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„Politik ist mir egal, ich wollte einfach frei sein“

In mehr als der Hälfte der afrikanischen Länder sind homosexuelle Handlungen strafbar. Botswana zählt nicht mehr dazu – dank dem Lehrer Letsweletse Motshidiemang. Unser Autor hat ihn in Wien getroffen

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Letsweletse Motshidiemang

fluter.de: Letsweletse, wir treffen uns in Wien, wo du als Speaker auf der „Youth Human Rights Defenders Conference“ warst. Worüber hast du gesprochen?

Letsweletse Motshidiemang: Über meinen Prozess gegen den Staat Botswana und dass ich mir währenddessen mehr Unterstützung der LGBTIQ+-Community vor Ort gewünscht hätte. Mein Appell an andere Menschenrechtsaktivisten war: Handelt jetzt, und handelt allein, wenn ihr keine Unterstützung habt. Habt keine Angst, ihr könnt gewinnen.

Wie kam es, dass du gegen die botswanische Regierung geklagt hast?

Vor 2019 waren homosexuelle Handlungen in Botswana verboten. Ich bin ein schwuler Mann und wollte nicht die ganze Zeit auf mich aufpassen müssen oder Angst haben, nur weil ich gerade mit meinem Partner zusammen bin. Politik ist mir ziemlich egal, ich wollte einfach frei sein in meinem Land. Also habe ich mich 2016 an einen Anwalt gewandt. Ich war 21, hatte kein Geld. Aber er hat mir zugehört und meinen Fall übernommen.

In ihrem Urteil erklärten die obersten Richter/-innen die geltenden Strafgesetze zur „Unzucht“, die bis zu sieben Jahre Gefängnis vorsahen, für verfassungswidrig. Sie stammten noch aus der Zeit, als Botswana britische Kolonie war. „Die sexuelle Ausrichtung ist keine Modeerscheinung“, erklärte das Gericht. „Sie ist dem Menschen angeboren.“

Du bist als Kläger lange anonym geblieben. Warum?

Ich war mir nicht sicher, ob ich dem Druck von Freunden und der Öffentlichkeit standhalten würde. Es hat knapp zwei Jahre gedauert, bis mir klar wurde: Ich tue doch das Richtige. Das kann andere motivieren, ebenfalls das Richtige zu tun. Die Leute sollen wissen, wer ich bin.

Wie waren die Reaktionen?

Meine Eltern haben mich immer unterstützt. Sie wollen, dass ich mein Leben so lebe, wie ich will. Was in den sozialen Medien passiert, habe ich nie wirklich verfolgt. Ich habe nicht über den Fall gepostet oder die Regierung öffentlich kritisiert. Ich wollte das vor Gericht klären. Damals war ich noch Student und wollte Lehrer werden. Mein Anwalt hat früh gewarnt, dass ich den Job mit einer Klage riskiere, weil die Regierung oder andere Organisationen verhindern könnten, dass ich eine Anstellung als Lehrer bekomme.

Hat sich seine Warnung bewahrheitet?

Überraschenderweise: nein. Früher habe ich an einer privaten Schule unterrichtet. Da wurde mein Vertrag irgendwann gekündigt. Möglicherweise, weil sie gegen meine sexuelle Orientierung waren oder wussten, dass ich die Regierung verklage. Aber das weiß ich nicht. Ich arbeite seitdem an staatlichen Schulen. Die Botswaner sind tolerant, auch wenn es immer noch einige gibt, die sich schwertun, Homosexualität zu akzeptieren.

2022 befragte das Meinungsforschungsinstitut Afrobarometer 1.200 erwachsene Botswaner/-innen. Unter anderem dazu, ob sie gerne Homosexuelle in der Nachbarschaft hätten. Knapp 40 Prozent sagten, sie hätte eine „starke Abneigung“ dagegen, knapp 14 Prozent waren „abgeneigt“. 35,5 Prozent gaben an, es sei ihnen egal. Rund 10 Prozent fänden das positiv.

Präsident Mokgweetsi Masisi sagte schon im Jahr vor dem Urteil, viele Botswaner in gleichgeschlechtlichen Beziehungen seien verletzt worden und hätten im Stillen gelitten. „Genau wie andere Bürgerinnen und Bürger verdienen sie es, dass ihre Rechte geschützt werden.“ Als der Oberste Gerichtshof Homosexualität 2019 entkriminalisierte, legte die Regierung trotzdem Berufung ein. Sie argumentierte, dass es keine Beweise gebe, dass sich die Einstellung der Bevölkerung gegenüber Homosexualität geändert habe, und das Gesetz daher weiter gelten sollte.

Ich habe diesen Einwand nie verstanden. Als mich 2019 mein Anwalt auf dem Weg zur Arbeit anrief und mir sagte: „Wir haben gewonnen!“, habe ich geweint. Ich habe alleine gefeiert, bin nicht einmal auf einer Party gewesen. Und als ich gehört habe, dass die Regierung gegen das Urteil Berufung einlegt, habe ich noch mal geweint. Ich konnte nicht anders mit meinen Emotionen umgehen.

2021 bestätigte das Oberste Gericht schließlich seine Entscheidung – fünf Jahre nachdem die Klage eingebracht wurde.

Ich kann diesen Erfolg bis heute nicht wirklich feiern. Wie wichtig dieses Urteil ist, wird mir immer erst wieder klar, wenn ich Interviews wie dieses gebe oder auf internationale Konferenzen eingeladen werde. Ohne meine Anwälte wäre ich heute nicht, wo ich bin.

Auch UNAIDS, das UN-Programm zur Aids-Bekämpfung, lobte das Urteil: Die Kriminalisierung und Stigmatisierung von Homosexualität führe dazu, dass HIV-Präventions-, Test- und Behandlungsstellen nicht in Anspruch genommen werden. Botswana hat eine der höchsten HIV-Infektionsraten der Welt. Nach Angaben von UNAIDS hat jeder fünfte Erwachsene im Land das Virus.

Was ist seit der Bestätigung des Urteils passiert in Botswana?

Ich finde, die Leute posten noch freier auf Social Media. Und die Politik kümmert sich um andere Themen. Es gibt eine große LGBTIQ+-Organisation in Botswana, LEGABIBO. Aber ich bin nicht wirklich vernetzt mit anderen Aktivist:innen. Meine Hoffnung ist: Irgendwann werden alle Homosexualität akzeptieren. Weißt du, ich bin froh, in Botswana zu leben, es ist ein friedliches Land.

Titelbild: Benjamin Breitegger

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