8.15 Uhr - Der Mantel

Wir frühstücken, als ich Nicki beichte, dass ich letzte Nacht sogar von dem Mantel geträumt habe. Da stand dieses Paket vor der Tür, ich mache es auf, nehme das kamelfarbene Wunder heraus, streiche über die feine Wolle, schlüpfe hinein. Er ist all das, was man von einem Mantel erwarten kann. Ich will ihn. Nein, ich muss ihn haben.

Es sind jetzt acht Wochen, in denen ich versuche, diesen Mantel nicht zu kaufen. Denn er kostet mehr als meine Monatsmiete.

„O Mann“, sagt Nicki. „Was ist nur aus meiner kleinen Konsumkritikerin geworden?“ Ja, was ist nur aus mir geworden? Ich klinge wie besessen. Sonst gebe ich nicht so viel auf Mode. Ich trage zum Beispiel seit Jahren immer dieselbe Jeans, sie passt, ist gemütlich und hält warm. Kostet 40 Euro. Wenn ich sie durchgetragen habe, bestelle ich mir dasselbe Modell wieder. Warum also diese Besessenheit für einen Mantel?

Kurzfassung: Der Algorithmus ist schuld.

Langfassung: Ich habe Wintermäntel anprobiert und mich in einen verguckt. Als ich Nicki davon erzähle, sagt er, ich solle mal im Netz schauen, manchmal seien Klamotten da viel billiger. Ich google den Mantel also, schaue auf der Internetseite der Marke und durchforste ein paar Mode-Onlineshops. Finde ihn nirgends günstiger. Normalerweise hätte ich meinen Browser geschlossen und den Mantel vergessen. Aber so einfach geht das nicht mehr. Denn jedes Mal, wenn ich nach dem Mantel gesucht habe, hat sich der Google-Algorithmus das offenbar gemerkt und es seinen Werbekunden verraten.

„Es ist, als wolle der Algorithmus mir sagen: Guck her! Ich lass nicht zu, dass du ihn vergisst“

So kam es, dass seit jenem Tag auf vielen Seiten, die ich besuche, ein Banner mit Werbung für ebendiesen Mantel erscheint. Es ist, als wolle der Algorithmus mir sagen: Guck her! Ich lass nicht zu, dass du ihn vergisst. Ich hasse den Algorithmus dafür. Doch es funktioniert: Vor einer Woche habe ich mich dabei ertappt, wie ich ausgerechnet habe, ob es nicht doch eine Möglichkeit gäbe, ihn mir zu leisten.

Sebastian Schelter ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der TU Berlin und Experte für Algorithmen. Er soll mir erklären, wann und wie Algorithmen mein Online-Leben beeinflussen. Kann er mich vor dem Mantel retten?

Schelter sagt, es gebe zunächst zwei Möglichkeiten, die man versuchen könne.

„Erstens: Cookies löschen. Cookies sind minikleine Dateien, die eine besuchte Website auf deinem Rechner speichert, um dich wiederzuerkennen.“ Komplett ließen sich Cookies jedoch nicht ausstellen, sie würden mein Problem nur minimieren.

„Zweitens ist es bei manchen Werbeanzeigen so“, sagt Schelter, „dass da ein Link zu dem Werbeanbieter ist. Dort kann man die Werbung abbestellen.“

Bei meinen Werbeanzeigen finden wir aber keinen Link zum Werbeanbieter. Gibt es also keine Möglichkeit, dass ich in Zukunft wieder ohne Mantelwerbung im Internet unterwegs sein kann?

Schelter sagt: „Du könntest den Tor-Browser benutzen. Der verwischt deine Spuren. Somit surfst du anonym, und keine auf dich zugeschnittene Werbung taucht auf.“

11.32 Uhr - Natalya

Um 11.32 Uhr möchte mich Natalya kennenlernen. Natalya ist Russin, 35 Jahre alt, ledig, liebt es, köstliche Mahlzeiten zu improvisieren, und mag Holz, weil sie glaubt, Holz mache die Luft sauber. Sie schreibt, sie hoffe, dass wir Freunde werden, und vielleicht würden wir ja dann entdecken, dass ich der richtige Mann und sie die richtige Frau für eine Ehe wäre.

Ich bin aber kein Mann. Und wahrscheinlich, so viel unterstelle ich dieser Mail mal, gibt es Natalya nicht, sondern nur jemanden, der versucht, mich mit Liebesbekundungen zu ködern, um an mein Geld zu kommen.

Arbeiten solche Betrüger mit Algorithmen? Und wenn ja, hat dieser dann einen Fehler, weil mich die Mail erreicht, obwohl ich eine Frau bin?

„Wahrscheinlich gibt es Natalya nicht, sondern nur jemanden, der versucht, mich mit Liebesbekundungen zu ködern, um an mein Geld zu kommen“

Sebastian Schelter unterscheidet zwischen zwei Arten von Spam: „Entweder wird eine Mail einfach an möglichst viele Leute geschickt, oder sie wird mit Hilfe von Algorithmen speziell auf die Empfänger zugeschnitten.“ Da ich Natalyas Mail erhalten habe, obwohl mein weiblicher Vorname in der E-Mail-Adresse enthalten ist, sei hier vermutlich Ersteres passiert.

Interessanter sei, warum sich diese E-Mail an den Spamfiltern meines E-Mail-Providers vorbeischmuggeln konnte. Das habe mit dem Lernalgorithmus meines Providers zu tun, sagt Schelter. Er erklärt: „E-Mail-Provider arbeiten mit sogenannten Lernalgorithmen. Ein Lernalgorithmus funktioniert folgendermaßen: Der Provider zeigt dem Algorithmus Beispiele für Spam. Anhand dieser Beispiele erlernt dieser Muster, durch die er voraussagen kann, ob eine Mail Spam ist. Ein Lernalgorithmus würde zum Beispiel irgendwann erkennen, dass, wenn das Wort Viagra im Betreff vorkommt, es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um Spam handelt.“

Natalyas Mail ist also besonders kluger Spam, weil sie den Lernalgorithmus überlistet hat. Wir schauen sie uns genauer an. Auf den ersten Blick sieht sie aus wie die E-Mail eines Freundes. Ich frage Schelter, ob es denn etwas in dieser Mail gibt, auf das ein Lernalgorithmus anspringen könnte.

Er überlegt: „Es gibt keine direkte Anrede. Das ist typisch für Spam. Man könnte also dem Lernalgorithmus vorgeben, dass der Name des E-Mail-Empfängers bei E-Mails von bisher unbekannten Empfängern immer drinstehen muss.“

6.57 Uhr - Mein klickgeiler Freund

Gegen Abend schickt mir Aurel den Screenshot eines Facebook-Links von einer Seite namens Hogwarts. Titel: „So gruselig sehen Promis aus, wenn sie plötzlich blaue Augen haben.“ Zu sehen sind zwei Foto von Menderes Bağcı, irgendein Relikt von DSDS, wie mir Google erklärt. Auf dem einen Foto hat er braune Augen, auf dem zweiten blaue. Angeteasert wird das Ganze mit den Worten: „Wow, das ist richtig krass. Menderes ist schon heftig, aber bei Bushido kriegt man ja wirklich Angst.“ Ganz klein steht über dem Post, Nicki hätte das gelikt.





 

Aurel schreibt, er habe drei Theorien:
1.    Nicki ist zurzeit auf einem „Ich like alles“-Trip
2.    Nicki ist einfach vielseitig interessiert
3.    Nickis Account wurde gehackt

Weiter schreibt Aurel, dass seine ganze Timeline voll sei mit Nickis Likes von ominösen Seiten. Als Beweise schickt er noch mehr Screenshots, alle funktionieren nach einem ähnlichen Muster, es wird immer etwas „sehr heftiges“, „wirklich krasses“ angekündigt, meistens Nacktfotos oder große Brüste, aber um diese zu sehen, muss man auf einen Link klicken. Jeder dieser Posts wurde von Nicki gelikt.

Nicki hat zwar viel Unfug im Kopf – und ich will auch nicht ausschließen, dass er gerne mal einen Blick auf eine große Brust riskiert –, aber auf solche plumpen klickorientierten Posts würde er nicht reinfallen, und vor allem würde er sie nicht auf Facebook liken, dort, wo er mit seinem Chef befreundet ist. Als ich ihm die Screenshots zeige, fängt er an, sich aufzuregen: „Was soll das? Das bin nicht ich! Wer ist das? Macht das Facebook? Wer kann das denn alles sehen? Was ist mit meinem Ruf?“

Wir durchforsten meine Timeline, doch dort taucht keiner dieser Posts auf.

Warum also kriegt nur Aurel diese Posts angezeigt? Und: Wie kann das überhaupt sein, wenn Nicki es nicht war? Steckt ein Algorithmus dahinter?

„Ich denke, der Account wurde tatsächlich gehackt, oder das System hat einen Fehler“, sagt Schelter, „denn eigentlich sollte es nicht passieren, dass Likes angezeigt werden, die nicht stattgefunden haben. Er sollte also ganz schnell sein Passwort ändern.“

Und warum sieht nur Aurel diese Posts?

Schelter: „Facebook entwickelt seine Algorithmen die ganze Zeit weiter. Aber es ist schwierig zu entscheiden, ob eine Algorithmusversion besser ist als eine frühere. Deshalb führt Facebook kontrollierte Tests durch. Das ist ähnlich wie in der Medizin. Wenn du ein Medikament testest, hast du eine Kontrollgruppe, die ein Placebo bekommt, und eine andere, die das wirkliche Medikament kriegt. Am Ende guckst du dir an, ob es geholfen hat. Im Endeffekt machen diese ganzen Firmen, Facebook, Twitter und Co., ständig solche Experimente. Es kann also sein, dass Aurel gerade an so einem Experiment teilnimmt.“

Facebook benutzt also meinen Freund, um Aurel zu testen, ob er gern so was sehen will.

22.30 Paul (Name geändert)

Paul und ich sitzen mit zwei Weizen am Tresen. Paul und ich sind schon eine Weile befreundet, doch seit circa einem Jahr hat sich unsere Freundschaft zu einer Dauerdiskussion gewandelt. Paul hat beschlossen, zukünftig AfD zu wählen, und ich habe beschlossen, das nicht zu akzeptieren. Wir schicken uns seitdem täglich Artikel hin und her und treffen uns ungefähr einmal die Woche in unserer Stammkneipe zum Streiten.

Wir sitzen also beim Bier, da holt Paul sein Handy raus und öffnet Facebook. Er hat da heute was gesehen, das will er mir zeigen. Während ich dabei zusehe, wie er durch seine Timeline scrollt, wird mir das Filterblasen-Problem bewusster denn je. Filterblase ist ein Begriff, den der Internetaktivist Eli Pariser geprägt hat. Gemeint ist das Phänomen, dass Websites wie Facebook mit Hilfe ihrer Algorithmen einem Benutzer nur Beiträge zeigen, die seinem vorherigen Klickverhalten und den Vorlieben seiner Freunde entsprechen. Wer also wie Paul rechtspopulistische Posts gelikt hat, dem werden weitere rechtspopulistische Inhalte angezeigt. Irgendwann ist er dann in seiner rechtspopulistischen Blase so gefangen, dass er gar keine anderen Meinungen mehr zu sehen bekommt.

„Sein Handy liegt jetzt auf dem Tresen neben mir. Er hat Facebook nicht geschlossen. Könnte ich jetzt schnell ein paar linke Seiten liken, um ihn aus seiner Blase zu holen?“

Paul findet nicht, was er mir zeigen wollte, irgendwann gibt er auf und geht auf die Toilette. Sein Handy liegt jetzt auf dem Tresen neben mir. Er hat Facebook nicht geschlossen. Könnte ich jetzt schnell ein paar linke Seiten liken, um ihn aus seiner Blase zu holen?

Ob das etwas bringen würde, sei schwer zu sagen, meint Sebastian Schelter. Denn damit Paul die Posts dieser Seiten, die ich liken würde, auch auf Dauer zu sehen bekommt, müsste er die Beiträge immer mal wieder liken oder kommentieren. Deshalb wäre es zusätzlich noch gut, seinen Newsfeed von „Top Stories“ auf „Most Recent“ umzustellen. Der Personalisierungsalgorithmus würde dann nicht mehr greifen, und die Posts würden in chronologischer Reihenfolge angezeigt werden. Das Problem daran ist aber, dass Facebook jedes Mal, wenn wir uns wieder einloggen, den Newsfeed wieder auf „Top Stories“ umstellt. Ich müsste also jedes Mal dabei sein, wenn Paul auf Facebook unterwegs ist.

„Auf Dauer hätte ich gerne einen Button neben den Nachrichten, auf dem steht: Zeig mir andere Standpunkte zu diesem Thema“, sagt Schelter. „Leider ist es sehr schwierig, einen solchen Algorithmus zu bauen.“