Wo Nachrichten mit ihrer knappen, sachlich-nüchternen Erzählweise dem Ein- und Mitfühlen Grenzen setzen, entfaltet der Roman seine Stärken. Ist er gut geschrieben, erschafft er eine ganze Welt, die man als Leser mitzuerleben meint. Das muss sich nicht unbedingt angenehm anfühlen. Manchmal packt einen die Wut oder das Grauen. Weil man ein Gefühl für die unglaublichen Dinge bekommt, die Menschen in Afghanistan, Südsudan, Eritrea, Irak oder Syrien erleben und erleiden.

Olga Grjasnowas über weite Strecken in Syrien angesiedelter Roman „Gott ist nicht schüchtern“ ist so ein Buch: schmerzhaft trostlos und voller Gewalt wie die Welt, in der es spielt. Grjasnowa schildert Verhöre und Folterungen von Regimegegnern durch einen hyperpräsenten Geheimdienst. Sie erzählt von den Erschießungen junger Demonstranten durch Soldaten des Assad-Regimes. Lakonisch beschreibt sie die städtischen Bombardierungen durch Hubschrauber, die große „schwarze Pakete“ abwerfen, nach deren Landung Gebäude in sich zusammenfallen wie Kartenhäuser. All das erzeugt einen immensen Sog. Mit leichtem Schaudern genießen, so wie einen Horrorfilm, lässt sich keine der Szenen. Dafür ist das Erzählte zu nah an der Wirklichkeit des Krieges. 

Plädoyer für mehr Mitgefühl


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Gott ist nicht schüchtern
Olga Grjasnowa: „Gott ist nicht schüchtern“ Aufbau-Verlag, Berlin 2017, 307 Seiten, 22 Euro

Die 1984 in Baku, Aserbaidschan, geborene und mit ihrer Familie in Berlin lebende Autorin betrachtet „Gott ist nicht schüchtern“ als Plädoyer für mehr Mitgefühl gegenüber Geflüchteten. Als routinierte Autorin weiß sie natürlich um die Bedeutung der handlungtragenden Figuren. Man soll sie verstehen und gern haben können, was gut hinhaut bei Hammoudi, Amal und Youssef. Mitte bis Ende zwanzig sind die drei, weltoffen, gebildet – und bald schon politisch engagiert gegen das Regime Baschar al-Assads zu einer Zeit, als man nicht bloß in Damaskus meinte, mit Demonstrationen gegen Korruption und für mehr demokratische Mitsprache könnte man den syrischen Staatspräsidenten zu Reformen bewegen. 

Wie wir wissen, kam es anders. Die Schauspielerin Amal steht rasch auf der Abschussliste des Geheimdienstes. Nur die Beziehungen ihres Vaters retten sie vorm Folterkeller. Als die Lage immer aussichtsloser wird, flieht sie in den Libanon. Amals Freund Youssef wird auf einer Demonstration von Soldaten verprügelt, später verschwindet er. Als Amal Youssef in Beirut wiederbegegnet, ist er nicht mehr derselbe. Die Folter hat ihn gebrochen.

Die schillerndste Figur ist Hammoudi, der in Paris ein Prädikatsexamen in Medizin abgelegt und sich dort ein Leben mit glücklicher Liebesbeziehung aufgebaut hat, nach einem kurzfristig gedachten Syrienbesuch jedoch nicht mehr aus dem Land gelassen wird. Zuerst spuckt er Feuer und Galle, dann resigniert er – bis der Bürgerkrieg beginnt. In seinem Heimatort Deir az-Zour richtet Hammoudi ein provisorisches Lazarett ein. Seine Angstreflexe sind bald abgestumpft, das Schicksal der vielen unter seinen Händen Verblutenden aber geht ihm weiterhin nahe. Bis der Islamische Staat in Deir az-Zour einmarschiert und auch Hammoudi fliehen muss.

Ein sehr gutes Buch wäre leicht möglich gewesen. Die Autorin hätte bloß weniger machen müssen.

Alle drei hatten ein schönes, privilegiertes Leben, hatten Träume, die erreichbar schienen. Zerbombt und fortgespült. Stattdessen erleben sie die zunehmende Brutalisierung, Verrohung und Zerstörung ihres Landes. Die Anteilnahme des Lesers ist groß. Die schnelle, schmucklose Prosa drängt sich niemals unangenehm auf. Und doch übertreibt es Grjasnowa im letzten Drittel des Romans mit ihrer Fluchtgeschichte.

Wenn es auf Youssefs, Amals und Hammoudis Fluchtrouten in die Türkei und nach Griechenland von fiesen Schleppern wimmelt und heillos überfüllte, seeuntüchtige Boote unbedingt kentern müssen, wenn Youssef auf den letzten Seiten in einem Berliner Flüchtlingsheim von Nazis mit einem Sprengsatz ermordet wird, dann ist das für einen einzelnen Roman viel zu viel. Ein sehr gutes Buch wäre leicht möglich gewesen. Die Autorin war nahe dran. Sie hätte bloß weniger machen müssen. 

Titelbild: Michel FOLCO/GAMMA-RAPHO/laif