fluter.de: Ihr Buch heißt „Der Aufstieg des Mittelfingers“. Welche Beleidigung ist Ihnen 2017 besonders in Erinnerung geblieben?

Jan Skudlarek: Trumps Tweets zu Kim Jong-un. Da schrieb er etwa, Kim Jong-un nenne ihn einen alten Mann, er selbst würde ihn aber niemals als klein und fett bezeichnen. Dieses „Ich würde niemals“, das ist Mittelstufen-Humor. Wie: „Wär’s schlimm, wenn ich dich einen Arsch nennen würde?“

Auf internationaler Ebene in einem potenziell atomaren Konfliktszenario sollten solche Beleidigungen historisch eher einmalig sein.

Klar, da bleibt einem schon das Lachen im Halse stecken. Als peinlicher, großmäuliger VIP, der Trump lange war, konnte er machen, was er will, jetzt als Präsident (eigentlich) nicht mehr.

Verschiebt Trump mit solchen Tweets die Grenzen dessen, was man sagen kann und was nicht?

Sicherlich. Er hat Maßstäbe revolutioniert und den westlichen Populismus radikalisiert, indem er vulgär, widerlich, respektlos gegenüber Minderheiten, Frauen und Behinderten gesprochen und auch gelogen hat. Das ist auch ein moralischer Wertemaßstab, an dem wir Politiker messen. Wir müssen denen ja vertrauen. Trump hat das Beleidigen und Lügen professionalisiert und sich nicht beeindrucken lassen, wenn er überführt wurde. So hat er den Diskurs verändert. Populisten versuchen das Sagbare zu verschieben, um ihre eigenen Schwerpunkte durchzudrücken.

In Deutschland wurde 2017 oft gewählt, auf Landes- und auf Bundesebene. Konnte man das auch hier beobachten?

Wir sind lange noch nicht so weit wie in den USA, aber wir haben mit der AfD eine Partei, die das übernimmt – das Grenzenüberschreiten und gezielte Provozieren. Ein gutes Mittel, um medial eine große Welle zu machen. Wenn Alexander Gauland die Integrationsbeauftragte Aydan Özoguz nach Anatolien entsorgen will, ist der Eklat strategisch gewollt und ein bewusster Teil der PR. Deshalb wird uns das Thema Beleidigungen auch 2018 begleiten.

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Der Aufstieg des Mittelfingers
Jan Skudlarek: Der Aufstieg des Mittelfingers. Warum die Beleidigung heute zum guten Ton gehört. Rororo, Reinbek 2017, 256 Seiten, 9,90 Euro
 

Haben wir als Gesellschaft verlernt, über Sachthemen zu diskutieren, wenn wir uns so viel beleidigen?

Scheint so. Theoretisch könnte man auch auf einer Sachebene beleidigen, aber grundsätzlich sind Beleidigungen eher auf einer Beziehungsebene. Eine Aberkennung von Respekt, ein Mittelfinger, ein Fick-dich, das heißen soll: Ich nehm dich nicht ernst, ich lehne dich ab. Danach lässt es sich schwer inhaltlich weiterreden. Wir müssen schon aufpassen, dass wir uns nicht nur noch hasserfüllt gegenüberstehen. Aus dem Miteinander-Reden besteht ja die Demokratie.

Könnte das allgegenwärtige Beleidigen auch damit zusammenhängen, dass die Gesellschaft empfindlicher geworden ist?

Nein, auch wenn man schon schauen muss, dass man es den Populisten nicht zu leicht macht, indem man über jedes Stöckchen springt, das die hinhalten. Natürlich gibt es eine neue Bereitschaft, über Sprache und ihre Wirkung nachzudenken. Das hat aber nicht notwendigerweise etwas mit Überempfindlichkeit zu tun. Es ist doch ein klarer Fortschritt, dass wir zum Beispiel das N-Wort nicht mehr verwenden.

 

Clint Eastwood sieht das anders. Er spricht von einer Pussy-Generation.

Das kann ich so nicht teilen. Vielleicht wird manchmal übertrieben. Bisweilen nimmt man auch Kleinigkeiten zu ernst. Aber wichtig ist, dass man sich über Sprache Gedanken macht. Wörter sind nie egal.

Ihr Buch finde ich übrigens ein schnarchlangweiliges, oberflächliches, windschief argumentierendes, eilig zusammengeschwitztes, mit seinen knapp 250 Seiten viel zu langes Buch, das ich bei der Weihnachtsfeier dem Kollegen beim Wichteln geschenkt habe, den ich am allerwenigsten mag.

Aha.

Entschuldigung, das war nur ein Test. Stimmt natürlich nicht. Ganz schön schwierig, jemandem so etwas ins Gesicht zu sagen.

Das ist ein wichtiger Punkt. Die Eskalation der Sprache ist weniger eine Eskalation der direkten Sprache. Hate Speech, Hass, Rassismus finden sehr stark in den sozialen Medien statt, wo man sich eben nicht gegenübersitzt, in die Augen schaut und als Menschen wahrnimmt. In echt fällt das nicht so leicht, nicht nur aus Angst vor körperlicher Gewalt. Dass wir uns als Menschen körperlich wahrnehmen, ist ganz wichtig. Super, dass wir telefonieren können, über soziale Netzwerke kommunizieren können, aber wir verlieren das Gefühl für die körperliche Mitmenschlichkeit. Zum Mensch-Sein gehört das Körper-Sein dazu.

Die Konjunktur der Beleidigung hat also auch mit der Entkörperlichung der Kommunikation zu tun?

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Jan Skudlarek (Foto: Dirk Skiba)
Jan Skudlarek ist promovierter Philosoph, preisgekrönter Lyriker und passionierter Kneipengänger. (Foto: Dirk Skiba)

Absolut. Entkörperte Kommunikation ist ein riesiger Gewinn für die Menschheit, aber auch Neuland. Historisch normal ist, dass man sich gegenübersitzt und miteinander spricht. Die Pluralisierung und Demokratisierung der Kommunikation ist ja ein paar Jahrzehnte alt. Und da sind wir gerade in einer gesellschaftlichen Lernphase.

Was kann man gegen die Welle der Beleidigungen machen – vor allem, wenn sie im Netz stattfindet?

Die politischen Extremisten erreicht man nicht. Selbst nach einem Messerattentat auf ihn hat Andreas Hollstein, der Bürgermeister von Altena, noch wüste Beleidigungen bekommen – so à la: Schade, dass du nicht abgekratzt bist. Bei den Gemäßigteren heißt es immer: versuchen, vernünftig und sachlich mit ihnen zu reden. Ihre Sorgen ernst zu nehmen. Wenn die Sorge aber rassistisch ist, dann nehme ich die nicht ernst. Das geht halt nicht klar. Wir können uns streiten – aber ohne dass wir andere Menschen abwerten und uns gegenseitig verbal an die Gurgel gehen.

Seit Oktober ist das Netzwerkdurchsetzungsgesetz gegen Hasskriminalität in Kraft. Könnte das etwas bewirken?

Ich denke schon. Viele Plattformen nehmen sich nur als Plattformen wahr. Facebook etwa. Die sagen, sie hätten mit den Inhalten ja gar nichts zu tun, sie stellen ja nur die Technik hin. Dann gibt es noch Gemeinschaftsstandards, um die kümmert sich keiner so recht. Atemberaubend schlimme Sachen fallen unter die Facebook-Meinungsfreiheit, die nichts mit unserer Meinungsfreiheit in Deutschland zu tun haben. Aber die nationalen Gesetze lassen sich in den Netzwerken schwer durchsetzen. Bisher. Als erster Schritt ist das NetzDG wichtig.

Und wenn ich selbst was tun möchte?

Es gibt auch bürgerliche Formen der Gegenrede, des positiven Widerstands. Die Gruppe #ichbinhier etwa. In Kommentarspalten schreiben sie sachliche Beiträge zu brisanten Themen, deeskalieren, klären auf. Die Mitglieder vertreten ihre persönliche Meinung möglichst sachlich und höflich. Das machen die Bürger selbst, nicht der Gesetzgeber oder Facebook. Den Hetzern entgegenzuwirken ist jedenfalls wichtig, ob nun strukturell oder inhaltlich. Wir dürfen uns nicht spalten lassen. Wer sagt, dass wir keinen neuen NSU kriegen, wenn diese sprachliche, ideologische Radikalisierung weitergeht? Oder einen deutschen Breivik? Die rechtsextreme „Gruppe Freital“ steht momentan vor Gericht. Die Gefahr kommt natürlich nicht nur von rechts. Aber es gibt im Augenblick kein linkspolitisches Äquivalent, das Menschen und Menschengruppen so massiv abwertet – und auch systematisch angreift.

 

Titelbild: Jan Q. Maschinski