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Woher kommt der Hass auf Muslime?

Feindliches Denken gegenüber dem Islam prägt unsere Gesellschaft. Warum das so ist und welche gravierenden Folgen das hat, weiß die Wissenschaftlerin Iman Attia

Foto:  Daniel Biskup/laif

fluter.de: Im neuseeländischen Christchurch hat ein Attentäter 50 Muslime getötet. Würden Sie sagen, dass Rassismus gegen Muslime seitdem in der deutschen Öffentlichkeit stärker thematisiert wird? 

Iman Attia: Wer ist „die deutsche Öffentlichkeit“? In der muslimischen deutschen Öffentlichkeit ist das Thema schon lange bekannt. Nach meinem Eindruck trägt die Berichterstattung aber dazu bei, Menschen, die bislang Rassismus geleugnet haben, wachzurütteln. Einige glauben erst, dass wir es mit einem ernsthaften Problem zu tun haben, wenn sie von Gewaltausbrüchen hören. Den Medien kommt deswegen eine große Verantwortung zu, Rassismus zu thematisieren – und zwar nicht erst, wenn Menschen unmittelbar dadurch sterben. Muslim*innen erfahren täglich verbale und körperliche Angriffe in Deutschland. Etwa wenn ihnen das Kopftuch vom Kopf gerissen wird, sie in den Bauch geboxt oder beschimpft werden, um nur einige Normalitäten zu benennen. 

Was würden Sie jemandem antworten, der sagt: „Es gibt keinen antimuslimischen Rassismus, denn der Islam ist ja keine Rasse .“ 

Das ist Unsinn, denn biologisch gibt es ohnehin keine „Rassen“. Im Rassismus geht es auch nicht um „Rassen“, sondern darum, dass Menschen aufgrund eines Merkmals „rassifiziert“, also zu einer einheitlichen Gruppe gemacht werden. Dabei kann es mal die Religion sein, die der Grund dafür ist, dass Menschen als „anders“ wahrgenommen werden. Mal ist es die Kultur, mal die Biologie. Aber die Logik ist immer dieselbe.

Nämlich?

Rassismus funktioniert nach einem Dreiklang: Erstens: „Sie müssen alle so sein, weil ihre Religion/Kultur/Biologie ihnen das vorschreibt“ (Essentialisierung). Zweitens: „Sie sind alle gleich“ (Homogenisierung). Drittens: „Sie sind anders als wir“ (Dichotomisierung). Und meist bedeutet „anders“ eben auch „weniger gebildet, fortschrittlich, zivilisiert“. 

 „Wenn Sie aufgrund Ihres Namens eine Wohnung kriegen und ich nicht, haben Sie nicht gewollt rassistisch gehandelt. Trotzdem haben Sie von Rassismus profitiert“

In den Medien liest man die unterschiedlichsten Begriffe, wenn es um Vorurteile gegen Muslime geht: Islamfeindlichkeit, Muslimfeindlichkeit, Islamophobie. 

Diese Begriffe betrachten eher die Spitze des Eisbergs: nämlich die körperlichen und verbalen Übergriffe. Sie lenken den Blick eher auf die Vorurteile des Einzelnen. Dieser Blick bestimmt dann auch, welche Maßnahmen sie dagegen empfehlen: Programme, die Menschen helfen sollen, ihre Einstellungen zu überdenken. 

Sie selbst benutzen eher den Begriff des „antimuslimischen Rassismus“. Warum?

Hinter dem Begriff „Rassismus“ steht die Idee, dass nicht nur der oder die Einzelne das Problem ist. Und dass wir viel früher ansetzen müssen, um zu verstehen, woher Hass und Übergriffe auf Muslime kommen. Es gibt Diskurse und eine Gesellschaftsstruktur, die dafür sorgen, dass die Konsequenzen meines Handelns rassistisch sein können – selbst wenn ich das gar nicht will.

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"Pro Deutschland" Demo in Berlin (Foto:  Christian Jungeblodt/laif) (Foto:  Christian Jungeblodt/laif)

Mit Schild und Hass: Auf einer antimuslimischen Demonstration von „Pro Deutschland“ in Berlin fordern Teilnehmer ein Minarett-Verbot

(Foto: Christian Jungeblodt/laif)

Können Sie ein Beispiel für diesen unbewussten Rassismus geben? 

Wenn Sie aufgrund Ihres Namens eine Wohnung kriegen und ich nicht, haben Sie nicht gewollt rassistisch gehandelt. Trotzdem haben Sie von Rassismus profitiert. 

Wäre ein Programm, das unserem fiktiven Vermieter hilft, seine Vorurteile zu überdenken, dann nicht eine gute Idee? 

Ja, aber es reicht eben nicht. Viele Jugendliche machen Rassismuserfahrungen in der Schule. Natürlich würde ich auch sagen, wir müssen der Lehrerin klarmachen, dass sie Kinder nicht aufgrund ihrer Herkunft anders behandeln soll. Doch selbst die sensibilisierteste Lehrerin wird irgendwann aufgeben, wenn sie ein Curriculum unterrichten muss, das Rassismus reproduziert. Deshalb sage ich: Wir müssen die Strukturen anschauen. Und die historischen Bedingungen, die diese Strukturen begünstigt haben.

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Dann lassen Sie uns das tun: Wo liegen die Ursprünge des antimuslimischen Rassismus? 

Kurz gesagt: im Jahr 1492. 

Also in dem Jahr, in dem die „Reconquista“ – die Rückeroberung der Iberischen Halbinsel durch die Christen – mit der Einnahme Granadas endete?

Ja, nur dass es eben keine „Rückeroberung“ war, sondern eine erstmalige Eroberung. Der Begriff „Reconquista“ ist erst hinterher geprägt worden. Er ist eine Interpretation, und dass Sie ihn so übersetzen, zeigt, wie tief diese Wahrnehmung verankert ist: „Europa war schon immer christlich, und Muslime sind von außen eingedrungen.“ Dabei gab es damals keine Einheit, die sich als christliches Spanien definiert hätte und die es „zurückzuerobern“ galt. 

Ist es nicht normal, dass Christen die neu ankommenden Muslime zumindest anfangs als „anders“ wahrgenommen haben?

Der Mittelmeerraum war seit Jahrhunderten ein geteilter Kulturraum. Man kannte sich. Seit dem Jahr 711 herrschten arabische Muslime über große Teile der Iberischen Halbinsel. Fast 800 Jahre lang lebten Juden, Christen und Muslime dann unter muslimischer Herrschaft vergleichsweise friedlich zusammen. Es gab viele Kooperationen, die Wissenschaft blühte, man heiratete, konvertierte, trieb Handel. Natürlich waren nicht alle gleich und gleichberechtigt, aber das System ist für die damalige Zeit doch revolutionär gewesen.

Was änderte sich 1492?

Vorher verliefen die Loyalitäten nicht unbedingt entlang der Religion. Christen verbanden sich mit Muslimen gegen andere Christen. Es gab eine gewisse Durchlässigkeit. Wenn jemand konvertierte, zählte die Person von da an zu der neuen Gemeinschaft. Nach 1492 wurde die Religionszugehörigkeit plötzlich zu einer Art unveränderlichem Wesensmerkmal – wie eine „Rasse“ eben. Man konnte sie nicht mehr loswerden. Und: Juden und Muslime standen plötzlich unter dem Generalverdacht, aufgrund ihrer Religion der christlichen Krone gegenüber gar nicht loyal sein zu können. 

 „All das Wissen und die Bilder von Muslimen, die damals entstanden sind, haben sich in Liedern, Romanen oder wissenschaftlichen Texten festgesetzt“

Was waren die Folgen?

Es gab erst Zwangskonversionen, dann Vertreibungen und schließlich Deportationen. Zunächst von Juden und Jüdinnen, später auch der Muslime und Musliminnen, die damit aus Europa fast vollständig entfernt worden sind. Das Geld, das dabei konfisziert worden ist, wurde übrigens verwendet, um Amerika zu erobern.

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Iman (Foto: privat)

Iman Attia ist Erziehungswissenschaftlerin und Professorin für Critical Diversity Studies mit dem Schwerpunkt Rassismus an der Alice Salomon Hochschule in Berlin.

(Foto: privat)

Wie viel haben diese Ursprünge mit dem heutigen antimuslimischen Rassismus zu tun? 

All das Wissen und die Bilder von Muslimen, die damals entstanden sind, haben sich in Liedern, Romanen, wissenschaftlichen Texten und so weiter festgesetzt. Ein bestimmtes Wissen über „uns“ und „die Muslime“ wurde zur Wirklichkeit. Wie oft hören wir heute noch die Unterstellung, Muslime könnten sich nicht „integrieren“, weil sie kulturell so anders seien! 

Was entgegnen Sie Islamkritikern, die sagen: „Es muss aber möglich sein, den Islam zu kritisieren“? 

Wenn jemand unbedingt „den Islam“ kritisieren will, werde ich misstrauisch. Es gibt Hunderte Interpretationen und Lebensformen. Wogegen genau habe ich also eigentlich etwas? Natürlich muss es möglich sein, konkrete Praktiken von Muslimen oder Glaubensüberzeugungen zu kritisieren. Doch selbst bei den katholischen Missbrauchsfällen, die ja durchaus auch strukturelle Gründe wie das Zölibat haben, käme keiner auf die Idee, von „Katholizismuskritik“ zu sprechen. Sie sagen ja nicht „Ich will den Katholizismus kritisieren“ und suchen dann nach Bibelstellen und Personen, die Ihnen nicht passen. Daher sollte man das auch beim Islam vermeiden.

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

7 Kommentare
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Gast
  ·  
10.06.2019-10:06

Woher kommt der Hass und Rassismus von Muslime auf Nicht-Muslime der laut Studie in Islamischen Ländern um ein vielfaches höher ist als im Westen gegen Muslime?
Warum werden in mehrheitlich Islamischen Ländern soviel "Mein Kampf" Bücher verkauft? (Die Muslime und Nazis haben sich damals "Brüder im Geiste" genannt weil der Islam so Weltoffen und mehrheitlich friedlich ist nicht wahr {lach})
Der unreformierte Islam darf an deutschen Schulen gelehrt werden mit ähnlichem faschistischem Inhalt wie er auch in "Mein Kampf" zu finden ist. Daher äußern sich auch islamische Schüler in Deutschland laut Studie so positiv gegenüber der Scharia (immerhin fast 50% Pro Scharia!) , der Hisbollah, Muslim Bruderschaft etc!
Heißt es nicht eigentlich gute Gäste gehen auch wieder?
Warum sind dann die Gastarbeiter noch hier.

Sie sind eine Islamromantikerin und sollten sich schämen. Der Islam ist eine Gefahr für jeden Nichtmoslem. Und solange es im Koran genauso drin steht wie es drinn steht wird sich nichts ändern und wir "Rassisten" wie wir genannt werden, werden solange auch keine Empathie für diese Menschen haben. Und nein, das alte Testament ist damit nicht zu vergleichen da es zwar auch gewalttätig ist aber weder ein Befehlsbuch noch eine Politische Richtschnur sondern ein religiöses Geschichtsbuch ist.

Defne
  ·  
13.06.2019-10:06

"Heißt es nicht eigentlich gute Gäste gehen auch wieder?
Warum sind dann die Gastarbeiter noch hier."
Das ist doch nicht ihr ernst oder? Da bin ich kurz sprachlos und komme sicherlich noch in meinem Kommentar darauf zurück.... erstmal bin ich sprachlos

Das ist doch mal ein Beispiel für ein Kommentar, der jede Menge Vorurteile beinhaltet und tatsächlich einfach rassistisch ist und zeigt, dass sie weder den Islam kennen noch Personen, die diese Religion praktizieren.
Meine muslimischen Großeltern kamen als Gastarbeiter in den 80er Jahren nach Deutschland und machen Sie sich mal keine Sorgen, die sind glücklich wieder in ihrer Heimat und genießen ihre Rente, aber ja ihre Kinder und ihre Enkelkinder (dazu gehöre auch ich) sind noch immer in Deutschland. Und ich fühle mich mit ihrem Kommentar persönlich angegriffen, weil ich mich frage, wohin soll ich denn?
Meine Heimat ist Deutschland, ich bin hier geboren, spreche die Sprache hervorragend (ich bin mir auch zu 100% sicher besser als 50% der "Deutschen", wer auch immer "die Deutschen" sind. Sie können es gerne auch als Menschen mit deutscher Staatsangehörigkeit definieren, wie Sie möchten. Studiere im Master ein Fach in dem die Migrationsrate gefühlt am geringsten ist.. aber pappalapp, was schreibe ich hier.... das geht Sie nämlich alles nichts an!!!! Mensch ist Mensch egal welche Religion praktiziert wird oder er einfach nur Atheist ist.
Ich kenne nicht eine!!! islamische Bürgerin, die positiv gegenüber der Scharia steht und bitte stellen Sie mir mindestens 50 vor, die es tun. Wer hat diese Studie gemacht? Wie viele wurden befragt? Haben Sie die Rechtmäßigkeit dieser Studie überprüft? Denken Sie ernsthaft eine Studie ist repräsentativ für den gesamten Islam?
Sie sollten sich schämen für die Verbreitung falscher Thesen!
und ich sollte aufhören meine Zeit und Kraft in islamophoben Menschen zu investieren, die in ihrer Meinung so fest rassistisch verankert sind, dass ein Diskurs ohnehin zum Scheitern verurteilt ist.

Judith Falk
  ·  
12.06.2019-02:06

Das ist sehr böses Gift was sie verspritzen. Wenn sie eine schlimme Erfahrung in ihrem Leben mit Menschen gemacht haben, oder ihr Leben nicht so verläuft wie sie sich das wünschen dann tut mir das sehr leid. Dann würden sie aber auch nicht anonym schreiben? Da es vlt. ihre Position stark gefährden würde ? Nun ich kenne und arbeitete mit Muslim*innen und es ist wirklich ein schönes Miteinander. Mit Ihrer Verbitterung tun sie anderen Menschen unrecht. Ich lese gerade das Buch mein Dschihad der Liebe. Ich finde es ist ein sehr schönes Buch . Vlt. gefällt es Ihnen auch. Ich wünsche ihnen alles Gute. Judith Falk

Eva H. Wünsche
  ·  
16.07.2019-05:07

Dieser Text steht unter dem Thema Wahrheit: Und die "Wahrheit" über den vorgeblichen "Hass" auf Muslime - kennt alleine Frau Attia? wie vermessen ist denn das?
Wenn Sie in der Redaktion wirklich an der "Wahrheit" zu diesem Thema interessiert wären, hätten Sie gut daran getan genauso vorbehaltlos ebenfalls Kritiker zu dieser These zu hören.
Wie wärs z.B. mit einem Interview mit Zana Ramadani?

Was das starke Wort "Hass" betrifft, so dachten Sie dabei vielleicht an die Rechte Szene? Das wäre dann zu kurz gedacht:
Ich lebe in einem Gebiet, in dem der größte Teil CDU-Wähler ist. Dennoch macht sich auch hier eine "Beunruhigung" über das Verhalten der muslimischen Migranten breit, die alles andere als bereit sind sich zu integrieren.
Wenn Sie von fluter nun ebenso wie der Mainstream der Presse der Ansicht sind, die berechtigten Sorgen und Kritiken der westlichen Gesellschaft als "Hass" propagandieren zu müssen, dann dürfen Sie sich nicht wundern, wenn ebendieser auch der realitätsfernen Medien entgegschlägt.

Eva H. Wünsche
  ·  
17.07.2019-10:07

Es ist sehr bezeichnend, dass Sie Kritik an Ihrem einseitigen Artikel nicht veröffentlichen.

Das ist anscheinend Ihre Wahrheit?

Seit Jahren treue Fluter-Abonnentin, die sich nun leider in die Reihe der "Lügen-Presse"-Erfahrenen wiederfindet.

Eva H. Wünsche

Eva H. Wünsche
  ·  
17.07.2019-12:07

Ich entschuldige mich bei dem fluter-Redaktionsteam für meine offensichtlich vorschnelle Reaktion.
Mein vollstes Verständnis für die Prüfung auf Netiquette-Verstößen.
In der Hoffnung auf möglichst offene und demokratische Berichterstattung bleibe ich gespannt auf weitere Artikel.

Eva H. Wünsche

fluter.de
  ·  
17.07.2019-12:07

Liebe Eva,
danke für deine Meinung. Wir filtern alle Kommentare auf der Seite nach Werbung und Netiquette-Verstößen, bevor sie veröffentlichen. Das kann manchmal ein paar Stunden dauern. Bitte entschuldige das, deine Kommentare sind jetzt freigeschalten und online.
Gruß aus der Redaktion