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Facebook Zeitung (GIF: Anthony Antonellis)
(GIF: Anthony Antonellis)
 

fluter.de: Seien Sie bitte ehrlich: Können wir uns unsere gedruckte Ausgabe bald sparen?

Götz Harald Frommholz: Nein, ein Heft zum Mitnehmen und analogen In-der-Hand-Halten ist absolut zeitgemäß. Klassische Medien wie Zeitungen und Zeitschriften sind immer noch die wichtigste Informationsquelle zur politischen Meinungsbildung – auch für einen großen Teil der jungen Leute in Deutschland.

Welche Rolle spielt das Internet?

Es ergänzt nur, besonders bei sowieso schon politikinteressierten Menschen.

„Leider sind viele politische Akteure nicht in der Lage, soziale Medien ordentlich zu nutzen“

Dabei setzen doch alle auf Social Media!

Das ist auch nicht verkehrt, denn soziale Medien sind sehr niedrigschwellig. Sie haben das Potenzial, auch diejenigen 30 bis 40 Prozent zu erreichen, die sich normalerweise nicht politisch beteiligen – aber sie müssen auch angesprochen werden.

Klingt so, als wäre das nicht der Fall.

Leider sind viele politische Akteure nicht in der Lage, soziale Medien ordentlich zu nutzen. Die haben den Sinn nicht verstanden: Kommunikation, in Kontakt treten, sich unterhalten. Stattdessen nutzen Politiker das Internet wie eine digitale Litfaßsäule, an die sie ein Wahlplakat und ihren Lebenslauf kleistern. Und das war’s dann auch schon.

Aber es gibt doch Ausnahmen.

Natürlich gibt es die. Die größte ist übrigens die AfD: Die ist unheimlich gut aufgestellt bei Twitter und Co. Sie wird den Bundestagswahlkampf im Netz dominieren, da bin ich mir sehr sicher.

Was hat die AfD den anderen Parteien im Netz voraus?

Sie verzichtet auf Politikersprech und schafft es, ihre Einstellung in 140 Zeichen zu packen und für alle verständlich rüberzubringen. Das kann Donald Trump gut, das können Populisten gut – die meisten deutschen Politiker müssen es noch lernen.

Aber das Prinzip „Form vor Inhalt“ kann doch nicht erstrebenswert sein.

Nein. Populisten haben es auf Social Media natürlich leichter, da sie sich nicht mit inhaltlichen Fragen auseinandersetzen, sondern nur Stimmung machen. Dennoch gilt: Inhalte zählen, alles andere funktioniert nur bis zu einem gewissen Grad. Denn die Wahlen werden von der bürgerlichen Mitte entschieden. Die ist ganz gut gebildet, die will auch Inhalte sehen. Da reicht weder ein Lacher noch ein Aufreger allein.

„Es gibt den Mythos, dass junge Menschen nicht politisch interessiert seien. Das ist falsch“

Gibt es Inhalte, auf die wir Jungen besonders anspringen?

Die Generation seit 1980, der auch ich angehöre, beschreibt man am besten als Wechselwählerschaft. Wir identifizieren uns immer nur mit Teilaspekten, selten bis gar nicht mit einer ganzen Partei. Deshalb sind die Partikularinteressen entscheidend, die müssen angesprochen werden.

Viele unserer Leser sind weitaus jünger als Jahrgang 1980, „Digital Natives“, wie man so sagt. Was ist mit denen?

Für die gilt das ganz besonders. Es gibt den Mythos, dass junge Menschen nicht politisch interessiert seien. Das ist falsch. Sie sind lediglich der Parteipolitik gegenüber skeptisch und suchen sich Alternativen, um sich zu engagieren. Hier kommen die NGOs ins Spiel, in denen die Partikularinteressen der jungen Menschen vertreten werden.

Je spezifischer, desto besser?

Genau. Das ist nicht nur ein Vorteil für NGOs wie Amnesty International oder Greenpeace, sondern auch für die kleineren Parteien. Die müssen nicht so viele Themen und Menschen unter einen Hut bringen wie die Volksparteien, sie könnten also viel gezielter über Social Media kommunizieren. Aber da ist noch viel Luft nach oben.

Was halten Sie von den Politikern, die kürzlich bei Kommunalwahlen auf Tinder für ihre Politik geworben haben? Ohne großen Erfolg übrigens.

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Dr. Götz Harald Frommholz (Foto: privat)
Dr. Götz Harald Frommholz ist Geschäftsführer des gemeinnützigen Thinktanks d|part (dpart.org), der mit seiner Forschung die politische Partizipation fördern will. Frommholz ist Referent an der Humboldt-Universität zu Berlin und lehrt zudem an mehreren Berliner Hochschulen (Foto: privat)

(lacht) Hätte mich gefreut, wenn das funktioniert hätte. Aber die Logik von Tinder ist eben eine andere.

Was wären sinnvollere Beispiele, „innovativ“ zu sein?

Die CDU überlegt, im Wahlkampf Chatbots einzusetzen, die Fragen zum Wahlprogramm beantworten. Das ist auf der kommunikativen Ebene recht interessant. Das entspricht dem Prinzip Social Media, weil sich da jemand mit einem austauscht und sich keiner stillen Litfaßsäule gegenübersieht.

„Echte“ Interaktion zwischen Politikern und Wählern – wie von Ihnen gefordert – ist das aber auch nicht.

Nein. Politiker müssen unter die Wählerinnen und Wähler und offline mit den Menschen in Kontakt treten.

Was ist mit Fake News? Die entsprechen auch dem Prinzip Social Media.

Stimmt. Es kommt vor, dass Leute beispielsweise einen Artikel der „Jungen Freiheit“ teilen, weil die Überschrift ansprechend ist. Weil sie keine Ahnung haben, ob das qualitativ hochwertige Informationen sind oder nicht. Viele erkennen auch nicht die politische Einstellung dahinter, weil sie den Artikel gar nicht lesen. Es kommt also vor, dass Leute Inhalte von Seiten teilen, deren politische Ansichten sie im Grunde gar nicht teilen. Das ist eine gefährliche Plattform für Fake News.

 

Sind Social Media damit eine eher schlechte Möglichkeit, um sich ausgewogen zu informieren?

Nein. Es ist allerdings notwendig, dass die Konsumenten eine Nutzer-Kompetenz mitbringen, um die Qualität der Inhalte und die der Quellen zu erkennen. Nur so lassen sich Fake News von richtigen Nachrichten unterscheiden. Dazu benötigt es Aufklärung und politische Bildung.

„Wer sich online beteiligt, setzt das nicht unbedingt auch offline um“

Zumal die Nutzer offenbar immer gezielter angesprochen werden. Zwischenzeitlich glaubten viele, Donald Trump habe die Wahl nur mithilfe des Unternehmens Cambridge Analytica gewonnen. Welche Rolle werden solche Analyse- und Tracking-Techniken im deutschen Wahlkampf spielen?

Das wird ein wichtiges Thema aus meiner Sicht. Und die Parteien sollten diese Technologie ernst nehmen, um die Informationen für den Offline-Wahlkampf zu nutzen und so die eigene potenzielle Wählerschaft noch besser zu mobilisieren.

Was heißt das alles für die anstehenden Wahlen?

Schwer zu sagen. Wer sich online beteiligt, setzt das nicht unbedingt auch offline um – da sehen wir empirisch noch keinen direkten Zusammenhang. Es gibt nur wenige Beispiele, wo das funktioniert hat: etwa beim Arabischen Frühling oder Pegida. Das heißt aber nicht, dass online erlangte Erkenntnisse nicht für den Offline-Wahlkampf genutzt werden können.