Wie ein Meer aus Zeltplanen erstreckt sich das Flüchtlingscamp „Alyawa“ über das Umland der nordostirakischen Stadt Khanaqin. Vor dem Zaun liegt, wie ein Stückchen Normalität, das sich die 7.400 Bewohner des Camps ergattert haben, ein Ententeich. Seit etwa einem Jahr leben die Menschen hier, weil Kämpfer des sogenannten Islamischen Staats (IS) sie aus den umliegenden Dörfern und Städten vertrieben haben.

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Es mangelt an allem. Manche der Lagerbewohner halten sich zur Selbstversorgung wenigstens ein paar Hühner (Foto: Sebastian Backhaus)
Es mangelt an allem. Manche der Lagerbewohner halten sich zur Selbstversorgung wenigstens ein paar Hühner (Foto: Sebastian Backhaus)

Seither hat sich im Camp sogar eine Form von Alltag eingespielt: Die Leute halten Tiere, es gibt Lädchen, in denen sie Obst oder Kinderspielzeug kaufen können; aus einem Zelt lugen zwei abgewetzte Billardtische hervor. Der kleine See mit den Enten hingegen ist in Wirklichkeit aber kein Zeichen für Normalität sondern vielmehr für die Zunahme des Chaos, der Verzweiflung und des Elends: Der Regen prasselte in den vergangenen Tagen so sintflutartig auf die Region nieder, dass sich weite Teile des Camps in eine einzige riesige Schlammpfütze verwandelt haben. Und auch die Not der Flüchtlinge kam zum Überlaufen.

Mohammad al-Juburi bewahrt gerade noch die Contenance und bittet mich, wie es die Gastfreundschaft gebietet, mit einem freundlichen Lächeln in sein Zelt. Doch bereits davor fängt er an zu erzählen, wie er und seine Familie aus der Stadt Jalawla fliehen mussten. Darüber vergisst er die Konventionen – und auch sein Lächeln verschwindet. Um fünf Uhr morgens hätten sie ihr Grundstück verlassen; mittags schon sei es dem IS in die Hände gefallen. Heute frage er sich, ob es nicht besser gewesen wäre zu bleiben. „Wir haben kein Geld und nichts zu essen, wir verhungern hier“, sagt er und blickt auf seine drei Töchter – zehn, acht und fünf Jahre alt – und auf seinen siebenjährigen Sohn. Die Kinder stehen neben ihm im Matsch, barfuß oder in Sandalen. Als seine Frau zu schluchzen beginnt, bricht schließlich auch Mohammads Stimme und er verliert die Fassung: „Lieber dort schnell getötet werden als hier langsam zu verrecken.“

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Die Verzweiflung wird kaum noch kaschiert – von Mohammad Al-Juburi (rechts) und seiner Familie (Foto: Sebastian Backhaus)
Die Verzweiflung wird kaum noch kaschiert – von Mohammad Al-Juburi (rechts) und seiner Familie (Foto: Sebastian Backhaus)

Auf den Zelten prangt das Logo des Flüchtlingswerks der Vereinten Nationen (UNHCR), am Tor sind Plaketten einiger Nichtregierungsorganisationen befestigt, darunter der kleine deutsche Verein „Haukari“ und die größere österreichische „Volkshilfe“. Die Bewohner des Camps sollten demnach nicht auf sich allein gestellt sein. Doch von den professionellen Helfern ist nicht viel zu sehen: Auf dem gesamten Areal läuft mir kein einziger offizieller Mitarbeiter über den Weg. Nur das Krankenhauszelt scheint in Betrieb zu sein. Selbst das UN-Flüchtlingswerk konstatiert in einer offiziellen Verlautbarung, dass die Bedingungen hier alles andere als zufriedenstellend sind. Ursprünglich für 750 Familien konzipiert, leben im Camp nun doppelt so viele. Weil die Zelte so eng aneinander gebaut sind, brechen immer wieder Brände aus, wenn jemand kocht.

Die Zustände im Camp sind nach Auffassung vieler Beobachter auch deshalb so schlecht, da außerhalb des Lagers die politischen Zuständigkeiten unklar sind. Der Nordirak ist das Kerngebiet der Autonomen Region Kurdistan. Dieser Fast-aber-nicht-ganz-Staat wiederum ist ziemlich genau zur Hälfte geteilt – sowohl von der Fläche als auch von den Bewohnern her: in das Einflussgebiet der Demokratischen Partei Kurdistans (DPK) im Norden, einschließlich der Hauptstadt Erbil, und in das der Patriotischen Union Kurdistan (PUK) im Süden. Die DPK bekämpft mit ihren Peschmerga-Streitkräften derzeit nicht nur den IS, sondern kümmert sich auch um 1,4 Millionen Flüchtlinge aus Syrien und dem Irak – und hat dabei auch noch eine Finanzkrise zu bewältigen. Viele Kurden beschuldigen dafür die irakische Regierung in Bagdad, die seit 2014 der Region den ihr eigentlich zustehenden Teil des Haushalts verweigere. Aber die Politiker der „Kurdistan Regional Government“ geben auch eigene Fehler zu. „Wir haben uns nicht genügend auf die Krisen vorbereitet“, erklärte der stellvertretende Premierminister Qubad Talabani gegenüber der „Washington Post“.

Schließlich treffe ich doch noch auf einen Offiziellen und mit Harby Ahmad Majed zudem auf den Leiter des Camps „Alyawa“– eingesetzt von der Stadtverwaltung von Khanaqin, die Teil der autonomen kurdischen Regierung ist. Heute sei Freitag, das islamische Äquivalent zum christlichen Sonntag, erläutert er. Da habe ein Großteil seiner Mitarbeiter nun einmal frei – und die meisten von ihnen seien ohnehin Freiwillige. Der Regen habe auch ihnen zugesetzt. Vom Flüchtlingswerk der Vereinten Nationen erwarte er aber mehr Unterstützung: So hätten die Zelte, in denen die Menschen leben, eigentlich schon vor einem halben Jahr ausgetauscht werden müssen.

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Harby Ahmad Majed, Leiter des Camps „Alyawa“ (Foto: Sebastian Backhaus)
Harby Ahmad Majed, Leiter des Camps „Alyawa“ (Foto: Sebastian Backhaus)

Eine auf mehrere Geländewagen verteilte Delegation mit fast allem, was Rang und Namen hat in der 175.000-Einwohner-Stadt, begleitet mich mitten in der Nacht auf dem Weg zu dem neuen Camp: Die Eskorte für einen Journalisten aus Deutschland – darunter der Bürgermeister sowie der Sicherheitschef einschließlich Gefolge – lässt erahnen, wie brisant in diesem hochpolitisierten Gebiet auch der Ausbau eines Flüchtlingscamps ist.Ein bisschen Hoffnung auf eine Verbesserung der Situation der Flüchtlinge in dieser Gegend gibt es. Nicht weit entfernt von hier baut das Flüchtlingswerk der UN zusammen mit der kurdischen Verwaltung von Khanaqin ein bestehendes Container- und Wohnwagencamp weiter aus. Zurzeit finden dort bereits 4.500 Flüchtlinge Platz, 500 weitere Familien aus Alyawa sollen folgen. Wer hierher kommt, hat in der grausamen Lotterie der Vertreibungen im Nahen Osten offenbar das weitaus bessere Los gezogen: fester Boden unter den Füßen und ein dichtes Dach über dem Kopf – ein Segen in diesen verregneten Tagen.

Dort angekommen wartet schon ein Spalier von wohl hastig zusammengetrommelten Flüchtlingen auf uns. Im rauchverhangenen Containerbüro von Camp-Manager Hamad Metha stehen sich die Offiziellen auf den Füßen. Am Schreibtisch des Chefs nimmt kurzerhand Khanaqins Bürgermeister Mohammad Amin Hassan Platz und ergreift das Wort. Er müsse hauptsächlich mit Bordmitteln auskommen, sagt er, weder aus Bagdad noch aus Erbil bekomme er Unterstützung. Die Stadt selbst habe kaum Mittel, einiges bliebe da auf der Strecke. So seien viele Straßen in einem sehr schlechten Zustand. Aber dass man die Flüchtlinge versorge, sei Ehrensache, egal ob sie arabischer oder kurdischer Abstammung seien. „Khanaqin ist schon immer eine Stadt der Toleranz gewesen“, sagt er.

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Der Bürgermeister, der Sicherheitschef und das Gefolge. Das Empfangskomitee für den Journalisten aus Deutschland lässt erahnen, wie politisch brisant hier der Ausbau eines Flüchtlingscamps ist (Foto: Sebastian Backhaus)
Der Bürgermeister, der Sicherheitschef und das Gefolge. Das Empfangskomitee für den Journalisten aus Deutschland lässt erahnen, wie politisch brisant hier der Ausbau eines Flüchtlingscamps ist (Foto: Sebastian Backhaus)

Das Ganze wirkt auf mich schon sehr inszeniert – so, als wolle die kurdische Verwaltung demonstrieren, dass sie selbst einer solchen Not- und Ausnahmesituation Herr werden kann. Familie al-Juburi und den vielen anderen Flüchtlingen in der Region wäre es zu wünschen.