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In der britischen Firma Coexist können Frauen bei Menstruationsschmerzen früher gehen, von zu Hause arbeiten oder überhaupt freimachen. Wie kommt das an?

Foto:  iStock / Getty Images Plus

Bezahlte Fehltage bei Periodenschmerzen – das ist in einigen Ländern per Gesetz möglich, in anderen haben einzelne Firmen entsprechende Regelungen entworfen. Die britische Unternehmerin Bex Baxter hat für die Firma Coexist eine „Period Policy“ entwickelt: Frauen können bei Schmerzen früher gehen, statt sich mit Krämpfen auf dem Bürostuhl zu winden, mit Wärmeflasche Homeoffice machen oder, wenn sie möchten, die Fehlstunden an anderen Tagen wieder aufarbeiten.

Befürworter*innen finden das gerecht und notwendig: Sie sehen darin einen Schritt in Richtung Entstigmatisierung und die Chance, ihre Produktivität durch ein flexibleres Arbeitsmodell zu steigern. Kritiker*innen fürchten, dass Frauen damit ihren Stand in der Arbeitswelt gefährden – oder die Regelung ausnutzen.

fluter.de: Frau Baxter, haben Sie Menstruationsbeschwerden?

Bex Baxter: Ja. Seit 25 Jahren leide ich an Dysmenorrhö, also starken Schmerzen während der Periode. Lange dachte ich, das müsse ich eben aushalten. Als ich doch einmal einen Arzt konsultierte, sagte der: „Bekommen Sie einfach ein Baby, danach wird es besser.“ Diese Aussage fand ich wenig hilfreich …

 

Also kamen Sie durch Ihre persönliche Erfahrung auf die Idee, eine Period Policy zu entwickeln?

 

Nein, die kam mir erst, als ich als Managerin bei Coexist Verantwortung für andere trug. Eines Morgens sah ich eine Mitarbeiterin an der Rezeption – weiß wie ein Bettlaken und sich vor Schmerzen krümmend. Natürlich sagte ich, sie solle nach Hause gehen. Ihre Antwort war allerdings: „Ich hab doch nur meine Tage.“ In der nächsten Vorstandssitzung schilderte ich den vier männlichen Mitgliedern die Situation und sagte: „Ich möchte eine Menstrual Policy für Coexist entwickeln.“ Sie waren sofort offen dafür.

 

Was geschah zwischen diesem ersten Impuls und der fertigen Policy?

Die Freistellung bei Periodenschmerzen ist keine neue Idee: In Japan wurde sie bereits 1928 diskutiert (und 1947 gesetzlich verankert), als sich Busfahrerinnen ohne regelmäßigen Zugang zu Toiletten dafür einsetzten. Ähnliche Gesetze gibt es z.B. in Taiwan und Indonesien. In Europa machten zuletzt einzelne Initiativen Schlagzeilen: ein italienischer Gesetzesentwurf zu drei freien Tagen bei Vorlage eines Attests oder ein Projekt in Schweden, an dem auch ein Fußball-App-Startup teilnimmt. In Deutschland ist (noch) keine vergleichbare Initiative bekannt.

Coexist ist ein kleines Sozialunternehmen. Als wir die Policy starteten, waren wir 30 Angestellte, davon 22 Frauen. Zuerst lernten wir in einem Workshop mit Alexandra Pope [Zyklusexpertin, Anm. d. Red.] das nötige Grundwissen zum weiblichen Zyklus. Gemeinsam mit der Menstruationsforscherin Lara Owen entwickelten wir dann das Flexitime-Konzept: Bei Periodenschmerzen können Mitarbeiterinnen einen Tag freibekommen, von zu Hause aus arbeiten, später kommen oder früher gehen. Wenn sie möchten, können sie die Fehlstunden an anderen Zeiten des Zyklus aufholen: zum Beispiel in den Tagen rund um den Eisprung, wo viele Frauen vor Energie strotzen. Seit der Einführung hat durchschnittlich die Hälfte der Frauen die Policy aktiv genutzt: Manche ziehen sich zum Arbeiten in ruhige Räume zurück, andere nehmen einen Tag frei und holen die Arbeitszeit später auf.

Bei Coexist kommt das Konzept gut an – es gibt aber auch Kritiker solcher Sonderregelungen. Sie fürchten, Frauen würde damit abgesprochen, genauso leistungsfähig und kompetent zu sein wie Männer.

 

Als ich in einer britischen Talkshow über unser Projekt sprach, rief eine Zuschauerin an und sagte: „Diese Frau wirft den Feminismus um 100 Jahre zurück.“ Für mich bedeutet Gleichberechtigung aber nicht, dass wir Unterschiede negieren, sondern dass wir angemessen auf sie eingehen. Natürlich haben nicht alle Frauen Beschwerden – bei Coexist macht die Hälfte der Frauen gar keinen Gebrauch von der Policy. Allerdings zeigten alle Interesse, natürliche Zyklen in unseren Arbeitsplatz zu integrieren. Und das Thema hat die Tür für weitere Diskurse geöffnet.

„Für mich bedeutet Gleichberechtigung nicht, dass wir Unterschiede negieren, sondern dass wir angemessen auf sie eingehen.“

 

Welche zum Beispiel?

 

Leistungsschwankungen hat jeder, unabhängig vom Geschlecht. Sei es wegen psychischer Besonderheiten, chronischer Krankheiten oder aufgrund der Tages- oder Jahreszeit. Ein Beispiel: Bei Coexist litt ein Mitarbeiter regelmäßig an Migräne. Früher schämte er sich für seine Beschwerden. Die Period Policy bereitete aber den Weg dafür, dass er heute seine Migräne einfach bei der Arbeitsplanung berücksichtigen kann. Das ist gut für ihn und wirkt sich positiv auf seine Arbeit aus.

 

Warum priorisieren Sie angesichts diverser anderer Beschwerden dennoch die im Zusammenhang mit der Menstruation?

Weil wir merkten: Wenn wir das Thema Menstruationsschmerzen nicht gezielt ansprechen, wird es immer ein Tabu bleiben. Es gibt wohl kaum eine gesundheitliche Einschränkung, die so viele Menschen betrifft und trotzdem so stark tabuisiert ist.

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Bex Baxter (Foto: Charlotte Baxter)

Rebecca „Bex“ Baxter ist eine britische Unternehmerin, Beraterin und Gesangslehrerin. Bei Coexist CIC arbeitete sie sieben Jahre lang als Personalmanagerin und Vorstandsmitglied. In ihrer Neugründung Cyclical LLC berät Baxter Firmen zu Perioden-Richtlinien und flexiblen Arbeitsmodellen, um Menstruationsprobleme in den Mainstream zu bringen.

(Foto: Charlotte Baxter)

Was, wenn Mitarbeiterinnen das Thema als zu privat empfinden?

 

Natürlich ist unsere Policy freiwillig. Schon seit langem gilt bei Coexist Vertrauensarbeitszeit. Man kann sich weiterhin „normal“ krankmelden und muss nicht seine nächste Periode im Bürokalender eintragen – obwohl das inzwischen fast alle tun.

 

Wie bitte? Gibt es da keine Bedenken – Stichwort Datenschutz?

 

Die Sorge um Datenschutz ist mir neu, aber auch darauf kann man ja eingehen. Mitarbeiterinnen tragen ihre Daten ein, weil sie sich gerne darüber austauschen und mit ihren Zyklusphasen planen. Was zu Coexist passt, passt aber nicht unbedingt zu anderen Unternehmen. Solche Richtlinien müssen im Team entwickelt und an die jeweilige Situation angepasst werden.

  

„Eine Freundin von mir ist bipolar. Wenn sie ein Hoch hat, arbeitet sie tagelang, während eines Tiefs muss sie aussetzen. Was wäre, wenn sie nach diesem Rhythmus arbeiten dürfte?“

Welche Firmen kommen für solche Vorhaben infrage? In Großkonzernen dürfte es schwierig werden.

 

Nicht unbedingt. Auch ein Großkonzern ist ja in Einheiten untergliedert, hier könnte man pro Abteilung arbeiten. Wichtiger als Firmengröße oder Branche ist der Wille und eine gewisse Offenheit. Das merke ich in meiner Beratertätigkeit: Gemeinsam mit Lara Owen habe ich eine Agentur gegründet, die Unternehmen bei der Entwicklung von Zyklus-Richtlinien unterstützt. Wir sind auf Mainstreamfirmen spezialisiert, für die das Thema oft neu ist. Das ist gar kein Problem. Ich möchte nicht bekehren, sondern die Strukturen in der Arbeitswelt verbessern.

 

Wie sähe für Sie eine ideale Arbeitswelt aus – sozusagen Ihre menstruelle Utopie?

 

Ich liebe diesen Begriff! In einer idealen Arbeitswelt würden wir über die Menstruation genauso offen sprechen wie über andere Phasen und Konditionen. Wir würden diese nicht nur anerkennen, sondern gezielt nutzen. Ein Beispiel: Eine Freundin von mir ist bipolar. Wenn sie ein Hoch hat, arbeitet sie tagelang durch. Während eines Tiefs muss sie aussetzen. Was wäre, wenn sie nach diesem Rhythmus arbeiten dürfte? In einer solchen Welt hätten wir nicht nur zufriedenere Menschen, sondern auch produktivere Firmen. 

Titelbild: iStock / Getty Images Plus

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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