Das Unicode-Konsortium – eine gemeinnützige Kommission, die den internationalen Standard für Schriftzeichen und Symbole festsetzt – bringt immer mehr und immer heterogenere Versionen von Emojis heraus. Anfangs waren es unter hundert, jetzt sind es weit über tausend Emojis. Was sagt das über unsere Kommunikation aus?

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Taugen Emojis zur Weltsprache? Warum gibt es kein Penis-Emoji? Zum ersten Teil des Interviews geht es hier

Diese Ausdifferenzierung zeigt in erster Linie, wie wichtig Emojis geworden sind. Je selbstverständlicher deren Verwendung wird, desto mehr wollen sich Menschen mit ihnen repräsentieren können. Als sich Emojis von einem japanischen zu einem globalen Phänomen entwickelten, musste mehr Vielfalt her: Die Nahrungsmittelsektion zum Beispiel bestand anfangs fast nur aus Sushi-, Reis- und Nudelsuppen-Emojis. Mit den früheren Erweiterungen wurde zunächst die Vielfalt in den jeweiligen Kategorien vergrößert.

In den letzten Jahren hat man auch innerhalb der einzelnen Bilder stark ausdifferenziert

 

Ja. Angefangen hat das mit der Möglichkeit, sexuelle Orientierungen und verschiedene Hautfarben darzustellen. Danach wurden die Berufs-Emojis auch in weiblichen Versionen herausgegeben. Sprache ist ja nicht nur ein Mittel, um Sachinformationen oder Gefühle zu vermitteln, sondern hat auch die Funktion, Identität auszudrücken: Ich signalisiere mit meiner Stimme und meinem Dialekt zum Beispiel meine Herkunft und mein Geschlecht.

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Memory mit Emojis
Klar, ein Apfel ist ein Apfel. Andere Emojis sind dagegen weniger leicht zu deuten: Der schnaubende Emoji zum Beispiel steht in Europa für Wut, in Japan für Triumph. Und ob die nächste Generation mit dem Disketten-Emoji wohl noch was anzufangen weiß?

„Statt zwölf verschiedene Versionen von Polizistinnen und Polizisten herauszubringen...“ 

Hat das Konsortium durch diese Ausdifferenzierung vielleicht auch die Chance vertan, eine „neutrale“ Ausdrucksweise zu finden? Jetzt sieht man sich ständig damit konfrontiert, sein Geschlecht, seine Hautfarbe und sexuelle Neigung zu thematisieren.

Absolut. Ein Vorteil des Internets ist ja eigentlich, dass wir dort sein können, wer wir wollen. Die ausdifferenzierten Emojis können nun wieder einen Druck bedeuten, sich selbst ein Label aufzudrücken. Bei den Berufs-Emojis zum Beispiel gibt es kein geschlechtlich neutrales Gebiet, auf das sich der Nutzer zurückziehen könnte. Frauen werden stereotyp mit langen Haaren, Männer mit kurzen dargestellt, bei Apple haben alle einen Schnurrbart.

 

Wie hätte man das besser lösen können?

Statt zwölf verschiedene Versionen von Polizistinnen und Polizisten herauszubringen, hätte man auch einfach einem neutralen Smiley einen Polizeihut aufsetzen können.

Wird denn vom User erwartet, dass er jene Emojis verwendet, die ihm am ehesten entsprechen?

Dazu gibt es noch keine wissenschaftlichen Studien, aber einige feuilletonistische Texte, auch von Mitgliedern marginalisierter Gruppen, die das Dilemma sehr glaubhaft und authentisch beschreiben. Ein Beispiel: Verwenden Afroamerikaner Emojis mit dunkler Hautfarbe, werden sie explizit als Mitglieder einer stereotypisierten Minderheit wahrgenommen. Verwenden sie hellhäutige Emojis, müssen sie sich dafür fast schon rechtfertigen: „He, willst du verstecken, wer du bist?!“

Was ist mit den gelben Emojis?

„...hätte man auch einfach einem neutralen Smiley einen Polizeihut aufsetzen können.“

Menschen, die zu der gedachten Mehrheit gehören – also weiß sind –, benutzen auffallend häufig die gelben Emojis, die meist voreingestellt und als neutrale Alternative gedacht sind. Das deutet darauf hin, dass sie vermeiden wollen, explizit als weiß dargestellt zu werden. Interessant ist das deshalb, weil gerade Mitglieder der gedachten Mehrheit häufig irritiert bis aggressiv reagieren, wenn man sie über die Kategorie der Hautfarbe definiert.

Warum?

 

In dem Moment, in dem ich zwischen sechs verschiedenen Hauttönen auswählen muss, werde ich auf genau die gleiche Weise behandelt wie Gruppen, die als eher an den Rändern der Gesellschaft stehend wahrgenommen werden. Ich als weißer Mann kategorisiere andere Menschen zwar ständig nach ihrem Geschlecht und ihrer Hautfarbe – auch wenn ich das absolut nicht bösartig meine. Mich selbst sehe ich aber nicht als Mitglied einer Gruppe, sondern als Normalzustand. Sich das Privileg herauszunehmen, auf die gelben Smileys auszuweichen, könnte ein Hinweis auf ein Machtverhältnis sein.

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Tibet-Fahne aus Emojis
Was in der Studentenbude zur Grundausstattung gehört, sucht man in der Emoji-Sammlung vergeblich: die Tibet-Fahne. Doch wo eine Wille, da auch ein Mittelweg

Im Unicode-Konsortium sitzen Vertreter von Tech-Riesen wie Apple oder Google, von einigen Ländern und auch Lobbygruppen. Lässt sich anhand der bestehenden Emojis etwas darüber sagen, welche Interessen stark, welche wenig oder gar nicht vertreten werden?

Um nur ein paar Beispiele zu nennen: Von einem Rollstuhl-Piktogramm mal abgesehen, gibt es kein einziges Emoji, das Behinderung thematisiert. Auch ist die Palette möglicher Hauttöne viel geringer als die tatsächliche Vielfalt. Und Rothaarige gibt es gar nicht. Diese Gruppe versucht schon länger, Emojis zu erwirken, bisher aber ohne Erfolg.

„Wenn China sagt ‚Wir wollen keine Tibet-Fahne’ ...“

Woran liegt es, dass manche Gruppen Emojis bekommen, andere nicht?

Ohne eine starke Interessensvertretung bekommt man in den Unicode-Zeichensatz nur sehr schwierig neue Emojis hinein. Die Rothaarigen beispielsweise haben keine. Unicode sollte sich deshalb, was Diversität anbelangt, ausführlicher beraten lassen, gerade weil das Konsortium selbst eine sehr homogene Gruppe ist: sehr tech-affin, sehr männlich, sehr weiß, sehr mittleres Alter.

Es gibt Emoji-Fahnen für Wales, Schottland und England, aber nicht für Tibet. Könnte das etwas damit zu tun haben, dass China in der Welt der Technologie ein großer Player ist?

Ja. China ist mit einem staatlich finanzierten Institut im Unicode-Konsortium vertreten. Wenn China sagt „Wir wollen keine Tibet-Fahne“, dann wird das Konsortium dreimal überlegen, eine einzuführen. Was macht man mit Regionen, die nicht von der UN als Staaten anerkannt sind? Was tun, wenn Sezessionsbewegungen ihre Flaggen fordern, eine baskische Fahne, eine katalanische etc.? An dem Flaggendiskurs sieht man sehr schön, dass es Kriterien geben müsste, nach denen man vorgeht.

„...dann wird das Konsortium dreimal überlegen, eine einzuführen.“

Wer sollte diese Verantwortung übernehmen?

Das ist eine zentrale Frage. Das Unicode-Konsortium wurde ja ursprünglich gegründet, um die existierenden Schriftsysteme der Welt in einem Zeichensatz zu vereinheitlichen. Es traf keine Entscheidungen darüber, welche Zeichen aufgenommen werden und welche nicht, sondern hat einfach die bestehenden implementiert.

… bei den Emojis spielt das Konsortium plötzlich den Torhüter.

Genau, es sagt: „Du kommst rein – und du nicht“. Nur: Sollten wir wirklich Technologiefirmen wie Apple, Google oder Microsoft zum großen Teil darüber entscheiden lassen, wer sich repräsentieren kann und wer nicht? Ich denke, das sollten wir besser auf einer breiteren gesellschaftlichen Ebene diskutieren. Positiv anrechnen muss man dem Konsortium aber, dass es die Notwendigkeit für mehr Vielfalt, die von außen an es herangetragen wird, durchaus versucht umzusetzen.

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Hijab-Emoji
„Wie jetzt, du bist Muslimin UND Ärztin?“ Das von vielen mit Freude erwartete Hijab-Emoji drängt kopftuchtragende Musliminnen zu der Entscheidung, ob sie sich als berufstätige Frauen darstellen wollen oder als gläubige

Die Berliner Schülerin Rayouf Alhumedhi hat einen Vorschlag für ein Hijab tragendes Emoji eingereicht. Noch in diesem Jahr soll es verfügbar sein. Wie beurteilen Sie als Sprachwissenschaftler diesen Vorstoß?

Vorab: Ich finde interessant, dass praktisch alle Medien berichteten, die aus Saudi-Arabien stammende Schülerin habe sich nicht repräsentiert gefühlt und sich dann an das Unicode-Konsortium gewandt. Dieses Narrativ ist mir ehrlich gesagt ein bisschen suspekt: Ich möchte mal sehen, wie weit eine Minderjährige da kommt.

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Anatol Stefanowitsch (Foto: Bernd Wannenmacher/FU Berlin)
Anatol Stefanowitsch ist Sprachwissenschaftler und lehrt an der Freien Universität Berlin (Foto: Bernd Wannenmacher/FU Berlin)

Natürlich hatte sie Hilfe einflussreicher Leute, zum Beispiel vom Mitgründer der Online-Plattform Reddit.

Das – und zum anderen würde ich vermuten, dass schon bei der Antragstellung Interessensverbände im Hintergrund standen. Lobbys an sich sind natürlich nicht zu verurteilen. Problematisch wird es, wenn wieder nur jene Gruppen repräsentiert werden, die starke Vertretungen aufgebaut haben. Meiner Meinung nach hätte man auf einen Schlag viele verschiedene religiös konnotierte Emojis einführen sollen. Jetzt reden wieder alle nur über den Hijab. Vor allem aber tritt – was vielleicht von den Verbänden beabsichtigt war, vielleicht aber auch nicht – eine symbolische Nebenwirkung ein, nämlich: Auf muslimische Frauen wird ein Druck aufgebaut, ihren Glauben oder ihre kulturelle Zugehörigkeit durch das Kopftuch-Emoji auszudrücken.

In Deutschland tragen nur etwa 30 Prozent der Musliminnen einen Hijab.

Ja, alle anderen haben keine Möglichkeit, sich mittels Emojis in ihrer Religiosität oder Kulturzugehörigkeit zu repräsentieren.

Eine Muslimin kann sich aber auch dafür entscheiden, einfach Emojis ohne Kopftuch zu verwenden.

Klar, kann sie das. Genauso wie sie sich auch dafür entscheiden kann, ein männliches Emoji zu wählen. Aber weil es nun mal ein Symbol gibt, das muslimische Religiosität signalisieren soll, fällt das nicht so leicht. Eine kopftuchtragende Muslimin muss sich außerdem entscheiden, ob sie sich als berufstätige Frau darstellen will – als Ärztin, Laborantin oder Künstlerin – oder als kopftuchtragende Frau. Beides gleichzeitig geht nicht. Das ist eine sehr ungünstige Symbolik, vor allem vor dem Hintergrund, dass kopftuchtragende Muslima in den letzten Jahren unglaublich stark dafür gekämpft haben, als mehr wahrgenommen zu werden als nur als Frauen mit Hijab.

Illustrationen: Bureau Chateau, Jannis Pätzold