geld auszugeben. Die Eier von Bruderhahn etwa kosten pro Stück vier Cent mehr, wodurch die Aufzucht der Hähne finanziert wird. 

Titelbild: JEREMY M LANGE/NYT/Redux/laif