Shoba freut sich, dass sie für ihr zweitgeborenes Kind eine Babymütze und eine Decke hat. So kann sie wenigstens den Säugling vor den eisigen Temperaturen der Januarnächte schützen. Shoba selbst trägt Flipflops, ihr zweijähriger Sohn läuft barfuß. Die 31-Jährige ist froh, dass sie und ihre Familie von einer Hilfsorganisation eine Holzhütte als provisorische Unterkunft bekommen haben. Dankbar, dass sie die schweren Erdbeben im Frühjahr 2015 überlebt haben.

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Nach dem schweren Erdbeben sitzt eine nepalesische Frau zwischen den Trümmern ihres Dorfes (Foto: DANIEL BEREHULAK/NYT/Redux/laif)
Im April und Mai 2015 bebte die nepalesische Erde, im Januar 2016 sitzt diese Frau im Dorf Sankhu immer noch auf den Trümmern ihrer früheren Existenz (Foto: DANIEL BEREHULAK/NYT/Redux/laif)

Shoba lebt in dem kleinen Dorf Ghyalchowk im Distrikt Gorkha, nordwestlich von Kathmandu in den Bergen. Ganz in der Nähe lag das Epizentrum des Bebens, das am 25. April 2015 mit einer Stärke von 7,8 das Land erschütterte. Knapp ein Dutzend Menschen kamen in Ghyalchowk ums Leben, ein Großteil der Häuser wurde damals zerstört, das Vieh wurde von den Trümmern erschlagen. Landesweit starben bei den beiden Beben am 25. April und 12. Mai 2015 den Vereinten Nationen (UN) zufolge fast 9.000 Menschen. Mehr als 600.000 Häuser wurden laut UN Office for the Coordination of Humanitarian Affairs (OCHA) zerstört, fast 290.000 beschädigt.

"Heute geht es den Menschen fast noch schlechter als unmittelbar nach dem Erdbeben"

Die Situation im Land ist nach wie vor katastrophal. In vielen Dörfern des kleinen Himalaya-Staates sieht es knapp ein Jahr nach den Erdbeben so aus wie in Ghyalchowk: Vor allem in den Distrikten Sindhupalchok und Nuwakot sind viele Dörfer komplett verschwunden – erst durch die Beben, dann durch Erdrutsche, die der Monsun im vergangenen Sommer mit sich brachte. Jetzt kämpfen die Menschen gegen die Widrigkeiten des Winters. Sie hausen unter Planen oder Wellblech, haben keine Heizungen, verfeuern Holz und leiden unter Atemwegsinfektionen.

„Heute geht es den Menschen fast noch schlechter als unmittelbar nach dem Erdbeben“, sagt Gereon Wagener, Vorstandsvorsitzender der BONO-Direkthilfe. Er lebte sieben Jahre in Nepal und arbeitet seit über 15 Jahren eng mit mehreren nepalesischen Hilfsorganisationen zusammen. Gerade hat er sich ein Bild von der Lage vor Ort und dem Hilfsbedarf gemacht, besuchte unter anderem Ghyalchowk. „Die staatliche Hilfe existiert noch immer fast ausschließlich auf dem Papier und hat viele Menschen – vor allem in abgelegenen Regionen – bis heute nicht erreicht“, berichtet Wagener. Ihn und andere NGO-Leute überrascht das nicht: Zum einen sind viele nepalesische Regionen aufgrund schlechter Straßen und ihrer abgeschiedenen Lage schon vor dem Erdbeben schwer zu erreichen gewesen. Zum anderen ist die Regierung des Landes nach Einschätzung vieler professioneller Helfer mit der Situation schlicht überfordert. „Ohne die Arbeit der Nichtregierungsorganisationen würden die meisten Menschen vermutlich überhaupt nichts von der internationalen Hilfe mitbekommen.“ Seine Partner beispielsweise nutzten Spenden für den Kauf von Wellblech, Planen, Schlafsäcken, Ziegen und Hühnern und brachten sie mit Lkw, Privatwagen und der Muskelkraft von Trägern in stundenlangen Märschen in die Dörfer.

"Während sich korrupte Politiker und Geschäftsleute bereichern, werden die ärmeren Bevölkerungsschichten noch ärmer."

Eine monatelange Blockade der Grenze zu Indien durch Angehörige der ethnischen Minderheiten der Tharu und Madhesi, die damit gegen eine Verfassungsänderung demonstrierten, hat die Situation weiter verschärft: Die gesamte Wareneinfuhr stockte, Gas und Lebensmittel wurden Mangelware. Der Schwarzmarkt blühte auf und trieb die Preise für Güter des täglichen Gebrauchs in astronomische Höhen. „Das führt zu einer Verschärfung der ohnehin bereits gewaltigen sozialen Ungerechtigkeit in Nepal“, sagt Wagener. „Während sich korrupte Politiker und Geschäftsleute bereichern, werden die ärmeren Bevölkerungsschichten noch ärmer.“

Auch den Hilfsorganisationen hat die Ende September errichtete Blockade große Probleme bereitet. „Wegen des Benzinmangels konnten wir kaum ins Projektgebiet fahren, geschweige denn Material dorthin schaffen“, berichtet Steffen Rolke, Leiter der Projektkoordination bei Ingenieure ohne Grenzen (IoG). „Baumaterialien und Produktionsmittel hingen fest, niemand konnte Aussagen über Verfügbarkeit und Preise machen. Experten saßen vor Ort fest und scharrten mit den Füßen.“ Nun gibt es Hoffnung: Am 6. Februar durften erstmals wieder Lastwagen die Grenze passieren.

"Die Menschen auf dem Land sind meist Selbstversorger und haben wenig Reserven."

Langsam läuft der Wiederaufbau an. „In den meisten Gemeinden haben die Menschen bis Ende 2015 die Trümmer aufgeräumt und die noch nutzbaren Materialien sortiert“, berichtet Rolke von seinen Projektreisen. Ingenieure ohne Grenzen hat unmittelbar nach den Beben mit einem nepalesischen Partner Notunterkünfte errichtet und organisiert jetzt den Bau von 87 erdbebensicheren Häusern in einem Dorf im Distrikt Dhading.

Die Menschen dort leben traditionell in zweistöckigen Häusern aus Stein, wollen aber zumeist nicht wieder in solche Gebäude ziehen. „Viele haben Angst vor einem erneuten Beben“, sagt Rolke. Zahlreiche Nepalesen seien noch schwer traumatisiert. „Menschen, die beim Beben in Gebäuden waren oder Nachbarn oder Familie verloren haben, müssen das erst noch verarbeiten.“ Hinzu kämen ökonomische Sorgen: „Die Menschen auf dem Land sind meist Selbstversorger und haben wenig Reserven.“

"Verhindern, dass Kinder auf den Baustellen arbeiten"

In den meisten nepalesischen Dörfern begegnen die Helfer außerdem einer besonderen sozialen Herausforderung: Da die Arbeitslosigkeit in der Heimat so hoch ist und Bauern oft nur ein kleines Stück Land besitzen, arbeiten viele Nepalesen im Ausland. Zurück bleiben alte Menschen, Kinder und meist die Frauen. „Da wir viele frauengeführte Haushalte haben, ist es wichtig, dass die Gemeinde zusammenarbeitet“, sagt Rolke. Außerdem will Ingenieure ohne Grenzen verhindern, dass Kinder auf den Baustellen arbeiten.

Für Touristen ist in Kathmandu weitgehend Normalität eingekehrt. In den Läden sind die Regale wieder gefüllt, Restaurants haben ihre Speisekarten abgedeckt, Hotels stehen für Gäste bereit. Aber auch viel Elend hat Einzug erhalten: Es gibt mehrere Lager, in denen jene hängen geblieben sind, die alles verloren haben. „Das sind überwiegend Menschen aus Dörfern nördlich von Kathmandu, die nicht zurück wollen und können, weil dort nichts mehr ist“, sagt Wagener und äußert eine Befürchtung: „Hier könnten weitere Slums entstehen.“ Allein in einem großen Lager in Boudha leben seinen Schätzungen zufolge 75 Familien mit jeweils fünf bis sechs Kindern – unter katastrophalen sanitären Bedingungen.

Umso beeindruckender ist für Wagener, wie die Nepalesen mit all der Not und sozialen Ungerechtigkeit umgehen: „Sie tragen ihr Leid mit einer Gelassenheit, einer Freundlichkeit und einer Würde, die mich beschämt.“ Die Menschen in Nepal seien unendlich freundlich, lächelten viel und freuten sich, wenn man komme – ganz so wie vor der Katastrophe.