Für Punkt acht Uhr wurde ich in den „Hair & Beauty Care Salon“ an einer der Hauptstraßen Kathmandus bestellt, wo mir nun trotz meines Protests roter Nagellack und pink schimmernder Lidschatten aufgetragen werden, während draußen der Morgenverkehr tost. Eigentlich wollte ich mich nur entspannen in Nepal, beim Trekking und Meditieren, nun bin ich auf eine nepalesische Hochzeit eingeladen, und wenn die Braut schon in einen so großen goldroten Sari gewickelt wird, dass sie nun fast das Doppelte ihres Eigengewichts auf die Waage bringt, kann ich mich wenigstens schminken lassen.

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Zwei Stunden im Beautysalon und das strahlend schöne Ergebnis: Braut Maya, die einen Sari in den traditionellen Hochzeitsfarben Rot und Gold trägt (Foto: Simone Utler)
Zwei Stunden im Beautysalon und das strahlend schöne Ergebnis: Braut Maya, die einen Sari in den traditionellen Hochzeitsfarben Rot und Gold trägt (Foto: Simone Utler)

Eine Woche vor meinem Friseurbesuch hatte ich mitten im Touristenzentrum der Altstadt von Patan, an einem Stand mit einheimischem Fingerfood, Rabeena* kennengelernt. Sie ist 22, lebt in Lalitpur (so der offizielle Name von Patan), studiert Wirtschaft und arbeitet nebenbei in einem Schmuckladen. Spontan lud sie mich auf eine Portion Pani Puri ein, eine lokale Speise aus Kartoffelpüree und kalter Brühe in einem hauchdünnen Knusperteig, und schließlich zur Hochzeit ihrer Cousine Maya.

Noch im Schönheitssalon werde ich über die besonderen Umstände der Feier in Kenntnis gesetzt: „Die beiden haben sich erst vor fünf Tagen zum ersten Mal persönlich getroffen“, sagt Rabeena. Und ergänzt: „Sie leben beide im Ausland. Maya arbeitet in Hongkong, Sonam in Katar. Sie haben sich über Facebook kennengelernt.“

Maya und Sonam wirken sehr angespannt, als sie sich später am Ort der Hochzeitsfeier treffen, einem roten Backsteingebäude, das Tempel, Gemeindezentrum und Party-Location in einem ist. „Wir haben 21 Monate lang geschrieben und gechattet“, erzählt er mir. „Dann haben wir uns entschieden zu heiraten. Die Familien wurden informiert, die Eltern trafen sich in Nepal zum Kennenlernen und organisierten alles Weitere.“

Was mir fremd erscheint, ist in Nepal keine Seltenheit: Zum einen sind Liebesheiraten dort auch heute noch die Ausnahme. Etwa 72 Prozent der Ehen werden nach einer Studie von „World Vision International Nepal“, „Save the Children“ und „Plan Nepal“, die 649 Beispielhaushalte aus ganz Nepal untersucht haben, arrangiert. Zum anderen wird das Internet als Kontakt- und Kommunikationsplattform wichtiger, weil inzwischen etwa sechs Millionen Nepalesen – etwa ein Fünftel der Gesamtbevölkerung – im Ausland arbeiten. Für viele von ihnen gibt es kaum eine andere Möglichkeit, die Familie zu ernähren und den Kindern eine Ausbildung zu ermöglichen. Nepal ist das ärmste Land Südasiens: Die Arbeitslosenrate liegt bei rund 46 Prozent, das jährliche Bruttoinlandsprodukt pro Kopf beträgt etwa 700 US-Dollar.

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Wenn der Bräutigam mitsamt seiner Familie und Freunden eintrifft, ist das Hochzeitsspektakel eröffnet (Foto: Simone Utler)
Wenn der Bräutigam mitsamt seiner Familie und Freunden eintrifft, ist das Hochzeitsspektakel eröffnet (Foto: Simone Utler)

Auch auf der Hochzeit ist die wirtschaftliche Misere ein Thema und der Emigrationsdruck spürbar: So ist Mayas Mutter gar nicht da. Sie arbeitet als Köchin in Hongkong und hat für die Hochzeit ihrer Tochter keinen Urlaub bekommen.

Auf den Baustellen in Katar sind schon Hunderte von Nepalesen gestorben

Die Zeremonie findet im ersten Stock im Tempelraum statt. Der Priester, in Jeans und einen schwarzen Blouson gekleidet, hat alle Utensilien aufgebaut, die für die Feier gebraucht werden: Glocken, Blumen, Wassergläser, rote Farbe und jede Menge Blüten. Mittendrin sitzt das Brautpaar und hat die nächsten Stunden gut zu tun. Es muss beten, Rauch schwenken, Wasser verspritzen, Blumen streuen und sich die Hände bemalen lassen. So will es das traditionelle Hochzeitszeremoniell.

Die Gäste schauen immer mal für eine Weile zu, dann gehen sie wieder in den Hof, essen, trinken ein Glas braunen Schnaps und tanzen zu Hindi-Pop, gern auch mit mir. Als europäischer Gast bin ich eine Attraktion, und vor allem die jüngeren Gäste nutzen die Gelegenheit, Englisch zu üben und mir von ihrem Leben zu berichten. Vom Smog, der Stromknappheit, den gestiegenen Benzinpreisen und von den fehlenden Jobperspektiven. Allein 2012 verließen laut Nepals Ministerium für Auslandsarbeit rund eine halbe Million Männer und Frauen das Land. Katar, Malaysia, Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate und Kuwait, das sind die häufigsten Ziele der Arbeitsmigranten. Die vielen Nepalesen, die in Indien als Fahrer und Hausangestellte arbeiten, sind in diesen offiziellen Zahlen noch gar nicht enthalten. Die Grenzen nach Indien sind offen, die Arbeitsmigration ins Nachbarland wurde bislang nicht genau dokumentiert.

Doch nicht immer bringt der Weg ins Ausland die erhoffte Wendung. Viele Nepalesen sind – wenn überhaupt – nur wenige Jahre zur Schule gegangen, verstehen und sprechen kein Englisch und sind so betrügerischen Vermittlungsagenturen oder Arbeitgebern hilflos ausgeliefert. In der Folge fristen sie im Ausland oft ein Leben wie Sklaven. So sorgt seit einigen Monaten der Bau der Stadien für die Fußball-WM in Katar für Negativschlagzeilen. Fast 400 Nepalesen kamen dort laut einem Bericht des „Guardian“ bei den Arbeiten ums Leben, allein in den Jahren 2012 und 2013.

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Nach langer Abwesenheit wieder die heimische Tradition aufnehmen: Braut und Bräutigam müssen beten, Rauch schwenken, Wasser verspritzen, Blumen streuen und sich die Hände bemalen lassen (Foto: Simone Utler)
Nach langer Abwesenheit wieder die heimische Tradition aufnehmen: Braut und Bräutigam müssen beten, Rauch schwenken, Wasser verspritzen, Blumen streuen und sich die Hände bemalen lassen (Foto: Simone Utler)

Die große Mehrheit der Arbeitsmigranten leidet eher seelisch: Sie belastet vor allem die Trennung von ihrer Familie. Am traurigsten wirkt auf der Hochzeitsfeier Rabeenas Mutter Sageeta. Sie arbeitet seit drei Jahren in Hongkong und sieht ihre Familie seitdem zum ersten Mal. „Die ersten acht, neun Monate habe ich nur geweint, weil ich meine Kinder so vermisst habe und wir nicht sprechen konnten“, erzählt Sageeta. Inzwischen sind sie über Facebook verbunden wie fast alle Menschen, die ich in Nepal kennengelernt habe.

Sageeta arbeitet in Hongkong, weil sie in Nepal keinen Job gefunden hat, aber ihrer Tochter und ihrem Sohn ein Studium ermöglichen will. Und weil ihr Mann ausgefallen ist. Rabeenas Vater Bishnu hatte in Saudi-Arabien gearbeitet, als Schreiner, Elektriker, Klempner, eben Mann für alles. „Doch dann habe ich Rückenprobleme bekommen und konnte nicht mehr arbeiten“, sagt Bishnu. Seine Frau übernahm die Rolle der Ernährerin. Zuerst arbeitete sie als Au-pair und verdiente im Monat 2500 Hongkong-Dollar, nach aktuellem Wechselkurs etwa 230 Euro. Jetzt kocht sie in einem Restaurant italienische und nepalesische Speisen und verdient gut das Doppelte. Doch wenn Unterkunft, Transport und Essen in Hongkong gezahlt sind, bleibt nicht viel für die Familie übrig.

Am Ende des Hochzeitstages muss die Braut weinen, das verlangt die Tradition

Sogar der Bräutigam will über seine Probleme sprechen. Etwa darüber, dass er noch nicht weiß, wie seine nahe Zukunft mit seiner Frau aussehen wird: „Ich habe ein Visum für Katar, aber wir möchten lieber nach Hongkong gehen und versuchen nun, eine Aufenthaltserlaubnis für mich zu bekommen.“ Warum er nicht mehr nach Katar möchte, sagt Sonam nicht. Seit zehn Jahren arbeitet er dort, zurzeit im Büro einer nach seiner Aussage soliden Baufirma. Er verdiene auch gut. Sein Ziel ist ein eigenes Haus in Nepal. „Ein Grundstück habe ich schon gekauft“, sagt er.

Über Mayas Lebensträume kann ich an diesem Tag nichts erfahren. Sie lässt lieber ihren Mann sprechen. Ihre Pflicht des Tages erfüllt Maya jedenfalls sehr gut: Von der Braut verlangt die Tradition, dass sie am Ende der Hochzeitsfeier weint. Viel und laut. Und das tut sie dann auch.

* Aus Rücksicht auf die Familien wurden alle Namen von der Redaktion geändert

Simone Utler ist beruflich und privat in aller Welt unterwegs und lässt sich gern auf spontane Einladungen ein. In Nepal hat ihr das diese Hochzeitsfeier beschert, aber auch eine der schlimmsten Nächte all ihrer Reisen: Das spendierte Fingerfood Pani Puri ist ihrem Magen nämlich überhaupt nicht bekommen.