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Für einen Schwangerschaftsabbruch nach New York: Politisch trifft Eliza Hittmans Film „Never Rarely Sometimes Always“ einen Nerv

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„Never Rarely Sometimes Always“ läuft ab sofort in den Kinos, feierte aber auf der diesjährigen Berlinale Premiere. Hier erscheint eine aktualisierte Fassung der Rezension.

Worum geht’s?

Autumn ist 17 und schwanger. Das weiß zunächst niemand, aber langsam wird es auffällig. Mühevoll muss sie beim Nebenjob im Supermarkt gegen Übelkeit ankämpfen, und auf dem Ultraschallbild ist auch schon was zu sehen. „Gibt es eine Möglichkeit, dass aus positiv wieder negativ wird?“, fragt sie ihre Frauenärztin. Die zeigt ihr daraufhin einen Anti-Abtreibungsclip mit dem Titel „Hard Truth“. In Pennsylvania ist Abtreibung nicht verboten, aber für Minderjährige nur mit Zustimmung der Eltern möglich – und gesellschaftlich kaum akzeptiert. Heimlich fährt Autumn schließlich mit ihrer Cousine Skylar nach New York, um den Eingriff vornehmen zu lassen. Das dauert aber überraschend mehrere Tage, weil Autumn schon über die zwölfte Woche hinaus ist. Die mittellosen Mädchen müssen die Nächte in Malls, U-Bahnen und Spielhallen totschlagen.

Wie wird’s erzählt?

Als leises, überaus realistisches Drama. Wegen der jungen Protagonistinnen könnte man einen klassischen Coming-of-Age-Film erwarten; aber „Never Rarely Sometimes Always“ schwelgt nie – wie für das Genre üblich – in der Schönheit der Jugend und will auch nicht auf einen Reifeprozess hinaus. Die Regisseurin Eliza Hittman hat schon in ihrem letzten Film „Beach Rats“ (2017) bewiesen, dass sie großes Einfühlungsvermögen und einen Sinn für die Identitätskrisen junger Menschen besitzt – vor allem, wenn es um den eigenen Körper geht. Die Kamera (Hélène Louvart) rückt auch hier schmerzhaft nah an die Hauptdarstellerin Sidney Flanigan heran, wenn sie sich selbst ein Piercing in die Nase sticht oder verzweifelt auf den schwangeren Bauch trommelt.

Was soll uns das zeigen?

Dass das Recht auf einen Schwangerschaftsabbruch für Frauen unverzichtbar ist. Auf dieser Haltung baut der Film zweifelsohne auf, er trägt sie aber nicht mit dem Holzhammer vor. Sondern in kleinen, unaufdringlichen Momenten. Immer wieder ruft „Never Rarely Sometimes Always“ ins Bewusstsein, wie viel Sexismus Frauen und Mädchen im Alltag aushalten müssen: vom ignoranten Vater bis zum übergriffigen Vorgesetzten, vom Aufreißerstudenten bis zum U-Bahn-Wichser.

Gut zu wissen

Seit dem berühmten Fall „Roe vs. Wade“ vor dem Obersten Gerichtshof im Jahr 1973 sind Schwangerschaftsabbrüche grundsätzlich in allen US-Bundesstaaten legal. Allerdings haben in den vergangenen Jahren einige republikanisch regierte Bundesstaaten versucht, das Recht auf Abtreibung einzuschränken. US-Präsident Donald Trump, selbst erklärter Abtreibungsgegner, hat in seiner Amtszeit außerdem schon zwei Richter für das Oberste Gericht der USA ausgewählt, die sich klar gegen Schwangerschaftsabbrüche ausgesprochen haben. Wenn es nach Trump geht, wird bald noch eine Abtreibungsgegnerin dazukommen: Die Juristin Amy Coney Barrett soll der im September verstorbenen liberalen Richterin Ruth Bader Ginsburg nachfolgen und damit die konservative Mehrheit am Supreme Court zementieren. Pro-Choice-Unterstützer fürchten, dass das Oberste Gericht dann das Recht auf einen Schwangerschaftsabbruch kippen oder zumindest stark einschränken könnte.

Stärkste Szene

„Never. Rarely. Sometimes. Always.“ Mit diesen Worten soll Autumn in der New Yorker Klinik auf ein paar sehr persönliche Fragen antworten, etwa: „Haben deine Sexualpartner jemals Verhütungsmittel abgelehnt? Haben sie jemals gegen deinen Willen mit dir Sex gehabt?“ Die vertrauensvolle Stimme der Ärztin kommt hier nur aus dem Off, minutenlang fixiert die Kamera die Protagonistin. Ein großer Schauspielmoment für Sidney Flanigan, die kein großes Geständnis ablegt, aber viel Schlimmes erahnen lässt.

Good Job

Lob fürs Casting von Sidney Flanigan und Talia Ryder: keine 30-jährigen Hollywoodstars, die auf jugendlich machen. Die beiden extrem talentierten Hauptdarstellerinnen sehen tatsächlich aus wie 17-jährige Provinzmädchen mit Angst vor der Großstadt. Kein Wunder, dass „Never Rarely Sometimes Always“ auf der diesjährigen Berlinale mit dem Großen Preis der Jury – dem wichtigsten der Silbernen Bären – ausgezeichnet wurde.

Ideal für …

… junge Männer zwischen 15 und 25 Jahren. Richtig gelesen. Aber auch für alle anderen.

„Never Rarely Sometimes Always“ (USA 2020) ist 101 Minuten lang und kommt am 1. Oktober in die deutschen Kinos.

Titelbild: Focus Features

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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