Auf ihrer Rucksackreise durch Mexiko hat Anne Fromm einen Stopp in der Oaxaca-Provinz im Süden des Landes fest eingeplant. Doch dann brechen dort soziale Proteste aus, andere Backpacker warnen vor einer Fahrt in die Krisenregion. Und auch in den anderen Landesteilen sind die Unruhen Dauerthema.

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Das war ihr irgendwie zu heiß: Den Plan einer Reise nach Oaxaca ließ die Autorin im Oktober 2006 lieber fallen (Foto: reuters)
Das war ihr irgendwie zu heiß: Den Plan einer Reise nach Oaxaca ließ die Autorin im Oktober 2006 lieber fallen (Foto: reuters)

Es ist ein ruhiger Samstagnachmittag im Sommer 2006 in San Cristóbal de las Casas, in Chiapas, dem südlichsten Bundesstaat von Mexiko. Ein paar Menschen sind unterwegs, nichts deutet darauf hin, dass es gleich hektisch werden könnte. Plötzlich kommt eine Gruppe bewaffneter Soldaten aus einer Seitenstraße gerannt. Tarnfarben, Helme auf dem Kopf, Maschinengewehr um den Oberkörper. Ihre schweren Stiefel trampeln über den Asphalt. Ich verstehe nicht, was los ist. Die Soldaten springen auf einen Lastwagen und rasen davon. Wie erstarrt sehe ich ihnen hinterher. Soldaten sind in diesen Wochen keine Ausnahme im Straßenbild dieser Gegend. Im benachbarten Bundesstaat herrscht de facto Ausnahmezustand.

Zusammen mit einer Freundin reise ich den Sommer über mit dem Rucksack durch Mexiko. Das Abi liegt ein Jahr zurück, es ist unsere erste große Reise. Die Route ist schon lange geplant, aber wir müssen sie ändern. Seit Mai protestieren im Bundesstaat Oaxaca die Lehrer für bessere Arbeitsbedingungen und eine höhere Bezahlung. Wochenlang halten sie die Innenstadt besetzt. Viele Menschen schließen sich ihnen an, bauen Barrikaden und liefern sich Straßenschlachten mit der Polizei. Es gibt Verletzte und schließlich Tote. All das erfahren wir aus den Fernsehern, die in jedem Taco-Laden laufen, aus der Zeitung und von anderen Backpackern, die aus Oaxaca zurückkehren.

Zeitgleich wählt Mexiko einen neuen Präsidenten. Mit einer hauchdünnen Mehrheit gewinnt der konservative Felipe Calderón. Sein linker Gegner zweifelt das Ergebnis an: Stimmzettel seien unterschlagen worden, Ergebnisse gefälscht, Bezirke falsch ausgezählt – die Spannungen, auch in Oaxaca, nehmen zu.

Heldengeschichten und Verschwörungstheorien

Egal wo wir in diesem Jahr hinfahren, die Mexikaner kennen kein anderes Thema. Mein Spanisch ist rudimentär, und mein Wissen über die mexikanische Politik ist es auch. Trotzdem stolpern wir von einer politischen Debatte in die nächste. Ein Mexikaner wittert hinter dem Wahlchaos den Einfluss der US-Amerikaner und sieht bald das ganze Land protestieren. Ein Europäer erzählt, wie er in Oaxaca Barrikaden gebaut und die Rundfunkanstalt mitbesetzt hat. Wahrheit, Heldengeschichten und Verschwörung liegen in diesen Wochen eng beieinander.

Eigentlich wollen wir unbedingt nach Oaxaca: Wandern in den Bergen, Baden im Pazifik, die Hauptstadt sehen. Aber die Grenzen zum Bundesstaat, so erzählen uns andere Reisende, seien dicht. Schließlich mehren sich die Warnungen so, dass wir es gar nicht erst versuchen. Im September fliege ich zurück nach Deutschland.

Anne Fromm, 27, ging nach ihrer Mexiko-Reise und einigen Jahren an der Uni auf die Deutsche Journalistenschule. Inzwischen arbeitet sie als Medienredakteurin für die taz.

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