cms-image-000038754.jpg

Ehevermittler (Foto: picture-alliance / akg-images)
Ehevermittler (Foto: picture-alliance / akg-images)

Arrangierte Ehen bringen wir gemeinhin mit anderen Kulturkreisen in Verbindung. Dabei ist es noch gar nicht so lange her, dass auch hierzulande die Eltern die Ehepartner ihrer Kinder aussuchten. Bis ins 20. Jahrhundert gab es auch in Deutschland arrangierte Hochzeiten. Als politisches Instrument zur Erhaltung der Monarchie zum Beispiel bis 1918. Solche Arrangements sind noch heute in vielen Königshäusern gängige Praxis. Und nicht nur dort: 60 Prozent aller Hochzeiten weltweit sind laut "Womankind" arrangiert. Zum Alltag gehören sie vor allem in Südasien, wo die Online-Heiratsvermittlung boomt wie nie zuvor, aber auch im Mittleren Osten sowie in einigen afrikanischen Ländern. Das Szenario: Die Eltern oder andere, meist ältere, Familienangehörige suchen dem Sohn oder der Tochter den Partner fürs Leben.

Hölle oder arrangiertes Glück?

Wenn wir hören, dass sich die Familien andernorts in das Beziehungsleben einmischen, schreien wir laut auf.

So wie Lucil aus Frankreich. "Ich will mein Leben verbringen, mit wem ich will", sagt sie. Demnächst heiratet sie, nach sieben Jahren Beziehung, einen Kanadier. Sie hat ihn auf einer Reise nach dem Abitur kennengelernt und führt seitdem eine Fernbeziehung zwischen Paris und Montréal. Was die Familie sagt, ist ihr egal.

cms-image-000038752.jpg

Afghanisches Brautpaar in Kabul. Die Hochzeit wurde, wie in Afghanistan üblich, von den Eltern des Paares arrangiert. | © picture-alliance / dpa (Foto: picture-alliance / dpa)
Afghanisches Brautpaar in Kabul. Die Hochzeit wurde, wie in Afghanistan üblich, von den Eltern des Paares arrangiert. (Foto: picture-alliance / dpa)

Aber das große Glück scheint auch nicht in jeder Liebesehe garantiert. Laut Eurostat werden in der EU zwar über zwei Millionen Ehen jährlich geschlossen, allerdings werden auch circa eine Million wieder geschieden.

Dennoch: Keine Selbstbestimmung bei der Partnerwahl – nicht mit uns! Das kann unmöglich glücklich machen, oder doch?

Viraj suchte lange nach der großen Liebe. Obwohl er aus Indien kommt, hatte er auch Freundinnen in Europa. Die Möglichkeit zur Liebesheirat hatte er – aber er konnte sie nicht nutzen. Heute ist er 32 Jahre alt, ledig und für den indischen Heiratsmarkt fast schon ein "Ladenhüter". Das Einzige, was ihn "attraktiv" macht, ist seine reiche Familie. Vor einer arrangierten Heirat mit einer Inderin aus der gleichen Kaste kann er sich nicht mehr drücken. Die Suche nach einer geeigneten Partnerin durch seine Eltern läuft auf Hochtouren, immerhin ist Viraj schon "uralt". Eine Frau hat er vorab schon getroffen, "aber sie interessierte sich nur für einen Mann, der ihre Ausgaben deckt. Außerdem war sie oberflächlich und dachte, die Welt besteht aus 5-Sterne-Hotels." Er lehnte ab. Trotz des ernüchternden Erlebnisses steht Viraj dem Konzept der arrangierten Ehe positiv gegenüber: "Unsere Eltern wollen nur das Beste und suchen jemanden aus, von dem sie denken, dass er oder sie gut zu einem passt. Verlieben können wir uns dann während der Ehe."

Auf der Suche nach dem perfekten Ehemann und der vollkommenen Ehefrau


cms-image-000038753.jpg

cms-image-000038753.jpg (Foto: picture alliance / Christoph Mohr)
(Foto: picture alliance / Christoph Mohr)

Wer der arrangierten Ehe von vornherein kritisch gegenübersteht, dem sei in Erinnerung gerufen, dass eine arrangierte Ehe nicht mit einer "Zwangsheirat" zu verwechseln ist. Inzwischen haben sich auch bei den traditionellen Arrangements liberale Formen entwickelt. Man geht sie in der Regel aus freiem Willen ein. Nur ist die Partnerwahl keine romantische Schicksalsbegegnung, sondern Kalkül. Man heiratet eben nicht dahin, "wo die Liebe hinfällt", sondern bekommt vorgegeben, wo die Liebe hinzufallen hat. Und das kann auch ungeahnte Vorteile haben: In Ghana, in Westafrika, verheiratete man taktisch über die Stammes- und Landesgrenzen hinweg, frei nach dem Motto: "Den eigenen Schwager bekriegt man nicht."

Bei der liberalen Form der arrangierten Ehe schauen die Familien bei der Suche nach potenziellen Kandidaten nicht nur auf die Religionszugehörigkeit, soziale Stellung, Bildung, Sprache, Wohnort, Alter und Größe. Sie achten auch auf die inneren Qualitäten: Wie verantwortungsvoll wird er als Ehemann sein? Wie liebevoll als Vater? Kann er eine Familie versorgen? Wie liebevoll wird sie als Ehefrau sein und wie fürsorglich als Mutter?

Also apropos Vorurteile: Sind Datingportale, die Partner mit ähnlichen Interessen vorschlagen, nicht auch irgendwie Pseudo-Familienersatz in der individualisierten Gesellschaft? Ist das nicht auch alles irgendwie arrangiert? Vielleicht brauchen auch wir ohnehin eine zweite, vernünftige Meinung.

Bleibt immer noch die Frage nach der Liebe, dem Glück und der Romantik. Suchen wir das alles doch gleich woanders, nämlich in uns selbst statt im anderen, und folgen Autorin Eva-Maria Zurhorst in ihrem Bestseller: "Liebe dich selbst und es ist egal, wen du heiratest." Klingt zumindest nach einem guten ersten Schritt – ob arrangiert oder nicht.

Rita Orschiedt ist Redakteurin bei fluter.de.