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Land, angedickt mit Induschtrie

Über die Dörfer mit unserem Reporter Bartholomäus von Laffert. Teil 1: Reute, Baden-Württemberg

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Wie das glupschige Auge eines Zyklopen leuchtet das Sparkassen-Emblem in die Nacht. Nicht bloß Markenzeichen eines Geldinstituts, mehr symbolischer Lockruf eines Dorfes, einer ganzen Region: Hier gibt es Banken, hier gibt es Geld. Und obendrauf einen Friseursalon, einen Zahn- und einen Hausarzt, einen Netto-Markt, einen Bäcker, zwei Metzger, ein Dutzend Flüchtlinge.

„Ich bin 27, und wenn ich ans Kinderkriegen denk, dann wünsch ich mir schon, dass ich die morgens sorglos rausschicken kann zum Spielen in den Wald, und abends kommen’s unversehrt wieder zurück“, sagt Stefan, guckt verliebt und streichelt Paulinas Hand. „Weißt du“, sagt Paulina zu mir. „Ich glaube, viele von uns haben keinen Bock mehr auf Vierzigstundenwoche. Unsere Leistungsgesellschaft läuft langsam aus. Die Leute sehen es nicht mehr ein, sich umsonst kaputtzumachen.“

In BaWü ist das Land angedickt mit viel Induschtrie. So viel, dass ein jeder Arbeit ndet, der Arbeit nden will. In Bad Waldsee sitzt der Wohnmobilhersteller Hymer, im Nachbarka Aulendorf hat der Konkurrent Carthago gleich eine eigene „City“ aus dem Boden gezogen, in der sich Wohnmobile wie römische Legionäre zu Hunderten in Schildkrötenformationen zusammenschließen. Drum herum fette Gewerbegebiete voller hässlicher Konsumbaracken, die Land fressen und Arbeitsplätze schaffen.

Fragen, die sich ein Landkind in Baden-Württemberg stellt: Wieso sollte ich weg, wenn ich hier alles habe? WG-Zimmer bezahlen, wenn ich auch eine ganze Wohnung bekommen kann? Und wenn ich in die Stadt will, dann bin ich in 20 Minuten in Ravensburg oder Biberach. Und wenn ich nach Neuseeland will, dann fahr ich eben zum Flughafen und fliege nach Neuseeland.

Notiz an mich selbst: Diese Landkinder haben dein Leben – und das Land! Es ist zehn Uhr morgens, und doch hat es schon zwanzig Grad. Ich stehe zusammen mit der Guten Beth in einem schlauchförmigen Gang. Sie hat ihre Augen halb geschlossen, ihr zarter Körper ist geronnen und zur Skulptur erstarrt. Daneben ein Bittbuch, in dem landfromme Pilger ihre Bittbuchpoesie niedergeschrieben haben: „Liebe Gute Beth, schick Nina u. Benny bald Nachwuchs. Sie wären so wundervolle Eltern. Danke.“ „Liebe Gute Beth, ich bitte dich um Heilung meiner Melancholie. Auch bitte ich um Beistand für meinen lieben Sohn in der Prüfungszeit. Danke“

„Ich bitte dich fon Heilung for ADHS. Noah“ Auf dem Land ist der Glaube noch groß, das merkt man gleich, wenn man ins Bittbuch der Guten Beth schaut, einer Wunderheilerin aus dem 15. Jahrhundert, der im Kloster Reute gehuldigt wird.

Drei Nonnen sitzen im Schatten des Sonnenschirms, alle drei mit Brille, schwarzen Gewändern, die gescheitelten Haare unter hüftlangen Schleiern. Klara, 33, Leonie, 36, und Elisa, 38, sind die Jüngsten aus dem Konvent. „Land ist, als würde jemand kräftig auf deine inneren Bremsen treten. Land ist Reizarmut, der Zwang, dich mit dir selbst zu beschäftigen und dem, was du wirklich glaubst“, sagt Elisa. Aus demselben Grund haben Mönche und Nonnen schon vor tausend Jahren angefangen, ihre Klöster aufs Land zu bauen, wo man tiefer, inniger, ehrlicher glauben kann als irgendwo sonst. Und wo wir gerade am Puls der Zeit fühlen, sprechen wir über Heimat, wie es ja derzeit ziemlich in Mode ist, und Elisa sagt: „Heimat ist Glaube angereichert mit Menschen.“

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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