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Zuckerrohrarbeiter
In Nicaragua hat es begonnen. Dort hat Josh Zuckerrohr-Arbeiter fotografiert, die oft an CKDnT erkranken

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Fotoalbum
Gewohnt hat er bei der Witwe eines verstorbenen Arbeiters. Sie zeigte ihm auch dieses Familienfotoalbum

Sommer 2016: Auf einer sechsmonatigen Reise durch Mittel- und Nordamerika fuhr ich nach Chichigalpa, eine Kleinstadt in Nicaragua. Ein großer Teil der Bevölkerung dort leidet unter einer chronischen Nierenkrankheit namens CKDnT, vor allem die Arbeiter auf den Zuckerrohrfeldern. In den vergangenen zehn Jahren starben in Mittelamerika rund 20.000 Menschen an den Folgen dieser Krankheit. Ich lebte eine Woche lang bei einer Witwe und ihren acht Kindern, um den Alltag und die Arbeit auf den Feldern zu dokumentieren. Auf diese Fotos wurde ein Bildredakteur des Wellcome Trust aufmerksam. Ich stellte ihnen einige meiner Bilder zur Verfügung und bekam einen Arbeitsvertrag. Das war das erste Mal, dass ich als Fotojournalist Geld verdiente.

Ich stamme aus einer australischen Kleinstadt – der Inbegriff von toter Hose. Ich wollte schon früh weg, um mir ein eigenes Bild von Ländern zu machen, die ich nur aus Büchern und Dokus kannte. Mit 16 beschloss ich, in Kenia als Freiwilliger bei einer Hilfsorganisation zu arbeiten. Meine Eltern waren alles andere als begeistert, aber sie merkten, wie ernst es mir war, und willigten ein. Kurz vor der Abreise schenkte mir meine ältere Schwester ihre gebrauchte Spiegelreflexkamera.

Fotografie war schon immer mein Hobby, aber erst in Afrika fing ich an, mich ernsthaft damit zu beschäftigen und die Menschen und das Leben dort zu dokumentieren. Von da an wollte ich Fotojournalist werden und begann, Bücher über Berühmtheiten wie Sebastião Salgado, Jimmy Nelson oder Lynsey Addario zu lesen.

„Je näher der Tag der Abreise rückte, desto panischer wurde ich. Meine Hände zitterten und ich konnte nicht schlafen“

Mit 18 zog ich nach London und fing in einer Cocktailbar an. Nach ein paar Monaten hatte ich mich zum Teamleiter hochgearbeitet und dabei ganz gut verdient. Das wurde die Basis, so finanzierte ich alle meine Trips, von hier brach ich immer wieder auf. Im Jahr 2014 war ich für mehrere Monate im Mittleren und Nahen Osten, unter anderem in Jordanien, Israel und den palästinensischen Autonomiegebieten. Dort habe ich auch den Gaza-Konflikt dokumentiert. Die Fotos habe ich Presseagenturen und Tageszeitungen kostenlos zur Verfügung gestellt. Rückblickend war das nicht besonders clever. Es schadet dem Metier. Oft entstehen die Bilder eines Fotojournalisten unter schwierigen und gefährlichen Bedingungen. Ich war damals ziemlich naiv, heute weiß ich es besser.

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Mann mit Gewehr
Ein irakischer Polizeioffizier. Im Hintergrund ist noch der Rauch einer Ölquelle zu sehen, die kurz zuvor gelöscht worden war. IS-Terroristen hatten sie auf der Flucht vor der irakischen Armee in Brand gesetzt und damit eine Umweltkatastrophe angerichtet

Das wohl einschneidendste Erlebnis war eine Reise in den Irak im November 2016. Als ich den Flug nach Erbil buchte, saß ich gerade in einem kleinen Café in London, die Sonne schien, ich fühlte mich gut und war fest entschlossen, die Sache durchzuziehen. Doch je näher der Tag der Abreise rückte, desto panischer wurde ich. Meine Hände zitterten, und ich konnte nicht schlafen. Ich war völlig unvorbereitet, hatte weder ein medizinisches oder militärisches Training absolviert, noch besaß ich eine schusssichere Weste oder ein Satellitentelefon. Ich war kurz davor, einen Rückzieher zu machen.

Dann sprach ich mit einer befreundeten Fotojournalistin, die wiederum Kollegen kannte, die gerade im Irak arbeiteten – eine erste Anlaufstelle. Ich lernte vor Ort eine Gruppe von erfahrenen Kollegen kennen, die schon jahrelang aus den Krisenregionen der Welt berichten. Das hat mir ein Gefühl von Sicherheit gegeben. Wir absolvierten gemeinsam ein mehrtägiges Training bei einer NGO. Wir lernten Erste-Hilfe-Maßnahmen, bekamen eine schusssichere Ausrüstung und ein Medical Kit. Außerdem wurden wir über Verhaltensregeln und die jeweiligen Gebiete und deren Gefahren informiert.

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Soldat beim schiessen
An vorderster Front: Dieser irakische Soldat zielt auf IS-Stellungen in Haj Ali

Fotos von der Front

Soldaten an der Front
Diese Koalition aus irakischen Soldaten und schiitischen Milizen will die Region Sharqat südlich von Mossul vom IS befreien

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Soldat kauert in einer Ecke
In einem „befreiten Haus“, das Zuflucht vor dem Beschuss durch IS-Scharfschützen bietet

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Krankenbett in der Wüste
Josh wollte einen pinkfarbenen Teddybär fotografieren, der einsam auf einem Feldbett lag. Sofort kam ein Soldat und schleuderte das Stofftier weg

Ich schloss mich drei Journalisten an, und wir beauftragten einen Fixer. Das ist ein Einheimischer, eine Art Guide, der sich in der Gegend hervorragend auskennt und Englisch spricht. Er hat gute Beziehungen zum irakischen Militär, die braucht man, um die vielen Kontrollstützpunkte zu passieren. In den ersten Tagen haben wir mehrere Flüchtlingslager und Krankenhäuser besucht. Anschließend ging es weiter nach Kayara, eine Stadt in der Nähe von Mossul, wo der „Islamische Staat“ kurz zuvor 19 Ölfelder in Brand gesteckt hatte, vermutlich, um Luftangriffe zu verhindern. Der schwarze Himmel hatte etwas Apokalyptisches.

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Brennendes Ölfeld
Eine Ölquelle in Al Qayyarah steht in Flammen. Der Rauch ist so dick, dass man ihn aus dem All sehen kann

An den letzten zwei Tagen wagten wir uns dann direkt an die Front und dokumentierten, wie das irakische Militär ein Dorf befreite. Erst als wir mehrmals unter Beschuss gerieten, wurde mir wirklich bewusst, was ein Job wie dieser bedeutet. Man trägt nicht nur die Verantwortung für sich selbst, sondern auch für seine Kollegen. Wird einer von ihnen angeschossen und man weiß nicht, wie man ein Bein abbindet … Schon viele Journalisten sind so gestorben. Im Ernstfall muss ich so etwas deshalb aus dem Effeff und unter erschwerten Bedingungen beherrschen. Bevor ich wieder in ein Kriegsgebiet fahre, werde ich mich so gut wie möglich vorbereiten.

„In den nächsten drei Jahren möchte ich nach Indien, Bangladesch, Pakistan, Afghanistan, El Salvador und Somalia“

Im Moment lebe ich in Melbourne und helfe einem Freund in seiner Bar aus, außerdem absolviere ich ein Fernstudium an einer Journalistenschule. Gemeinsam mit einer befreundeten Fotojournalistin arbeite ich auch noch an einem Magazin, das eine Auswahl unserer Arbeiten der vergangenen Jahre zeigen soll. Einige Bilder aus dem Irak habe ich bereits an Magazine verkauft.

Ich bin jetzt 21 und stehe noch relativ am Anfang. Beruflich hat mich die Zeit im Irak ein ganzes Stück weiter gebracht. Ich habe dort viele Journalisten kennengelernt, konnte mein Netzwerk erweitern und von ihrer Erfahrung profitieren. In den nächsten drei Jahren möchte ich unter anderem nach Indien, Bangladesch, Pakistan, Afghanistan, El Salvador und Somalia reisen.

Titelbild: Zwei irakische Soldaten witzeln über Joshs (Mitte) traditionell irakisches Outfit. Foto: Claire Thomas