Fluter.de: Warum heißt Ihr Film „Die Migrantigen“?

Arman T. Riahi: Der Titel hat einfach gepasst. Das Grantigsein ist eine sehr typische wienerische Eigenschaft. Und wir sehen uns in erster Linie als Wiener.

Wer ist „wir“?

„Wir“ sind zum Beispiel meine beiden Hauptdarsteller Faris Endris Rahoma, Aleksandar Petrović – und auch ich. Wir sind in Wien aufgewachsen und haben einen Migrationshintergrund. Ich bin im Iran geboren und kam im Alter von zwei Jahren mit meinen Eltern nach Österreich.

Auch Ihr Film handelt von zwei Wienern mit Migrationshintergrund. Die beiden heißen Benny und Marko und leben in einem sogenannten Problemviertel, dem Rudolfsgrund. Dabei handelt es sich aber um ein fiktives Viertel.

Ich habe mich beim Rudolfsgrund von meinem Wiener Heimatbezirk Rudolfsheim-Fünfhaus inspirieren lassen, in dem viele Migranten leben. Meine beiden Hauptdarsteller sind in ähnlichen Bezirken aufgewachsen, wir drei kennen uns schon seit 20 Jahren. Dennoch haben wir uns im Film für ein fiktives Viertel entschieden. Ich wollte nicht, dass ein realer Bezirk eine negative Konnotation erhält. Obwohl es in dem Film-Viertel nicht wirklich schlimm zugeht.

Nun sind ihre beiden Protagonisten eigentlich zwei Hipster. Marko arbeitet in einer Werbeagentur und Benny ist Schauspieler. Warum wollen die beiden das „Migrantsein“ erlernen – wie Gangster sprechen, Drogendeals abwickeln und viel Döner essen?

Die beiden Hauptfiguren brauchen dringend Geld und machen deshalb bei einer Fernseh-Doku über einen „sozialen Brennpunkt“ mit, den Rudolfsgrund. Und Benny und Marko glauben, dass diese Klischees von ihnen erwartet werden. „Die Migrantigen“ ist damit auch eine Medienkritik. Das Thema Integration wird in der medialen Berichterstattung Österreichs oft sehr stereotyp und negativ behandelt.

Zum Teil stellt die Fernsehredakteurin im Film sogar Szenen.

Ich finde Fake-News-Vorwürfe oder Lügenpresse-Rufe vollkommen falsch. Das wird von Rechten für ihre Zwecke benutzt. Aber es gibt eine tendenzielle Berichterstattung über das Thema Integration. Migranten sind entweder furchtbar arm oder haben irgendetwas falsch gemacht, oftmals sind sie Kriminelle. Dieses Opfer- oder Tätersein von Menschen mit Migrationshintergrund geht mir auf die Nerven. Vielleicht verkaufen sich TV-Beiträge so besser. Aber ich hab das Gefühl, es ist sehr gefährlich, wenn nur über bestimmte Seiten von Menschen berichtet wird.

Was können Medien anders machen?

Sie sollten ihre Redaktionen diverser zusammensetzen. Deutschland ist da ein bisschen besser, aber nicht viel besser als Österreich. In beiden Ländern gibt es zu wenige Journalisten mit Migrationshintergrund, die mit einer anderen Perspektive und weniger klischeehaft auf den Alltag der Menschen und das Thema Integration gucken. Aber der Film ist natürlich auch überzeichnet, nur so funktioniert eine Komödie, natürlich arbeiten nicht alle Medien so.

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Szene aus der österreichischen Komödie "Die Migrantigen"
Am liebsten im Unterhemd: In der bösen Kommödie „Die Migrantigen“ lässt Regisseur Arman T. Riahi seine Hauptdarsteller lernen, sich wie richtige Ausländer zu verhalten

Oft sind Filme über die Themen Migration und Integration als Sozialdramen angelegt, sie handeln von Ehrenmorden, Flucht und Diskriminierung. Warum haben Sie sich für Humor entschieden?

Ich wollte den Leuten ein anderes Gefühl geben. Die Leute sollten das Gefühl haben, sie dürfen über die beiden Migrantigen lachen. Oft glaubt man ja, man darf das nicht, dann ist man ausländerfeindlich. Diese Angst wollte ich dem Zuschauer nehmen. Und Lachen ist das beste Mittel, um diese Angst zu vertreiben. Dann kann man nach dem Film ungezwungener über diese Themen reden.

Der Humor im Film entsteht dadurch, dass Sie bewusst mit Klischees arbeiten. Werden Vorurteile dadurch nicht erst recht reproduziert und verhärtet?

Nein. Weil wir ja mit den Klischees brechen und sie in einen neuen Kontext stellen. Etwa als die beiden Hauptdarsteller vor einem Boxclub stehen, sich nicht hineintrauen und Marko als „Ex-Jugoslawe“ sagt: Da sind nur Tschetschenen und Kasachen drin, die haben doch die Hälfte ihres Lebens im Gefängnis verbracht. Das ist natürlich Blödsinn. Hier versucht sich Marko aber einer Kultur anzunähern, von der alle glauben, dass er ihr entsprechen muss. Das ist lustig, verstößt gegen unsere Sehgewohnheiten und macht uns das Klischee bewusst.

„Asyl ist nicht gleich Migrant ist nicht gleich Flüchtlinge, Ausländer, Gastarbeiter ist nicht gleich fehlende Integration.“ Arman T. Riahi

Dann gibt es eine Szene, in der Schauspieler Benny in breitestem Wienerisch für eine Hauptrolle vorspricht. Aber vom Castingleiter, gespielt von Josef Hader, gesagt bekommt, dass er eigentlich für die Rolle des Taxifahrers vorspricht.

Da haben wir es mit einem realen Problem zu tun. Die beiden Hauptdarsteller wurden selbst nach unserem Film wieder für solche Rollen gecastet: Drogendealer, Schläger, alles was ins Kleinkriminelle driftet. Aleksandar spricht kein Russisch, wurde aber als russischsprechender Georgier gecastet. Jeder, der Russisch versteht und ihn sehen würde, denkt sofort: Was soll das? Warum macht der einen russischen Akzent nach? Deshalb haben viele Österreicher mit Migrationshintergrund auch keinen Bezug zum österreichischen Film und TV. Warum soll ich mir das angucken, einen Araber, der einen Türken spielt? Das ist unrealistisch. Da schaue ich mir lieber gleich einen türkischen Film an.

Ändert sich da denn gar nichts?

In den letzten 15 Jahren hat sich schon etwas getan. Es gibt zum Beispiel mehr Moderatoren mit Migrationshintergrund in Österreich. Aber für mich sind das oft nur kosmetische Veränderungen, keine tiefer gehenden Änderungen in den Redaktionen. Das passiert auch nicht von einem Tag auf den anderen. Trotzdem haben Medien und Filme großen Einfluss darauf, wie man sich als Bevölkerung sieht. Deshalb haben wir uns gedacht, wir machen das jetzt. Wir machen einen eigenen Film als Drehbuchautor, Regisseur und Schauspieler mit Migrationshintergrund.

Was hoffen Sie, hat der Film für einen Effekt?

Ich hoffe, dass die Zuschauer, vor allem jüngere, genauer hinschauen. Dass sie Meinungen, die ihnen vorgesetzt werden, erstmal für sich überprüfen. Immer mehrere Quellen einbeziehen. Asyl ist nicht gleich Migrant ist nicht gleich Flüchtlinge, Ausländer, Gastarbeiter ist nicht gleich fehlende Integration.

„Die Migrantigen“, Österreich 2017, Regie: Arman T. Riahi, Buch: Aleksandar Petrović, Arman T. Riahi, mit Aleksandar Petrović, Faris Endris Rahoma, Doris Schretzmayer, Josef Hader, 95 Minuten

Fotos: camino-film