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„Ich war voller Wut“

Mit zwanzig saß Hamid Aydin im Knast und galt als islamistischer Gefährder. Heute hilft er Inhaftierten, sich zu deradikalisieren

  • 4 Min.
Der Koran liegt auf einem Tisch in einer Zelle

fluter.de: Als Teenager haben Sie sich ständig geschlagen, mit Zwanzig saßen Sie dann im Knast. Was war da los?

Hamid Aydin*: Seit ich denken kann, habe ich mit Gewalt zu tun. Mein Vater war Alkoholiker, hat gespielt und Mama und uns Kinder geschlagen. Ich dachte, Gewalt sei normal, war fünf Mal wegen Körperverletzung, Raub und ein paar anderen Sachen vor Gericht. Mit zwanzig musste ich dann für 28 Monate ins Gefängnis. Dort habe ich mich auch nicht willkommen gefühlt, das zog sich quasi durch mein ganzes Leben.

Wie kam das?

Meine Familie stammt aus dem Libanon. Als ich vier war, sind wir nach Deutschland. In der Grundschule hatte ich große Probleme mit der Sprache. Mit den Lehrern kam ich nicht klar und mit den anderen Kindern auch nicht. Wenn die auf Klassenfahrt waren, musste ich zu Hause bleiben: Weil ich keine Papiere hatte und meine Identität „ungeklärt“ war, durfte ich die Stadt nicht verlassen. Ich hatte immer das Gefühl, nicht dazuzugehören. Später dann beim Arbeitsamt wurde mir eine Ausbildung verwehrt. Irgendwann hab ich mir gesagt: Geh ich eben meinen eigenen Weg.

In Haft begannen Sie sich für den Islam zu interessieren. Warum?

Als Kind besuchte ich zwar oft die Moschee, aber ich konnte mich nur noch an die Ohrfeigen erinnern und dass man kein Schweinefleisch essen darf. Im Gefängnis habe ich einen jungen Afghanen kennengelernt, der eine krasse Ruhe ausgestrahlt hat. Er war hilfsbereit, freundlich und furchtlos. Er sagte, die Menschen könnten ihm nichts anhaben: „Mach dir lieber Gedanken über das Leben nach dem Tod – dann kommt die richtige Strafe!“ 

 „Einen Sinn suchenden Inhaftieren müssen Sie sich vorstellen wie einen Schwamm, der alles aufsaugt“

Klingt eher nicht beruhigend.

Mich hat es beeindruckt. Von da an blieb ich die meiste Zeit in meinem Haftraum und betete um Verzeihung. Mit den anderen Inhaftierten wollte ich nichts zu tun haben. Ich habe keine Drogen genommen, mich nicht geprügelt. Schon damit erregt man in einem Gefängnis Aufmerksamkeit. Und ich ließ mir einen Bart wachsen. 

Für die Justizbeamten waren Sie ein potenzieller Dschihadist. 

Klar, für mich gab es ja nur noch die Religion, etwas anderes wollte ich nicht mehr hören. Das Problem war: Mein afghanischer Freund wurde sehr bald abgeschoben, und von den anderen Inhaftierten konnte ich nur bruchstückhafte Infos kriegen. Ich hab die ganze Zeit nach Quellen gesucht: Was sagt der Koran? Was darf ich als Gläubiger? Was nicht? Ich bin sogar zum Gefängnispastor gelaufen, aber der meinte, er könne mir nicht helfen. 

Irgendwann durften Sie einen Islamkurs des Violence Prevention Network besuchen.

Das war eigentlich ein Antigewalttraining. Der Trainer, Thomas Mücke, kannte sich aber extrem gut mit dem Islam aus. Ich hatte mich schon oft für solche Kurse beworben, damit ich früher rauskomme, aber immer Absagen kassiert, weil ich ja als Gefährder galt. Mücke hatte all das Wissen, das ich suchte: über den Propheten, über Regeln, über den Koran. Ich dachte: Der ist doch ein Moslem, der traut es sich nur nicht zu sagen! Je mehr ich gelernt habe, desto weniger Hass hatte ich in mir. 

Muslimische Häftlinge beim Freitagsgebet in der Justizvollzugsanstalt Frankfurt I (Foto: Markus Kirchgessner/laif)

Muslimische Häftlinge beim Freitagsgebet in der Justizvollzugsanstalt Frankfurt I

(Foto: Markus Kirchgessner/laif)
 

Was, wenn Sie zu diesem Zeitpunkt jemand anderen getroffen hätten? Hätten Sie sich vielleicht radikalisiert?

Aber zu hundert Prozent! Einen sinnsuchenden Inhaftierten müssen Sie sich vorstellen wie einen Schwamm, der alles aufsaugt. Hätte ich jemanden getroffen, der mir eine gefährliche Ideologie beigebracht hätte, sie wäre eingeschlagen wie eine Bombe. Ich war voller Wut und gab allen die Schuld an meinem Leid: dem System, den Beamten, dem Staat. Nur nicht mir selbst.

Heute sind Sie Deradikalisierungstrainer. Was macht man da? 

Am Anfang erzähle ich viel von mir. Oft sind die Inhaftierten skeptisch und fragen nach meinem Aktenzeichen: Sie wollen überprüfen, ob ich lüge. Viele glauben ja, dass man jede Chance verspielt hat, sobald man einmal im Gefängnis saß. Wenn sie dann meine Biografie hören, sind sie überrascht. Das ist ein guter Moment, um sie für bestimmte Themen zu sensibilisieren.

 „Wenn man Menschen einsperrt, dann fühlen sie sich bedrängt. Viele denken dann an das Jenseits“

Wie geht das?

Ein wichtiger Begriff ist zum Beispiel der der Ehre. Ich selbst hatte durch meinen Vater ein völlig verqueres Bild davon. Hätte er zu mir gesagt „Du musst für die Ehre unserer Familie deine Schwester töten“, ich hätte nicht gezögert. Ehrenmorde haben aber nichts mit Religion, sondern mit einer menschenverachtenden und fürchterlich toxischen Tradition zu tun. Die Inhaftierten müssen erkennen, dass das, was sie irgendwo über Religion gehört haben, und das, was der Koran sagt, womöglich zwei ganz verschiedene Dinge sind. 

Wie stehen die Chancen für eine Deradikalisierung?

Es dauert ein bisschen, aber meistens klappt es. 

Wie oft treffen Sie Inhaftierte zu diesem Zweck?

Das hängt ganz vom Bedarf ab. Manche Inhaftierte treffe ich einmal in der Woche. Wenn die Gespräche fruchten, was man zum Beispiel am Respekt gegenüber Frauen oder den Beamten sieht, reduzieren wir. 

In manchen Medien klingen JVAs wie die reinsten Brutstätten für Islamisten. Die Forschung ist sich da nicht so sicher. Wie groß schätzen Sie das Risiko ein, dass ein Extremist in den Knast geht und fünf wieder herauskommen?

Was ich aus meiner Erfahrung sagen kann: Wenn man Menschen einsperrt, dann fühlen sie sich bedrängt. Viele denken dann an das Jenseits, als gäbe es keinen anderen Ausweg aus ihrer Misere. Wenn man ihr Verlangen nach Wissen darüber nicht befriedigt, dann gehen sie zum nächstbesten Inhaftierten und fragen den. 

 „In jeder Anstalt gibt es einen Pastor. Warum nicht auch einen Imam?“

Rein biografisch betrachtet nicht unbedingt der beste Einfluss. 

Richtig. Viele hassen den Staat. Manche muslimische Inhaftierte denken sich: Wollte der Staat uns wirklich helfen, würde er Imame zu uns lassen. Dazu kommt, dass viele nach etwas suchen, mit dem sie ihrem Leben trotz aller Verfehlungen Sinn geben können. Also ja: Die Gefahr der Radikalisierung ist sicher da.

Was müsste im Strafvollzug anders sein, damit diese Gefahr sinkt? 

Meiner Meinung nach sollten wir mehr fundiertes Wissen über Geschichte, Politik und den Islam anbieten. In jeder Anstalt gibt es einen Pastor. Warum nicht auch einen Imam? Vielerorts fehlt es an muslimischer Seelsorge.

Wenn von Radikalisierung die Rede ist, denken viele als erstes an religiöse Radikalisierung. Welche Rolle spielt politischer Extremismus im Knast?

Eine große. Ich selbst habe damit wenig Erfahrung gemacht, was ich aber von meinen Kollegen weiß, ist: Die Arbeit ist praktisch identisch. Der Moslem denkt: Mein Gott ist der wahre Gott. Der Rechtsextremist denkt: Mein Land ist das wahre Land, meine Rasse ist die wahre Rasse. Bei jeder Art von Extremismus gilt es, eine Verunsicherung auszulösen. Aber nicht durch eine konfrontative Diskussion. Man sollte sachte Gedanken anstoßen, die sich eine Person sonst nicht gemacht hätte.

Hamid Aydin, 33, arbeitet für die NGO Violence Prevention Network, das u.a. vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge und vom Bundesministerium des Innern gefördert wird. Aydin betreut Inhaftierte in 18 JVAs.

*Name von der Redaktion geändert

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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