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Franz Kafka (Foto: gemeinfrei)
Der junge Franz Kafka, um 1906 (Foto: gemeinfrei)

Es ist einer der berühmtesten ersten Sätze deutschsprachiger Literatur: "Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet." So beginnt "Der Prozess" von Franz Kafka, ein Roman, dessen Geschichte bereits in diesem ersten Satz enthalten ist. Kafka spinnt ihn weiter, diesen Satz, als sei er ein Faden, der zum Spinnennetz werden soll. Josef K., der tragische Held, wird sich darin verfangen.

Viel zu lange nämlich vertraut dieser K. auf das Gesetz als ein Recht, das ihm zusteht. Den Schilderungen Kafkas zufolge hat sich K. nichts zu Schulden kommen lassen. Deshalb bleibt er nach der ersten Aufregung gelassen. K. wird zunächst ohne konkrete Beschuldigung in seiner Mietwohnung verhaftet. Seine Häscher dürfen ihm nicht sagen, wofür sie ihn verhaften, und sie beteuern, den Grund auch gar nicht zu kennen. Sie seien einfach nur damit beauftragt, ihn zu verhaften.

Eine eigentlich mächtige Position

Das verärgert K. anfangs. Doch da er seinem Beruf weiterhin nachgehen darf – K. ist Prokurist einer Bank in einer nicht näher benannten Stadt –, lässt er die Dinge geschehen. Er besucht die erste Anhörung und muss dabei feststellen, dass das Gericht in einer heruntergekommenen Mietskaserne am Rande der Stadt tagt. Das Gesetz, das die Verhaftung K.s ermöglicht, so zeigt Kafka mit dieser Verortung, entstammt nicht der Mitte der Gesellschaft. Es wird K. aufgezwungen. Da K. nicht die Gründe seiner Verhaftung erfährt, macht das Gesetz sich unangreifbar.

 

Da er sich aber aufgrund seiner beruflichen Stellung in einer sicheren Situation wähnt, reagiert K. nicht auf die Situation. Wenn er handelt, so wählt er sich die falschen Verbündeten. Als er sich schließlich einen Advokaten zur Hilfe nimmt, muss er bald feststellen, dass dieser seiner Aufgabe nicht gerecht wird. Nicht einmal die grundlegende Aufgabe, nämlich K. als seinen Klienten über den Fall und die Umstände seiner Verhaftung zu befragen, absolviert dieser Anwalt. Zu spät stellt K. deshalb fest, dass ihm all seine Macht in diesem Fall nichts nützt. Selbst seine Bestechungsversuche scheitern.

Wie der Protagonist seines Romans lebte auch Kafka selbst in privilegierten Verhältnissen. Er wurde 1883 in Prag als Sohn einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie geboren. Mit nur 23 Jahren promovierte er in Jura. Bevor Kafka 1924 in einem Wiener Sanatorium starb, arbeitete er als Angestellter von Versicherungsgesellschaften. Seine erste öffentliche literarische Lesung hält er erst 1913 in Prag ab. Schon da macht seine Gesundheit ihm zu schaffen, und auch seine Liebesgeschichten verlaufen nicht glücklich.

Auch diese privaten Motive gilt es beim Lesen von "Der Prozess" in Erinnerung zu halten. Dennoch ist es vor allem die Geschichte eines undurchsichtigen Rechtssystems, das den Protagonisten K. hier unterdrückt. Am Ende wird gar das Urteil vollstreckt, K. in einem Steinbruch "rechtskräftig" erstochen.

Surrealer Albtraum

Franz Kafka erzählt mit "Der Prozess", 1925 erstmals veröffentlicht, demnach einen surrealen Albtraum. Aus seiner Zeit heraus liest sich das Buch wie eine Allegorie auf die Bürokratisierung der europäischen Gesellschaften. Gegen Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden die Sozial- und Rentenversicherungen eingeführt, beginnend mit dem vom deutschen Reichskanzler Otto von Bismarck verantworteten "Gesetz betreffend die Krankenversicherung der Arbeiter", das 1884 in Kraft trat. So sehr eine derartige Versicherung die Planbarkeit eines individuellen Lebens erhöhte, so vermehrte sie auch die Verwaltungsprozesse seitens des Staates. Gerade dieser Effekt der Bürokratie, die immer wieder undurchschaubar und damit zum Problem für den Staatsbürger werden kann, gehört zu den Grundmotiven in Kafkas Werk überhaupt. Es zieht sich durch den Roman "Das Schloss" ebenso wie durch "Die Strafkolonie", eine der bekanntesten Erzählungen des Autoren.

Vor diesem Hintergrund zeigt "Der Prozess" in schmerzhafter Deutlichkeit, welche Gefahren in einem blinden, technokratischen Vertrauen in das Recht lauern. Kein Recht ist vor den Menschen da. Das Recht wird immer von Menschen gemacht, ja, sie müssen es machen: Überlassen sie dieses Handeln nämlich den anderen, dann sind die Menschen auch gezwungen, sich dem Recht der anderen zu unterwerfen.

 

Franz Kafka: Der Prozess (Hamburger Lesehefte Verlag, 248 S., 3.10 €)

Christoph Braun (40) ist Soziologe und schreibt für Online- und Print-Medien über Pop-Kultur.