Ein Bild, heißt es, sagt mehr als 1.000 Worte. Genau das ist das Problem. Fotografien versteht man scheinbar auf den ersten Blick, sie wirken direkter, emotionaler, authentischer. Dabei lassen sich Fotos im Smartphone-Zeitalter ebenso leicht aufnehmen wie bearbeiten. Mit einem Tastendruck verschwinden Bildelemente, steigt die Helligkeit, ändern sich Farben. Das macht Bilder zum idealen Vehikel für Propaganda. Selbst wenn ein Foto unbearbeitet in die Zeitung käme oder in den Blog, gibt es da noch die Bildunterschrift. Mit ihr kann man hervorragend manipulieren, sie kann die Aussage des Fotos in einen Kontext stellen – oder auf den Kopf.

Was das kritische „Lesen“ von Fotos angeht, sind wir immer noch Analphabeten. Wir misstrauen Texten, aber nur selten Bildern. „Fotografien sind die mächtigste Waffe der Welt“, schrieb der Kriegsfotograf Eddie Adams, und er musste es wissen. Adams war bestürzt von der Wirkung seiner berühmtesten Aufnahme, einer Erschießung mitten auf einer Straße zur Zeit des Vietnamkriegs. Obwohl es ihm einen Pulitzerpreis brachte, hielt er das Foto für misslungen, ja gefährlich. Es zeige eben nur einen Ausschnitt der Wirklichkeit. „Die Leute glauben ihnen, aber Fotografien lügen, auch wenn sie unretuschiert sind. Sie sind nur Halbwahrheiten.“

Jetzt mal ehrlich

Astronaut Buzz Aldrin auf dem Mond (Foto: NASA / gemeinfrei)
Mann im Mond. Eigentlich dienen Fotos dazu, Ereignisse zu dokumentieren. Manchmal aber sind Bilder auch der Auslöser für Zweifel. Bestes Beispiel: die Mondlandung. Da fotografierten die Astronauten von Apollo 11, was ihre Kameras hergaben – und dann nutzten Verschwörungstheoretiker genau diese Belege, um Indizien dagegen zu finden und die Bilder als Propagandalüge der US-Regierung hinzustellen. Denn wie kann eine Fahne wehen, wenn es doch keinen Wind auf dem Mond gibt? Und warum erkennt man verschiedene Schatten, wenn es doch nur eine Lichtquelle (die Sonne) gibt? Das sind nur zwei der Fragen, die sich Hobbyastronomen stellten. Der Ausdruck „gefährliches Halbwissen“ ist vermutlich für Leute wie sie erfunden worden. Denn die echten Experten sind sich dann doch ziemlich einig: Natürlich geht das mit der Mondlandung. Man muss nur Ahnung von Physik haben. (Foto: NASA / gemeinfrei)

Jetzt mal ehrlich

Robert Capa- der „Fallende Soldat“ (Foto: Robert Capa/The International Center of Photography/Magnum Photos/Agentur Focus)
Der tote Soldat: Robert Capa gilt vielen als der beste Kriegsfotograf der Geschichte, der „Fallende Soldat“ als sein bestes Werk. Über die Jahrzehnte zierte es als Poster die Zimmer überzeugter Pazifisten. Laut Capa zeigt es den Moment, in dem ein Soldat im Spanischen Bürgerkrieg am 5. September 1936 tödlich getroffen wird. Rund 40 Jahre später kamen Zweifel an dieser Geschichte auf. Sie blieben bis heute. Hat Capa das Foto wirklich aus der Deckung heraus geschossen, ohne durch den Sucher zu gucken? Einige Experten vertreten die folgende These: Capa habe ein paar Milizionäre darum gebeten, vor der Kamera Kriegsszenen nachzustellen. Ein feindlicher Kämpfer hat das aus der Ferne bemerkt, angelegt – und geschossen. Aus der inszenierten Schlacht wurde so blutiger Ernst. Es ist eine makabere Theorie, denn Capa wäre damit indirekt für den Tod eines Menschen verantwortlich. Auch wenn inzwischen mehr als 80 Jahre seit der Aufnahme von Capa vergangen sind: Das Rätsel des „Fallenden Soldaten“ ist immer noch ungelöst. (Foto: Robert Capa/The International Center of Photography/Magnum Photos/Agentur Focus)

Jetzt mal ehrlich

Kommune 1 (Foto: Thomas Hesterberg/Süddeutsche Zeitung Photo)
So locker sind wir!: Eine Razzia in der Sauna? Nackt-Yoga mit Kind? Nein: ein Foto der Kommune 1, der bekanntesten WG der 68er-Generation. So sahen sie also aus, die Hippies mit ihrer Mischung aus Sex und Drogen, die die Gesellschaft von allen Zwängen befreien wollten und mit diesem Bild gegen den als brutal und übergriffig empfundenen Staat protestierten. Später berichtete ein Mitglied der Kommune, dass das Posieren für den Fotografen Thomas Hesterberg im Juni 1967 als eher lästig empfunden wurde und alle froh waren, sich wieder anziehen zu können. Nackt kannten sich nämlich nur die wenigsten untereinander, freie Liebe existierte eher in den Köpfen als im Bett. Täglicher Sex? Schrecklich, fand Rainer Langhans, der Oberguru mit dem Lockenkopf. (Foto: Thomas Hesterberg/Süddeutsche Zeitung Photo)
 

Jetzt mal ehrlich

Wladimir Iljitsch Lenin während einer Rede vor Soldaten in Moskau. Rechts unten steht Leo Trotzki, der Schöpfer der Roten Armee (Foto: ullstein bild/Süddeutsche Zeitung Photo / Scherl)
Verflucht und ausgeschnitten: Damnatio memoriae, „Verdammung der Erinnerung“, heißt die Technik der alten Römer, Menschen aus dem kollektiven Gedächtnis zu tilgen. So mancher Kaiser ließ erst seinen Vorgänger ermorden, dann wurden Reliefs ausgemeißelt, Köpfe von Triumphbögen entfernt und im Boden vergraben. Niemand sollte sich der Konkurrenten erinnern.... (Foto: ullstein bild/Süddeutsche Zeitung Photo / Scherl)

Jetzt mal ehrlich

Wladimir Iljitsch Lenin während einer Rede vor Soldaten in Moskau (Foto: ullstein bild/Heritage Images/Fine Art Images)
...In Stalins Sowjetunion, als Millionen verfolgt, verbannt, gefoltert, erschossen wurden, manipulierte man auch Fotos. Das Bild von Lenins Brandrede vor Soldaten ist dafür das berühmteste Beispiel. Im Original von 1920 lauscht rechts auf den Stufen Leo Trotzki, der die Rote Armee aufgebaut hat. Unter Stalin fiel er in Ungnade, floh ins Exil. In späteren Fassungen wurde er deshalb entfernt. (Foto: ullstein bild/Heritage Images/Fine Art Images)

Jetzt mal ehrlich

Blondes Kind in Indien (Foto: Twitter)
Inder statt Kinder: Im Februar 2016, als täglich Hunderte Asylsuchende die deutsche Grenze überquerten, twitterte die frühere Präsidentin des Bundes der Vertriebenen dieses Foto. Laut eigener Aussage erhielt Erika Steinbach das Bild von einem „besorgten Vater“ per Mail. Steinbach hätte zumindest auffallen müssen, dass das Bild dreist bearbeitet wurde: Zwei Gesichter im Hintergrund wurden hineingeschnitten. Das Foto kursierte schon seit rund vier Jahren in Europa, je nach Land überschrieben mit „Polen 2020“, „Norwegen 2030“ oder „Rumänien 2030“. Der NDR machte sich auf die Suche nach dem Fotografen – und fand die Familie des kleinen blonden Kindes in Australien. Aufgenommen wurde das Bild demnach in einem Kinderheim auf einer Indienreise im September 2011. Als die Eltern von dem Missbrauch des Bildes hörten, sagten sie: „Dass ein so schönes, vorurteilsfreies Aufeinandertreffen von Kindern in solcher Weise verdreht wird, zeigt, wie arm Rassismus ist.“ (Foto: Twitter)

Jetzt mal ehrlich

Das Foto des Kriegsfotografen Nick Út aus dem Vietnamkrieg, das schreckverzerrte Gesicht der neunjährigen Kim Phúc, ist eines der berühm- testen Bilder des 20. Jahrhunderts (Foto: Nick Ut / picture alliance / AP Photo)
Der Schrei der anderen: Das Foto des Kriegsfotografen Nick Út aus dem Vietnamkrieg, das schreckverzerrte Gesicht der neunjährigen Kim Phúc, ist eines der berühmtesten Bilder des 20. Jahrhunderts. Anders als oft behauptet, zeigt das Foto keinen Angriff der US-Luftwaffe auf ein von Nordvietnamesen erobertes Dorf. Es war ein südvietnamesisches Flugzeug, das am 8. Juni 1972 seine tödliche Fracht abwarf – und dabei versehentlich die eigenen Leute traf. Doch weil sich in diesem Foto so viel vom Grauen des Krieges zeigt, wurde es ganz allgemein zum Sinnbild des blutigen Gemetzels zwischen den Südvietnamesen, den USA und dem Vietcong. Jahrelang zog der US-Amerikaner John Plummer, ein Ex-Soldat, mit der Geschichte um die Welt, er trage die Schuld an Kim Phúcs Verbrennungen. Schließlich habe er den Napalm-Einsatz befohlen. Vor Fernsehkameras verzieh ihm 1996 die nun schon erwachsene Kim Phúc. Die Sache hat nur einen Haken: Plummer, der später alkoholabhängig wurde, hat zwar in Vietnam gekämpft, aber nachweislich nicht in diesem Dorf. Er wurde nicht nur ein Opfer des Krieges, sondern auch der Kriegsfotografie. (Foto: Nick Ut / picture alliance / AP Photo)