Man kennt das vielleicht: Kaum verliebt, schon soll man sich den Eltern vorstellen, die „total nett“ sein sollen. Aber man weiß schon, dass der erste Besuch bei den potenziellen Schwiegereltern ein Albtraum werden kann, ganz gleich, ob sie mit offenem Misstrauen, prüfendem Blick oder gut gemeinter Jovialität auftreten.

Für Chris (Daniel Kaluuya) gibt es allerdings noch zusätzlich Grund für Bedenken. Er ist Afroamerikaner und aus der Großstadt, seine Freundin Rose (Allison Williams) stammt aus einer weißen Ärztefamilie vom Land. „Wissen sie, dass ich schwarz bin?“ Die Frage ist ihm sichtlich unangenehm. Ihre Eltern seien wirklich keine Rassisten, versichert Rose, ganz im Gegenteil. Tatsächlich ist der Empfang herzlich: Umarmungen zur Begrüßung, eine Tour durchs Anwesen, lockere Sprüche über den eigenen Wohlstand. Weiße Familie, schwarze Hausangestellte – das sehe natürlich blöd aus, stößt Roses Vater (Bradley Whitford) das Thema gleich selbst an. Die Bediensteten Georgina und Walter hätten seine Eltern gepflegt, seitdem gehörten sie zur Familie.

Afroamerikanischer Albtraum

Bis hierhin könnte „Get Out“, der Debütfilm des Komikers Jordan Peele, eine Romantic Comedy sein. Doch dann mehren sich Anzeichen des Unheimlichen. Die Hausangestellten wirken leblos hinter ihrem unterwürfigen Service-Lächeln: Wie ein Gespenst taucht Georgina immer dann auf, wenn sich Chris unbeobachtet wähnt, und Walter sprintet mitten in der Nacht – in einer auf YouTube bereits tausendfach nachgeahmten Szene – wie eine Zombie-Version von Forrest Gump auf die Kamera zu, nur um im letzten Moment die Richtung zu wechseln. Das Hypnose-Talent der Mutter (Catherine Keener) und das Faible des Vaters für Afroamerikaner erscheinen auf einmal verdächtig.

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Get Out (Foto: UNIVERSAL)
Nicht direkt untot, aber auch nicht besonders lebendig: Im Horrorfilm „Get Out“ geht es nicht mit rechten Dingen zu, wie man an Georgina merkt, der Hausangestellten der weißen Ärztefamilie (Foto: UNIVERSAL)

Ein schwarzer Held unter Untoten, wie im Horrorklassiker „Night Of The Living Dead“. Doch während sich in George Romeros’ Film die weiße Mehrheitsgesellschaft in Zombies verwandelt, sind die Afroamerikaner in „Get Out“ keine wirklichen Untoten. Sie erscheinen nur ähnlich leblos, ihrer Identität beraubt, inmitten einer Vorstadthölle inklusive des ganzen Schreckens der weißen Mittelschichtskultur: Cordhosen, Rollkragen, Golf, Bingo, ausgestopfte Tiere und 80er-Jahre-Hits wie „Time Of My Life“.

Wachsam bleiben

Peeles brillante Gesellschaftssatire bezieht aus der verstörten Perspektive von Chris auf ein uniformes, pseudoliberales Milieu gleichermaßen Horror und Komik. Nervöse Subjektiven in der Kameraführung, geschicktes Timing in der Montage und ein experimenteller Soundtrack erzeugen Unbehagen im Alltäglichen.

Er hätte Obama auch ein drittes Mal gewählt, wenn das möglich gewesen wäre, sagt Roses Vater zu Chris. Als Comedian (und Co-Host der Show „Key & Peele“) und nun als Filmemacher beschäftigt Peele der Rassismus in einer angeblich „postrassistischen“ Gesellschaft, die einige mit der Wahl Obamas 2008 ausgerufen hatten. Da ist er nicht der Einzige. In seiner gefeierten Hip-Hop-Serie „Atlanta“ erzählt Donald Glover von ähnlichen Irritationen. Dass Peele in seinem Film nun den Song „Redbone“ von Childish Gambino (Glovers Musikerpseudonym) einsetzt, passt ins Bild: „Stay woke“ – bleibt wachsam, heißt es da, ein zentraler Slogan von „Black Lives Matter“. Im erstarkten weißen Nationalismus der Trump-Ära gilt der umso mehr. Und nicht nur als Horrorfantasie.

Trigger warning/Spoiler alert: Der Trailer von Get Out ist nicht nur gruselig, sondern verrät schon ziemlich viel von der Handlung

 

„Get Out“, USA 2017; Regie: Jordan Peele, mit Daniel Kaluuya, Allison Williams, Catherine Keener, Bradley Whitford, Caleb Landry Jones, Keith Standfield, Lil Rel Howery, 104 Minuten