Das Musikvideo von 1990 ist legendär. „Strike a pose!“, raunt Madonna lasziv ihren Befehl – und die Backgroundtänzer gehorchen ihr aufs Wort. Mit jedem Beat des Songs werfen sie sich in eine neue Körperhaltung, jede einzelne angelehnt an die Posen der Models auf dem Laufsteg oder bei Fotoshootings für Modezeitschriften.

„Vogue“ – wie das Fashion-Magazin heißt auch der Madonna-Song, und sinnigerweise wird dieser höchst künstliche wie ausdrucksstarke Tanzstil ebenfalls Vogue oder Voguing genannt. Die Popdiva hat ihn allerdings keineswegs selbst erfunden. Sie hat ihn vielmehr aus New Yorks queerer Szene ins Rampenlicht geholt und ihm damit zur verdienten Breitenwirkung verholfen. Oder aber, wie Kritiker ihr vorwerfen, schamlos kommerzialisiert und für ihre eigenen Zwecke ausgebeutet.

Statt Madonnas Disconummer schallen im Tanzstudio „Motion’s“ in Berlin-Kreuzberg HipHop- und House-Tracks aus den Boxen. Den Rücken kerzengerade durchgestreckt, schreitet Helen Preis in exakter Linie durch den Probenraum, als stolziere sie auf einem Laufsteg. Mit jedem Schritt schiebt sie das Becken nach vorn. Ihre Hände und Arme vollführen dabei zackige, ineinander gleitende Körperhaltungen, bei denen man als Zuschauer fürchtet, sie könne sich die Schulter auskugeln. Als die in Berlin lebende Estin vor fünf Jahren im Internet auf Voguing-Videos stieß, war sie fasziniert von diesen strengen, fast rechtwinkligen Arm- und Beinbewegungen. So graziös und einfach sie auch erscheinen, sie erfordern äußerste Präzision und einiges an Sportlichkeit.

Von den Debatten um Madonnas „Vogue“-Videoclip und vom kulturellen Background hatte Helen anfänglich keinerlei Ahnung. Dass hinter Voguing mehr steckt als nur eine auf den ersten Blick etwas sonderbar anmutende Mischung aus Breakdance, Kampfkunst und Drama-Queen-Gesten, lernte sie erst einige Zeit später in einem Workshop eines Voguing-Veteranen.

Die Voguing-Vereinigungen sind auch eine Art Wahl- und Ersatzfamilie

Die Anfänge des Voguing reichen bis in die 1960er-Jahre zurück. Schwarze und Latinos wurden in weiten Teilen der USA unterdrückt und ausgeschlossen, in der Modebranche hatten sie kaum eine Chance. Die Schwulen, Lesben und Transgender unter ihnen waren nicht selten von ihren Familien verstoßen worden. Im New Yorker Stadtteil Harlem schufen sie sich daher eine ureigene Gegenwelt. Es entstanden Vereinigungen mit extravaganten Namen wie „House of Aviance“ und „House of LaBeija“. Sie sind einerseits eine Art Wahl- und Ersatzfamilie, die ihren Mitgliedern Heimat und Rückhalt bietet, und haben andererseits auch etwas von Sportmannschaften. Hier finden Wettkämpfe allerdings nicht im Stadion, sondern auf dem Catwalk statt.

Bis heute besteht die Tradition der eigens organisierten Bälle – da präsentiert sich jeder und jede so, wie er oder sie es im realen Leben vielleicht nicht darf oder kann. Endlich einmal Diva, Sexidol oder Femme fatale im extravaganten Designer-Outfit! Oder auch weltläufiger Businessman im maßgeschneiderten Anzug mit Aktentasche unterm Arm! Ganz gleich, mit welchem Geschlecht man geboren ist. Während es bei sogenannten Runway-Battles darum geht, möglichst authentisch in dieser selbstgewählten Rolle zu wirken, entscheidet eine Jury bei Dance-Battles über die kreativsten und besten Voguing-Tänzer.

Helen hat bereits an einigen dieser Ballroom-Events teilgenommen: in Berlin, in ihrem zeitweiligen Lebensmittelpunkt Helsinki, aber auch in New York, dem Zentrum der Voguing-Ballroom-Szene. Dort hat sie sich auf dem Runway so viel Respekt und Anerkennung erarbeitet, dass sie nunmehr sogar ganz offiziell Mitglied von „Ultra Omni“ ist, einem der ältesten New Yorker Häuser.

„Für eine weiße, heterosexuelle Europäerin klingt diese Sache mit den Häusern erst einmal ziemlich seltsam und abgefahren. Wenn man aber das Prinzip verstanden hat, weiß man es umso mehr zu schätzen“, sagt Helen. Es geht nicht nur allein darum, das Posing und die daraus entwickelten Tanzbewegungen zu perfektionieren, sondern sich auch freundschaftlich zu unterstützen.

Helen lebt mittlerweile in Berlin. Was sie in New York gelernt hat, gibt sie nun in einer Tanzschule weiter. Dass es diese Kurse gibt, dass hierzulande überhaupt eine Voguing- und Ballroom-Szene existiert, ist vor allem Georgina Philp alias Georgina „Leo“ Melody zu verdanken. Auch sie hat sich in New York vom Vogue-Fieber anstecken lassen und mit „House of Melody“ die erste Voguing-Crew-Community in Deutschland begründet.

Mic Oala gehört seit Anbeginn zur Crew, organisiert Kurse, aber auch Events wie das Festival „Berlin Voguing Out“ im kommenden Dezember. Und sie ist wie alle ihre Mitstreiter darum bemüht, den ursprünglichen „Spirit“ des in der queeren Szene wurzelnden Voguing zu bewahren. „Man muss vorsichtig sein, wie man sich der Kultur annimmt, mit ihr umgeht und sie verändert“, betont Mic. Vor allem die ältere Generation der US-Voguing-Heroen beobachte mit Argusaugen, was sich in Europa entwickelt.

Daher würden zu den großen europäischen Wettbewerben in London, Paris und Berlin stets auch New Yorker Altstars der Ballroom-Szene als Juroren eingeladen. Was sie insbesondere in Deutschland zu sehen bekämen, erstaune die sogenannten Legends bisweilen. Denn in den USA ist Voguing bis heute vor allem eine Sache der LGBT-Szene und von Schwulen und Transgendern dominiert, hierzulande stoßen hingegen immer mehr – lesbische wie heterosexuelle – Frauen zu dieser Szene. Viele von ihnen sehen Voguing als Gelegenheit, ungezwungen und im geschützten Rahmen aus sich herauszugehen, ganz anders sein zu können als in ihrem Alltag: ihre kerlige Seite auszuleben oder in High Heels die Schlampe zu geben.

„Voguing hat mich darin bestärkt, mich nicht in Kategorien packen zu lassen“, sagt die androgyne Solange und fährt sich ein wenig verlegen durch ihre blondierten kurzen Afrolocken. Geht sie bei einem Voguing-Ball über den Laufsteg, dann lebe sie ihre maskuline Seite aus, erzählt sie, „gleichzeitig habe ich dadurch gelernt, auch mehr meine Weiblichkeit anzunehmen“. Lange Zeit hat sie sich in der HipHop-Szene heimisch gefühlt. „Aber als ich vor kurzem wieder bei einem Battle war, hab ich’s nicht lange ausgehalten.“ Zu homophob, zu frauenfeindlich, zu rassistisch sei ihr das alles gewesen. Die Voguing-Szene erlebt sie hingegen ganz anders: „Hier kann jeder sein, wie er will, und ich hatte endlich mal das Gefühl, dass es hier nicht um Geschlecht, Sexualität, Rasse und Klasse geht“, erklärt Solange. Sondern darum, „wie gut man darin ist, etwas zu präsentieren, das man sich selbst ausgesucht hat“.

„Strike a pose“ singt Madonna, aber beim Voguing geht es keineswegs nur darum, Posen einzunehmen, sondern eben auch darum: selbstbewusst Haltung zu zeigen.