Das Heft – Nr. 73

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Was war und was bleibt

Die Austauschschülerin Sabika aus Pakistan wurde Jaelyns beste Freundin an der Highschool. Sie sprachen über Jesus, Allah und ihren Schulalltag. Bis eines Tages ein Mitschüler um sich schoss

In der vierten Stunde hatten die Mädchen Sportunterricht. Nur wenige bemerkten die neue Schülerin. Sie hatte lange schwarze Haare und mahagonibraune Augen, und als sie die Turnhalle betrat, setzte sie sich allein auf die Tribüne. Neugierig starrte sie auf die Mädchen in ihren Shorts und T-Shirts, die Hampelmänner und Liegestütze machten. Sie war unsicher, was sie tun sollte, und schien etwas verloren.

Kurz vor Ende der Stunde kam eine Schülerin auf sie zu, sie hatte strohblondes Haar und türkisfarbene Augen. Auf ihrem blauen T-Shirt stand in weißen Buchstaben ein Bibelvers, Matthäus 4,19: „Folgt mir nach, ich will euch zu Menschenfischern machen.“

Das Mädchen mit den blonden Haaren lächelte. „Ich bin Jaelyn“, sagte sie.

Das Mädchen mit den schwarzen Haaren lächelte zurück. „Ich bin Sabika.“ Und sie erzählte, dass sie eine Austauschschülerin aus Pakistan sei.

„Das ist ja cool“, antwortete Jaelyn. „Pakistan.“

Die Mädchen unterhielten sich weiter. Jaelyn erzählte Sabika, dass sie mit vollem Namen Jaelyn Cogburn hieß. Sie war 15, ebenfalls neu an der Schule und kannte noch nicht viele Leute. Auch Sabika nannte ihren vollen Namen und ihr Alter, Sabika Sheikh, 16. Sie kannte noch niemanden.

Die Glocke läutete. Jaelyn und Sabika zogen weiter zu ihren nächsten Unterrichtsstunden. Am Ende des Schultages lief Jaelyn zum Parkplatz, wo ihre Mutter Joleen schon wartete. Während sie auf den Beifahrersitz kletterte, erzählte sie von dem Mädchen, das sie im Sportunterricht kennengelernt hatte. „Mom“, fragte sie, „wo ist Pakistan?“

„Das liegt auf der anderen Seite der Welt“, sagte Joleen. Sie blickte ihre Tochter etwas verwundert an. „Bist du dir sicher, dass sie Pakistan gesagt hat?“

Trotz der Nähe zu Houston fühlt sich Santa Fe mit seinen 13.000 Einwohnern immer noch sehr nach Kleinstadt an. Joleen, 35 Jahre alt, und ihr Mann Ja­son, 46, leben mit ihren sechs Kindern, von denen drei adoptiert sind, auf dreieinhalb Hektar in einem gemütlichen zweistöckigen Haus neben einem kleinen Teich. Ihre Nachbarn bauen Gemüse an und besitzen ihr eigenes Vieh. „Um ehrlich zu sein, passiert in unserer Gegend nicht viel“, sagte Joleen eines Nachmittags an ihrem Küchentisch. Sie schmunzelte. „Na ja, unser Pastor ist mal auf dem Weg zur Kirche gegen eine Kuh gelaufen.“

Wie alle Kinder der Familie Cogburn wurde auch Jaelyn, das älteste eigene Kind, zu Hause von Joleen unterrichtet, die sich in ihrem Lehrplan an der Bibel orientierte. Jaelyn war schüchtern. Abgesehen von der Gesellschaft ihrer Geschwister und ein paar Mädchen aus ihrer kirchlichen Jugendgruppe war sie meistens für sich. Doch irgendwann hatte sie ihre Eltern mit dem Beschluss überrascht, dass sie nun neue Leute kennenlernen wollte. Sie sagte, Gott habe es ihrem „Herzen aufgetragen“, auf die Highschool in Santa Fe zu gehen.

Joleen und Jason erwarteten, dass es ihrer Tochter schwerfallen würde, sich an das Leben an einer öffentlichen Schule mit 1.500 Schülern zu gewöhnen. Das Gegenteil war der Fall. Jaelyn kam am ersten Schultag strahlend nach Hause und berichtete ganz aufgeregt von dem Mädchen aus Pakistan. Als Joleen sich an das Abendessen machte, zog sich Jaelyn in ihr Schlafzimmer zurück, wo fünf Bibeln in ihrem Bücherregal aufgereiht waren. Sie googelte Pakistan und erfuhr, dass es in Südasien liegt. Dass es auf der einen Seite an Indien und China grenzt und auf der anderen an Afghanistan und Iran. Sie las, dass fast alle 200 Millionen Einwohner Pakistans Muslime sind. Jaelyn ging wieder nach unten, lief in die Küche und erklärte Joleen, dass Sabika wahrscheinlich Muslimin sei. „Weißt du, Mom“, sagte sie, „ich habe bis jetzt noch nie einen Muslim getroffen.“

„Tja, vielleicht hat Gott euch ja nicht ohne Grund zusammengebracht“, antwortete Joleen. „Wer weiß? Vielleicht werdet ihr beiden Freundinnen.“

Am selben Abend ging Sabika im Haus ihrer Gastfamilie, einem in Pakis­tan geborenen muslimischen Paar, das schon seit Jahren ein ruhiges Leben in Santa Fe führte, in ihr Zimmer und rief ihre Eltern an – im über 13.000 Kilometer entfernten Karatschi.

In der weitläufigen Hafenstadt im Süden Pakistans hatte der nächste Tag schon begonnen. Sabikas Mutter Farah und ihr Vater Aziz waren seit der Morgendämmerung mit ihren anderen drei Kindern wach. Wie jeden Morgen hatte sie der Gebetsruf geweckt, der aus den Lautsprechern des Minaretts der benachbarten Moschee kam. „Aschhadu an laa ilaha illa’Llah“ („Ich bezeuge, dass es keinen Gott außer dem einen Allah gibt“), sang der Muezzin, und seine Stimme hallte durch die Straßen.

Sabika erzählte ihren Eltern von ihrem ersten Tag an der amerikanischen Highschool.

„Und wirst du gut behandelt?“, fragte Aziz sie.

„Ja, Baba“, sagte Sabika, „sehr gut.“

Seit Sabika ein kleines Mädchen war, hatten Aziz und Farah sie die islamischen Gebote für ein tugendhaftes Leben gelehrt. Zum Beispiel, dass sie Wut, Gier, Unehrlichkeit oder Misstrauen nicht in ihrem Herzen tragen sollte und dass sie, wenn sie Barmherzigkeit von Allah erwartete, auch anderen gegenüber barmherzig sein sollte.

Sabika war eine hervorragende Schülerin. Bereits am Ende ihrer Grundschulzeit sprach sie fließend Englisch. In der weiterführenden Schule gewann sie den Golden Pen Award für kreatives Schreiben und war die Zweitbeste ihrer Klasse bei den Abschlussprüfungen. Freundschaften zu schließen fiel ihr leicht.

Am Telefon machte sich Sabika mit ihren Freundinnen über pakistanische Fernsehserien und über Popsänger lustig, die in der Musiksendung „Coke Studio Pakistan“ aufgetreten waren. Sie sprachen über amerikanische Fernsehsendungen, die sie auf YouTube angeschaut hatten – „American Idol“, „America’s Got Talent“, „Friends“ und die „Ellen DeGeneres Show“. Und manchmal fragten sie sich, wie das Leben in Amerika wohl wirklich ist.

Im Herbst 2016 erfuhr Sabika von ihrer älteren Cousine Shaheera von einem Austauschprogramm des US-amerikanischen Außenministeriums, das nach dem 11. September 2001 vom Kongress ins Leben gerufen worden war, um die kulturellen Beziehungen zur muslimischen Welt zu stärken. Sabika zögerte nicht lange und erzählte ihren Eltern, dass sie sich dafür bewerben wollte.

Im Januar 2017 bekam sie die Nachricht, dass sie eine von etwa 900 Schülerinnen und Schülern war, die ausgewählt worden waren. „Ich bin wie eine Verrückte herumgesprungen“, sagte sie damals in einem YouTube-Video, das sie für ihre Freundinnen aufgenommen hatte. Obwohl sie ihren Eltern versichert hatte, dass ihre ersten Tage an der Santa Fe High gut verlaufen waren, vertraute Sabika ihrer Cousine an, dass es ihr schwerfiel, sich dort einzuleben. Sie konnte den Witzen ihrer Klassenkameraden und den Anspielungen auf Filme und Songs kaum folgen. Sie spürte auch, dass sich andere Schüler um sie herum unwohl fühlten und sie wegen ihres Akzents nicht verstanden.

Die einzige Ausnahme, so erzählte sie Shaheera, war ein schüchternes Mädchen in ihrem Sportunterricht – Jaelyn Cogburn. Jeden Tag in der vierten Stunde lief Jaelyn mit Sabika die Aufwärmrunden in der Sporthalle und stellte ihr dabei Fragen, die auf dem basierten, was sie im Internet recherchiert hatte. Durfte Sabika tatsächlich kein Schweinefleisch essen, weil es als unrein galt? (Richtig.) Würde sie ihren Eltern erlauben, ihre Ehe zu arrangieren? (Höchstwahrscheinlich, obwohl sie den Mann zuerst würde treffen wollen.) Und glaubte sie wirklich, dass der Koran das letzte Wort Gottes war? (Natürlich, sagte Sabika.)

Das Ganze funktionierte auch umgekehrt, und auch Sabika, die zuvor noch nie einen Christen getroffen hatte, fragte Jaelyn nach ihrem Glauben. Jaelyn erklärte, dass sie im Alter von fünf Jahren ihr Leben Jesus Christus gewidmet hatte. Sie zeigte Sabika die Bibel-App auf ihrem Handy, Sabika öffnete ihre Koran-App zusammen mit dem digitalen Kompass ihres Telefons. Er war ihr verlässlicher Begleiter, damit sie bei ihren täglichen Gebeten immer nach Osten in Richtung Mekka blickte.

Jaelyn und Sabika trafen sich nun jeden Tag zum Mittagessen in der Schulkantine. Im Oktober lud Jaelyn Sabika zu sich nach Hause ein. „Willkommen in Texas!“, sagte Joleen und umarmte sie. Für Sabika war Joleen wie alle amerikanischen Mütter, die sie im Fernsehen gesehen hatte – hübsch, aufgeschlossen und immer bereit, alles stehen und liegen zu lassen, um einem ihrer Kinder zu helfen.

Anfang Dezember erwähnte Sabika gegenüber Jaelyn, dass sie gern in eine neue Gastfamilie umziehen würde und deshalb die Stipendienorganisation kontaktiert habe. Ihre jetzigen Gasteltern seien sehr nett, aber sie wolle unbedingt erleben, wie das Leben in einer nichtmuslimischen amerikanischen Familie aussehe. Am selben Abend fragte Jaelyn ihre Eltern, ob sie Sabika aufnehmen könnten. „Schatz, ich muss schon sechs Kinder großziehen“, war Joleens prompte Antwort. Aber sie bemerkte Jaelyns flehenden Blick.

Schließlich bekam Sabika ein Schlafzimmer im Obergeschoss. Sie hängte eine pakistanische Flagge an die Wand und klebte eine ihrer Lieblingspassagen aus dem Koran an das Kopfteil ihres Bettes.

Ihren Freunden erzählten Jason und Joleen erst später von dem neuen Gast. Sie konnten sich deren Reaktion bereits vorstellen: „Was macht ihr denn mit einem muslimischen Mädchen aus einem Land, in dem Terroristen leben?“

Als sich Heiligabend näherte, äußerte Sabika den Wunsch, zusammen mit der Familie zur Kirche zu gehen. Gekleidet in ein knöchellanges tradi­tionelles pakistanisches Kleid setzte sie sich neben Jaelyn. Verblüfft hörte sie zu, als der Pastor davon sprach, dass Jesus in einem Stall von einer Jungfrau geboren worden war. Sie beobachtete, wie die Gläubigen das Abendmahl feierten, und sie erhob sich mit allen anderen, um christliche Lieder zu singen.

Am nächsten Tag feierte Sabika Weihnachten mit den Cogburns, in der Woche darauf besuchten sie zusammen ein christliches Treffen. Dort verbreitete sich die Nachricht, dass sie eine praktizierende Muslimin sei. Ein Teenager fragte Sabika, ob sie eine Terroristin sei. „Hör auf damit!“, fauchte Jaelyn, „Sabika ist meine Freundin!“

„Du bist mit ihr befreundet?“ Der Junge ließ nicht locker.

„Wir sind beste Freundinnen“, konterte Jaelyn.

Genauso wie in Pakistan war Sabika auch in den USA eine gute Schülerin. In Physik hatte sie Bestnoten. Für den Englischunterricht las sie pflichtbewusst amerikanische Klassiker und schrieb eine Arbeit über die #MeToo-Bewegung. In Geschichte hielt sie eine Präsentation über Pakistan, in der sie von den freundlichen Menschen und dem leckeren Essen schwärmte. Auch in anderer Hinsicht hinterließ sie einen bleibenden Eindruck. „Ich weiß nicht, wie ich das genau erklären soll, aber man hat sich in Sabikas Gesellschaft einfach wohlgefühlt“, sagte ihr Sportlehrer. „Sie hat nie gestritten, und sie war nie verärgert. Sie war eine Friedensstifterin.“

Jeden Abend lag sie mit Jaelyn auf ihrem Bett – Sabikas Kopf an einem Ende, Jaelyns am anderen. Mithilfe ihrer Smartphone-Apps zitierte Jaelyn die Bibel und Sabika den Koran. So ging es stundenlang, bis sie schließlich das Thema wechselten und sich darüber austauschten, was an diesem Tag in der Schule passiert war.

Manchmal wurde Sabika aber auch mit tragischen Aspekten des Lebens in den USA konfrontiert. Im Januar erfuhren sie und Jaelyn, dass ein Schüler der Santa Fe High Selbstmord begangen hatte. Am Valentinstag erhielten sie auf ihren Handys Eilmeldungen, dass es eine Schießerei an einer Highschool in Florida gegeben hatte. Ein 19-jähriger Ex-Schüler hatte 17 Schüler und Mitarbeiter getötet, weitere 17 verwundet.

Sabika war mit Gewalt an Schulen vertraut. Im Laufe der Jahre hatten die Taliban in den Stammesgebieten Pakistans die Schulen gewaltsam geschlossen, an denen Mädchen unterrichtet wurden. Im Jahr 2014 überfielen bewaffnete Männer eine Schule in der Stadt Peschawar und töteten 149 Menschen, darunter 132 Schüler. Doch das, was in Parkland, Florida, geschehen war, konnte Sabika nicht verstehen. Warum, fragte sie Jaelyn, lief ein amerikanischer Junge, der mit Privilegien gesegnet war, die die meisten Pakistanis nur aus dem Fernsehen kennen, Amok?

Der Frühling begann. Da ihre Zeit in den USA langsam zu Ende ging, versuchte Sabika, noch möglichst viel vor ihrer Rückreise nach Pakistan zu unternehmen. Sie trug Jaelyns Cowboystiefel zum Rodeo in Houston, und sie versuchte das Fahrradfahren zu lernen.

Aber sie hatte auch Heimweh und sah sich online Kricketspiele der pakis­tanischen Nationalmannschaft gegen Indien an. Sie streamte die Fernsehshow „Coke Studio Pakistan“. Dann schrieb sie einen Brief an Jaelyn. „Ich weiß wirklich nicht, wie ich deine Abwesenheit ertragen soll, wenn ich wieder in Pakis­tan bin. Du bist toll, witzig, fürsorglich, sensibel, gottliebend, menschenliebend, eine Frohnatur, positiv und einfach nur fantastisch.“

Sabikas Rückkehr nach Karatschi war für den 9. Juni geplant. Am 18. Mai, noch bevor die Sonne aufging, aßen Sabika und Jaelyn schnell ihr Frühstück und fuhren dann mit dem alten grünen Pick-up der Familie zur Schule. Jaelyn hatte zwar keinen Führerschein, aber die Schule war weniger als eine Meile entfernt, und der Weg führte über eine Nebenstraße. Auf dem Weg vom Parkplatz zu den Unterrichtsräumen verabschiedeten sie sich voneinander.

Wenige Minuten nachdem Jaelyn sich im Biologieunterricht an ihren Platz gesetzt hatte, ertönte der Feueralarm. „Das ist wahrscheinlich nur eine Übung“, sagte die Lehrerin. „Lasst all eure Sachen bei euren Tischen.“

Jaelyn verließ die Schule zusammen mit ihren Klassenkameraden durch eine Seitentür. Draußen rasten mehrere Polizeiautos mit lautem Sirenengeheul vorbei. Ein Lehrer erzählte von einer Schießerei im Kunstraum, und in der Ferne sah Jaelyn ein Mädchen, das aus der Schule humpelte. Sie versuchte mehrfach, Sabika anzurufen, doch es meldete sich immer nur die Mailbox. Die lokalen Fernsehsender unterbrachen ihre laufenden Sendungen und warnten davor, dass sich ein Amokläufer an der Highschool in Santa Fe aufhielt.

In Karatschi hatten Aziz, Farah und ihre Kinder gerade zu Abend gegessen. Aziz schaltete den Fernseher ein, um sich die neuesten Nachrichten des Senders Pakistan 92 anzusehen. Er las im Newsticker von einer Schießerei an einer texanischen Schule und wechselte zu CNN. Auf dem Bildschirm erschien ein Foto der Highschool, die seine Tochter besuchte.

Aziz rief Sabika an, 24 Mal in Folge. Schließlich versuchte er es bei Jason, der inzwischen mit Joleen zur Highschool gefahren war. Die beiden Männer hatten noch nie zuvor miteinander gesprochen. Jason sprach langsam, damit Aziz ihn verstehen konnte. Er sagte, Sabika werde vermisst, und sobald er mehr Informationen habe, werde er zurückrufen.

Jason, Joleen und Jaelyn wurden in ein nahe gelegenes Schulgebäude geschickt, genauso wie andere Familien, die noch auf der Suche nach ihren Kindern waren. Immer wieder kam ein Bus mit Schülern an, die noch in der Highschool gewesen waren. Die Cogburns sahen sich jede Schülerin an, die aus dem Bus stieg, in der Hoffnung, dass Sabika auftauchen würde. Der letzte Bus kam um 13:30 Uhr, in ihm saßen die Schüler aus dem Kunstraum. Joleen fragte, ob jemand Sabika gesehen habe. Eine Schülerin erzählte, dass sie mitbekommen habe, wie Sabika morgens zum Kunstunterricht gegangen war, aber nicht, dass sie den Raum wieder verlassen hatte. Dann bekam Jason einen Anruf von einem Freund im Krankenhaus. Er nahm Jaelyn und Joleen mit in einen leeren Raum, um ihnen zu sagen, dass Sabika tot war. Jaelyn brach zusammen, und Joleen begann zu schreien.

Nachdem die Cogburns nach Hause gefahren waren, ging Jason nach draußen und rief Aziz an. Dieser stand in Karatschi in seinem Wohnzimmer, umgeben von Freunden und Verwandten, die von der Schießerei gehört hatten. Farah saß mit den Kindern auf dem Sofa. Nachdem er mit Jason gesprochen hatte, legte Aziz das Telefon nieder. Er wandte sich an alle im Raum und sagte: „Sabika lebt nicht mehr.“

Acht Schüler und zwei Lehrer starben an diesem Tag an der Santa Fe High, 13 weitere wurden verwundet. Der 17-jährige Schüler Dimitrios Pagourtzis wurde verhaftet. Er gestand die Morde.

Dimitrios war nicht vorbestraft. Als Kind war er Mitglied einer Tanzgruppe der griechisch-orthodoxen Gemeinde. Später spielte er in einem der Footballteams der Schule. Er war ein ruhiger Typ, viele Schüler kannten ihn überhaupt nicht. Jaelyn und Sabika waren ihm zuvor nie begegnet, aber ihre Freundin Samantha hatte schon ein paar Mal versucht, mit ihm zu reden; sie machte ihm einmal ein Kompliment wegen der Kampfstiefel, die er oft in der Schule trug. Aber er hatte sie stehen lassen, ohne ihr eine Antwort zu geben.

Angeblich führte eine Begegnung mit einer 16-jährigen Schülerin zu Dimitrios’ Tat. In diesem Frühjahr hatte Dimitrios mehrmals versucht, sich mit ihr anzufreunden, doch sie hatte ihn immer wieder abblitzen lassen. Nach Aussagen ihrer Mutter habe sie Dimitrios vor den Augen mehrerer Mitschüler zurückgewiesen – wenige Tage vor der Schießerei.

Sabika gehörte zu denen, die versucht hatten, zu fliehen. Dimitrios schoss ihr in die rechte Schulter, in die Stirn und die Wange. Dann ging er hinaus auf den Flur und zielte auf weitere Schüler, einen Lehrer und einen Sicherheitsmann der Schule. Schließlich, 30 Minuten nachdem er die ersten Schüsse abgefeuert hatte, gab er auf.

Ein paar Tage nach der Schießerei fuhren Jaelyn und ihre Familie zu einem Bestattungsinstitut. Sie sahen Sabikas Körper, der gewaschen, in weiße Leinentücher gewickelt und in einen schlichten Holzsarg gelegt worden war. Die Einschusslöcher in ihrem Gesicht waren überschminkt. Sabikas Sarg wurde in die grün-weiße Flagge Pakistans gehüllt und nach Karatschi geflogen, wo eine pakistanische Ehrengarde wartete. Später wurde ihr Körper von der Wohnung ihrer Eltern zu einem kleinen Friedhof gebracht, aus dem Sarg genommen und in ein flaches Grab unweit des Grabes ihrer Großeltern gelegt. Aziz drehte Sabikas Gesicht nach Osten, sodass sie immer nach Mekka blicken würde.

In ganz Südasien war Sabikas Tod auf den Titelseiten der Zeitungen. Reporter beschrieben sie als Pakistans Märtyrerin – eine idealistische junge Frau, die nach Amerika gereist war, gespannt darauf, das Beste der Kultur kennenzulernen, nur um das Schlimmste zu erleiden. Wütende Pakistanis erklärten, dass die Vereinigten Staaten kein Recht hätten, andere Länder als terroristisch zu denunzieren, während sie selbst unter ihrer ganz eigenen Version des Terrorismus litten.

Aziz war nie politisch aktiv, aber jetzt gab er Interviews, in denen er Präsident Trump bat, Gesetze zu erlassen, die amerikanische Teenager daran hindern, Schusswaffen zu erwerben. „Keine anderen Eltern sollten jemals diese unerträgliche Trauer erleben müssen“, sagten Aziz und Farah in einer Pressemitteilung. „Sabikas Bild ist jeden Moment vor unseren Augen, und ihre Stimme und ihr Lachen hallen in unseren Ohren. Für eine Mutter und einen Vater bleiben dieses Trauma und diese Trauer bestehen bis zum letzten Atemzug.“

Die Cogburns wandten sich an ihre Kirche, um Trost zu finden. Ende Mai bat Joleen den Pastor, einen Trauergottesdienst für Sabika abzuhalten. Es war eine besondere Bitte – eine Gedenkfeier für eine Muslimin in einer evangelikalen Kirche. Mehr als 100 Personen nahmen daran teil. Sie sangen die christlichen Lieder, die Sabika am liebsten gemocht hatte, „Reckless Love“ und „What a Beautiful Name“.

Nach dem Gottesdienst war Jaelyn in etwas besserer Verfassung. Im Laufe der folgenden Tage hatte sie jedoch Schwierigkeiten, sich auf etwas anderes als Sabikas Tod zu konzentrieren. Sie schickte Textnachrichten an Sabikas Mutter, und eines Abends rief sie Farah an, nur um ihre Stimme zu hören. Doch Farah klang so sehr nach ihrer Tochter, dass Jaelyn zusammenbrach.

Jaelyn wurde von einem immer wiederkehrenden Traum gequält. Sie würde nach Karatschi reisen, um ihre Freundin zu sehen, aber jedes Mal, wenn Jaelyn versuchte, sich ihr zu nähern, drehte sich Sabika um und rannte weg. Sabikas Gesicht sah aus, als wäre es verbrannt. „Ich will nicht mit dir reden!“, schrie Sabika im Traum. „Lass mich in Ruhe!“ Jaelyn würde ihr nachlaufen, doch Sabika würde jedes Mal verschwinden.

Aus dem Englischen von Claudia Eberlein

© Texas Monthly 2019

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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